Picknick auf Abruf

Kindheit in Angola Coreano - acht Kapitel eines Augenblicks

"Warum müssen Konferenzen stattfinden wie der Weltkindergipfel in New York", fragt UNICEF-Botschafter Peter Ustinov, um zu antworten, "weil Politiker notorisch kurzsichtig sind. Weil ihre Versprechen nur etwas wert sind, wenn man sie damit blamieren kann." - Der erste Kindergipfel 1990 hatte versprochen, die Weichen hin zu einer kinderfreundlichen Welt zu stellen. Dies gelang so gründlich, dass in dieser Welt während der vergangenen zwölf Jahre mehr als zwei Millionen Kinder in Kriegen ums Leben kamen. Über sechs Millionen wurden verletzt. Besonders verheerend ist die Lage in Afrika südlich der Sahara. Nicht nur, weil dort die meisten der insgesamt 300.000 Kindersoldaten rekrutiert werden, sondern sich 15 Millionen Kinder und Jugendliche als Vertriebene durchschlagen müssen - in Ruanda, Burundi, Liberia, im Kongo, in Angola ...

Tunnelzelt


Coreanos Gesicht ist verschlossen, die Arme liegen wie schützendes Mauerwerk vor seiner Brust, quer über den Nasenrücken verläuft eine kleine, helle Narbe. "Ich bin 13", sagt der Junge, als habe er damit absolut niemandem etwas zu sagen, sondern allein sich selbst. Dann entschwindet er auf die Bank vor einem seltsamen Tunnelzelt und ist nicht mehr ansprechbar.
Mit drei Geschwistern und den Eltern lebt Coreano seit November letzten Jahres in einem jener provisorischen Lager, von denen es in Angola mehr als genug gibt. Eine Zuflucht der kleinen großen sinnlosen Ewigkeit. Die meisten Camps der Vertriebenen haben nur einen Namen, keine Adresse. Coreanos Zeltstadt heißt "Viana" und liegt 40 Kilometer südlich von Luanda.

Matchbox


Coeranos Zelt ist aus bunten, geflickten Tüchern gebaut, die dem Quartier ein Dach geben und es zugleich in eine Kochstelle und zwei Schlafnischen teilen. Das Konterfei von Staatschef Eduardo dos Santos hängt gleich neben einer Batterie-Uhr mit kitschig-buntem, römischen Zifferblatt in der Küche. Daneben ringen Blumen in alten Milchpulverdosen um Lebenskraft. Gedankenverloren schiebt Coreano ein kaputtes Matchbox-Auto, das nur noch hinten Räder hat, durch den schmutzigen Sand, die Finger der linken Hand im Mund, nur mit sich selbst beschäftigt.
"Hier haben die Kinder keine Angst mehr, hier im Lager sind sie sicher", ist sein Vater überzeugt. "Manchmal nachts schläft er schlecht, wir haben es nicht sehr bequem ..."

Barometer


Coreanos unbequemes Land wird 1999 durch das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) als "eine der furchtbarsten Gegenden der Welt" bezeichnet, in denen ein Kind überhaupt geboren werden könne.
Angola heißt seit drei Jahrzehnten ein afrikanischer Krieg, der so einträglich ist, dass er sich noch immer oder nun erst recht einen afrikanischen Staat leisten kann. Sooft der Krieg für beendet erklärt wird, sooft beginnt er wieder. Nach dem Tod von Jonas Savimbi, des Kommandeurs der Kriegspartei UNITA, am 22. Februar 2002, gilt ein weiterer Anlauf zum Frieden als ausgemacht.
Coreanos Vater tippt auf die Uhr im Zelt als sei sie ein Barometer und könnte mehr preisgeben als verlorene Zeit. Präsident dos Santos auf dem Bild daneben sieht starr an ihm vorbei.

Ration


Coreanos Vater nennt das Leben in Angola "Picknick auf Abruf". Das heißt, man bleibt nie lange irgendwo, überlebt irgendwie und hat nur Muße, Trauer, Zorn und Müdigkeit in ein breites Lachen zu packen. Für ein Picknick in Viana stehen 12 Kilo Mais, 1,2 Kilo Bohnen, ein halber Liter Speiseöl, 150 Gramm Salz und Weißbrote nach Bedarf zur Verfügung. Die Monatsration einer fünfköpfigen Familie dank Welthungerhilfe und UNICEF. 25.000 mal werden die Überlebensrationen im Camp verteilt. Die Lagerverwaltung achtet darauf, dass Verschwendungen oder Schwarzhandel unterbleiben. Die Vertriebenen sollen sich an ihrer Not nicht bereichern.

Artillerie


Coreanos erste Ration aus fremder Hand gibt es 1993 in Huambo. Die Provinzhauptstadt im tiefen Süden ist das erste Ziel der Familie nach ihrer Flucht aus dem Heimatort Cacondo. Vier Jahre später, Anfang 1997, liegt Humabo unter dem Feuer der UNITA. Die ausgebombte Fabrik, in der sich Coreanos Familie notdürftig eingerichtet hat, schon damals mit dem Bild des Präsidenten, bäumt sich noch einmal auf, mit allem, was ihr geblieben ist, geborstenen Kolben, Rädern, Luken, Schächten, Bergen von Schutt - aber es nützt wenig. Die Artilleriegranaten finden ihr Ziel. Doch da marschiert Coreano schon die 400 Kilometer nach "Viana" bei Luanda. Er ist kurz vor dem Ziel, als Huambo von der Regierungsarmee zurückerobert wird. In "Viana" trifft Coreano auf Avelina Ngeve, eine Lehrerin aus der Hauptstadt.

Schaumstoff


Coreanos Lehrerin sagt, "es ist wichtig, immer wieder mit den Kindern zu sprechen, sie zu ermutigen, ihre Erfahrungen aufzuschreiben oder zu zeichnen." Avelina Ngeve arbeitet seit zwei Jahren im Camp und könnte sich um etwa 5.000 Angolaner kümmern, die hier gestrandet und nicht älter als 16 sind. In ihrem kleinen, offenen Klassenzimmer sitzen 30 an notdürftig gezimmertem Mobiliar: Kisten, die für drei Unterrichtsstunden am Nachmittag als Tische und Stühle dienen.
"Wir versuchen, hier den Kindern einen möglichst normalen Alltag zu geben", erklärt Avelina und hantiert mit Schaumstoff-Resten, die als Spielzeug dienen. An einem kleinen Tisch sitzen eine paar Jungen und modellieren daraus Figuren und Tiere. "Es ist für meine Arbeit vorteilhaft, selbst im Lager zu leben, selbst zu wissen, was es bedeutet, von heute auf morgen fast alles zu verlieren."

Totenschädel


Coreanos Klassenzimmer muss stellenweise ohne Dach auskommen, doch den schwarzen Schnee der Rußflocken, der auf die Köpfe fiel, als seinerzeit die Fabrik in Huambo noch einmal abbrannte, und die lodernden Steine und die Schreie, als es passierte - das alles hält dieses Dach ab. Avelina Ngeve: "Kinder, die den Krieg erlebt haben - und das sind eigentlich alle Kinder in Angola - sind oft aggressiv oder verschlossen und sehr schutzbedürftig. Sie sind schlicht und einfach verrückt vor Angst, auch wenn es im Lager keinen Grund dafür gibt."
Angst und Wut müssen in "Viana" nicht von Dauer sein. Sie können sich auflösen in von Lumpen umflatterte Zeltburgen, armselig bekleidete Frauen, Gesichter mit zerfließenden Zügen. Aufgezehrte Geduld und Liebe der Eltern.
"Die Eltern haben ihre Wurzeln verloren, ihre Heimat, sie haben kaum eine Chance, das jemals wieder zu finden, bei den Kindern ist das anders", glaubt Avelina. Der Krieg hinterlässt überall Schilder - ein Totenschädel auf rotem Grund, die landläufige Minenwarnung, tausendfach. Was jenseits der Schilder liegt, ist gefährlicher als das Niemandsland zwischen den Gräben einer Front.

Erdölminister


Coreanos Stimme verrät, dass er später Minister für Erdöl werden möchte. Oder Präsident, um der Familie zu helfen. Der um ein Jahr jüngerer Freund Rui, den Coreano im Lager kennengelernt hat, lacht: "Es gibt gar keinen Minister für Erdöl!" Er bewegt sich ein paar Schritte auf Coreano zu, macht eine schnelle Handbewegung, wie um ihn zu kitzeln. Coreano zuckt zusammen, lacht und steckt den Daumen in den Mund. "Du wirst nicht Erdölminister, irgendwann ziehst du mit deinen Eltern wieder nach Hause oder wenigstens nach Huambo", tröstet ihn Rui. "Nein, niemals", wehrt Coreano ab. "Niemals". Die Arme sind wieder zur Mauer verschränkt. Irgendwo tickt eine Uhr, im Zelt der Familie wahrscheinlich, die bunte Uhr gleich neben dem Bild des Präsidenten von Angola.

Aufgeschrieben nach Beobachtungen von Britta Lippold, Luanda.
00:00 10.05.2002

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