Physiologie des Kummers

Auftakt Nur mit dem Finger draufzeigen reicht nicht - Jürgen Gosch inszeniert Yasmina Reza, Thomas Ostermeier Shakespeare

Das Deutsche Theater eröffnete vergangen Woche die neue Saison der Berliner Bühnen zwar "nur" in den Kammerspielen - rund um die große Bühne wird noch gebaut - aber dafür mit einer Uraufführung. Das entspricht dem Motto dieser Spielzeit. Anfänge lautet es und meint dreierlei: Auf dem Spielplan stehen antike und zeitgenössische Stücke, um die Suche nach den Ursprüngen des Theaters mit der Frage nach dessen Wirkmöglichkeiten zu verbinden. Und im Herbst öffnet eine dritte Spielstätte, in der sich der Nachwuchs erproben und möglichst bewähren soll.

Anfang ließe sich auch nennen, dass der Intendant Bernd Wilms drei namhafte Regisseure gewinnen konnte, die künftig zwar nicht exklusiv, aber kontinuierlich am Deutschen Theater arbeiten werden. Zu ihnen zählt Jürgen Gosch, dessen Düsseldorfer Macbeth im letzten Winter eine Debatte um den guten Geschmack auslöste - und letzten Monat in einer Kritikerumfrage zur Aufführung des Jahres gewählt wurde. Beides, Ehrung und Empörung, relativiert sich bei genauem Hinsehen, weil der Macbeth jener Uraufführung, mit der das Deutsche Theater nun in die Spielzeit ging, in vielem gleicht. Nur Preise wird sie so wenig ernten wie Protest.

Die Französin Yasmina Reza ist die derzeit meistgespielte Autorin, weil - oder obwohl - ihre Stücke beiläufigen Plauderton mit philosophischem Tiefgang verbinden. Letzterer scheint in ihrem neuesten Werk zu dominieren, führt es die Gedankenschwere doch bereits im Titel: Im Schlitten Arthur Schopenhauers heißt der ursprünglich als Prosa entstandene Text. Und tatsächlich melden sich neben dem Schlittenführer drei weitere Philosophen zu Wort. Doch wie stets bei Reza gilt: Bedeutungsvoll wird das Gesprochene erst durch jene, die es sprechen.

Schließlich ist die Autorin auch Schauspielerin und weiß, wie undankbar es ist, in eine fremde Haut zu schlüpfen und dafür alles Eigene abzulegen. Umgekehrt weiß sie aber auch um die Peinlichkeit, wenn Schauspieler als Privatpersonen auf der Bühne stehen. Deshalb schafft sie Figuren, deren Sprache zwar nach Alltag klingt; die Art des Sprechens macht sie jedoch zu Kunstfiguren, die mit dem Leben außerhalb des Theaters nur vermittelt zu tun haben.

Im Herbst wird Reza in Paris in ihrem eigenen Stück auftreten. Dass sie die Uraufführung trotzdem an Gosch vergab, hat gute Gründe: Dessen Arbeitsweise lässt sich ähnlich beschreiben: Wie kaum ein anderer Regisseur entwickelt Gosch seine Inszenierungen aus dem Raum, in dem sie stattfinden. Deshalb hat er nur mit wenigen Bühnenbildnern gearbeitet, und seit vielen Jahren heißt der Johannes Schütz. Der baut ihm zumeist farblose und geschlossene Räume, die nur zum Parkett hin offen und bis auf einzelne Requisiten leer sind. Nicht einmal Licht oder Musik bieten Anklänge an vertraute Welten.

In einem solch unwirtlichen Kunstraum spielt auch der Schlitten Schopenhauers, und wie das Stück stellt er hohe Anforderungen an die Schauspieler. Zugleich dient er ihrem Schutz, weil er ihnen ermöglicht, Eigenes einzubringen, ohne Privates preiszugeben. Das mag für Corinna Harfouch und Ulrich Matthes, die in Der Untergang das Ehepaar Goebbels spielten, der Reiz gewesen sein, sich auf eine Arbeit einzulassen, die ihren Ruhm nicht mehren wird. Dafür ist das Stück zu unscheinbar, das vier Personen in acht Szenen paarweise konfrontiert. Vom klassischen Dialog unterscheiden sich diese Zwiegespräche jedoch dadurch, dass jeweils nur einer spricht. Schon das sagt viel über den Zustand der gesellschaftlichen Miniatur aus. Und zur Hälfte der zwei Stunden hat Gosch ein unscheinbares, flüchtiges und gänzlich wortloses Bild eingefügt: Nur wenige Sekunden dauert der stumme Blick zwischen Nadine und Ariel, doch in diesem Blick steckt die Essenz des ganzen Stücks.

Dessen Text erhärtet die Diagnose: Neurotisch sind alle auf dem Schlitten Schopenhauers, und wohin der fährt, weiß Ariel (Ulrich Matthes) als Philosoph nur zu genau: in den Tod. Noch leben sie, heißt das im Umkehrschluss, und damit tun sie sich schwer: Mit maßlosem Furor beklagt Nadine (Corinna Harfouch) die Unart ihres Mannes, Apfelsinen mit der Hand zu schälen, um im stummen Dialog mit ihm genau das zu tun. Ariel hat sich auf dem Höhepunkt der akademischen Karriere in seinen Morgenmantel und tiefen Pessimismus gestürzt. Am Schluss tritt er im Anzug und mit dem Wunsch nach Zärtlichkeit vor seine Frau. Der Hausfreund Serge (Ernst Stötzner) stillt seine Libido als Rechtsberater und frönt einem naiven Optimismus. Und die Psychiaterin (Gabriele Heinz) hört dem Paar in Einzelsitzungen zwar geduldig zu, im letzten Bild entlädt sich ihre Mordlust aber in einer frenetischen Hasstirade.

Vier Charaktere mit je eigenen Blessuren, vier Philosophen mit je eigener Denkrichtung - der Versuch liegt nahe, Entsprechungen zu suchen. Das würde jedoch einen Abend verfehlen, der nicht die Welt oder das Leben erklären, sondern, ungleich bescheidener, eine "Physiologie des Kummers" liefern will, wie Reza Ariel sagen lässt.

Schwer genug, ließe sich ergänzen, denn wie es aussieht, wenn das Theater seine Möglichkeiten überschätzt, ist zwei Tage später beim Sommernachtstraum in der Schaubühne zu erleben. Den haben Thomas Ostermeier und Constanza Macras allerdings nur frei nach Shakespeare inszeniert. Eine Premiere war es streng genommen auch nicht, weil die Aufführung im Sommer schon in Athen lief. Das ist durchaus sinnfällig, weil das Stück dort spielt. Nicht auf Anhieb sinnfällig ist hingegen die Kombination von Schauspiel und Tanz, die an der Schaubühne gerade erst gescheitert ist. Und kaum ist Sasha Waltz gegangen, holt sich der Hausherr Ostermeier eine andere Choreografin ins Boot.

Selbst wohlwollende Stimmen vergleichen Macras´ Arbeiten mit Kindergeburtstagen, bei denen erlaubt ist, was Spaß macht. Den soll diesmal auch das Publikum haben: Der Weg zu den Sitzen führt über die Bühne, wo ausgelassene "Performer", wie das Programmheft Schauspieler und Tänzer unisono nennt, Bowle ausschenken. Dröhnend laute Live-Musik markiert schließlich den Beginn des Abends, aus dem alle Erwachsenen gestrichen sind. Außer einigen Geisterwesen bleibt nur die Jugend und deren Liebes-Irrungen im Wald vor Athen.

Im Bühnenbild von Jan Pappelbaum ist dieser Wald zu einer zweigeschossigen Lounge im Retro-Look mutiert, die mit Luftballons und Girlanden dekoriert ist. Elf grell gekleidete Partygäste haben sich hier versammelt, die der zwanghafte Wille eint, sich zu amüsieren. Und dieser Vorsatz diktiert unerbittlich die folgenden zwei Stunden. Strapaziös ist das für alle Beteiligten: für die "Performer", die ständig Kostüme und Masken wechseln, sich entblößen, Treppen steigen und sportliche Tanzeinlagen absolvieren müssen, für die Band, die das Musikrepertoire von Händel bis Hard-Rock abdecken muss, und schließlich für das Publikum, dem mögliche Motive für das Treiben vorenthalten werden.

Das ist an diesem Ort nicht die Regel, denn Ostermeiers Arbeiten haben sonst stets einen moralisierenden Grundton. Der schleicht sich auch in diesen Abend ein, wenn auch durch die Hintertür. Die öffnet sich mit dem ersten Satz, der den Prolog des (gestrichenen) Rüpelspiels zitiert: "Wenn wir missfallen tun, so ist´s mit gutem Willen. / Der Vorsatz bleibt doch gut, wenn wir ihn nicht erfüllen."

Guter Wille, guter Vorsatz - für Shakespeares dilettierende Handwerker mag das reichen. Von professionellem Theater darf man mehr, genauer: weniger erwarten. Denn die Crux der Inszenierung ist nicht, dass sie ihren Vorsatz nicht erfüllt - der Vorsatz selbst ist ihr Problem, weil die Vermessenheit schon in der Behauptung liegt, auf der Bühne existenzielle Tatbestände wie "Identitätsverlust und Sex" abhandeln zu können. Denn auch die dialektische Volte, nach der das bloße Zeigen schon die Kritik enthält, greift hier nicht: Dafür sind die pubertäre Aufgekratztheit und die Sandkasten-Erotik schlicht zu harmlos. Und so krankt der Abend an just dem Amüsierzwang, den es als Krankheit der Jugend diagnostiziert haben will.

Dass für dieses Nullsummenspiel Shakespeare herhalten musste, ist noch das geringste Übel: Ein Stück zu kürzen oder zu verändern steht jedem Regisseur frei. In diesem Falle zeugt es jedoch nicht von Klugheit, weil im Sommernachtstraum zum Thema "Identitätsverlust und Sex" ungleich mehr steht, als in der Bearbeitung der Schaubühne übrig bleibt. Doch zum Glück ist Berlin eine Stadt mit mehreren Theatern und der Sommernachtstraum ein viel gespieltes Stück. Für den Februar kündigt das Deutsche Theater eine Inszenierung an. Regie führt Jürgen Gosch.


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00:00 08.09.2006

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