Piep, Piep, Piiiiep

Radio Die Video-Ära und den Schweizer Gebührenstreit hat es überlebt, jetzt droht nur noch das UKW-Aus. Zeit für eine Liebeserklärung

Piep, Piep, Piiiiep. „Acht Uhr, die Nachrichten“, sagt der Sprecher. Ich bin hier, draußen ist die Welt und sie lässt sich einordnen, auch von mir, der ich gar nicht so viel weiß. Schlagartig macht sich Entspannung in mir breit. Nüchtern redet der Sprecher über Trumps Handelspolitik.

Zwei Ereignisse haben in letzter Zeit den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zurück ins kollektive Gedächtnis gerufen. Zum einen stimmten die Schweizer darüber ab, ob sie weiterhin Gebühren für ihre Öffentlich-Rechtlichen zahlen wollen. Dann drohte in Deutschland Anfang April das Aus für den UKW-Empfang. Antennenbetreiber, die Eigentümer und Sender konnten sich nicht auf einen Preis einigen. Trotz digitaler Alternativen empfangen rund 93 Prozent der Bevölkerung ihr Radioprogramm über die UKW-Antenne. Doch die Schweizer sagten deutlich Ja zu den Gebühren und auch das deutsche UKW-Blackout ließ sich vorläufig abwenden.

In mir kam ein Gefühl von Liebe für den Deutschlandfunk auf. Als wäre etwas ganz selbstverständlich Anwesendes plötzlich dem Tod von der Schippe gesprungen. Wie ein Elternteil, das wir lieben, ohne es zu sagen. Eltern sind da, man hat sich das nicht ausgesucht. Erst wenn sie weg sind, fällt einem ein, dass sie einen zum Menschen gemacht haben. Lass uns doch einen Tag miteinander verbringen, Deutschlandfunk.

Sex-Appeal von Feinripp

Nur hier und da dezentes Blätterrascheln zwischen den Themen, angemessenes Atemholen. Einmal, als sich der Nachrichtensprecher zwischen Wetterbericht und Temperaturen räuspern oder husten muss, drückt er den Stummknopf in seinem Studio, um mich nicht zu belästigen. Ein höflicher Mann. Am Nachmittag werden die SPD-Delegierten darüber abstimmen, ob Andrea Nahles oder Simone Lange künftig den Parteivorsitz übernimmt. Zum ersten Mal in der Geschichte der SPD wird eine Frau an ihrer Spitze stehen. Meisterklasse, wie frei jeden Skandals der namenlose Sprecher dabei „eine Frau“ betont. Mancher Privatsender-Moderator würde im Anschluss die Gelegenheit für einen schlechten Witz über Frauen-Schlamm-Catchen nutzen. Hier hingegen folgt die Sendung Information und Musik. Zum Einstieg spielen sie Johann Sebastian Bach. Kann man machen an einem Sonntagmorgen. Hier heißt Comedy auch Kabarett.

9.30 Uhr: Manches nervt natürlich. In Essay und Diskurs, eigentlich eines meiner Lieblingsformate, spricht jetzt der Politiker und Publizist Daniel Cohn-Bendit mit dem Sozialforscher Claus Leggewie über die Folgen der 1968er-Revolte. Ich frage mich, ob Cohn-Bendit der letzte 68er-Zeitzeuge ist, mit dem man noch sprechen kann. Wo sind die anderen? Die beiden älteren Herren tauschen sich über ihre Vergangenheit aus. Ich schweife ab in meine. In der Schule, wir waren vielleicht in der Zehnten, meldete sich einmal eine Mitschülerin mit einem guten Beitrag zu Wort. Ihre Erklärung – es ging um so etwas wie Webstühle und die Industrielle Revolution, übertraf die des Geschichtslehrers. „Woher weißt du das so genau?“, fragte der überrascht. „Aus der Sendung mit der Maus“, antwortete Annika. Wie so viele war sie in ihrer Kindheit eine regelmäßige Maus-Konsumentin und eine Menge Maus-Wissen hatte die Zeit überdauert. Auch ich war ein erklärter Fan und von der Maus stieg ich irgendwann nahtlos auf den Deutschlandfunk um. Er lief in meinem Elternhaus morgens in der Küche.

10.05 Uhr: Zeit für den Gottesdienst. Manchmal höre ich kurz rein, allein, weil ich es faszinierend finde, dass immer noch sehr viele Menschen einen Glauben haben. Die Vielfalt seiner Programminhalte ist eine der schönsten Seiten des DLF, wie die Fans sagen. Er muss nicht die eine Zielgruppe bedienen. Er hat Programmautonomie und muss dabei nur die umfassende, freie individuelle und öffentliche Meinungsbildung gewährleisten, so will es das Grundgesetz. Nur. Das ist so einfach dahingesagt vom Grundgesetz.

Es leben ja immerhin über 80 Millionen Menschen in diesem Land, die alle irgendwie angesprochen werden müssen. Und nur so lassen sich an einem Tag ein französischer Militär-Imam, die Sprechstunde über Einsamkeit mit Höreranrufen, der Verbrauchertipp zum Investment in Edelmetalle, die Edeka-Jahresbilanz, die Echo-Preisverleihung, ein Feature über die Verlockung rechten Denkens, Sport, Jazz, die Presseschauen und neben vielem anderem immer wieder sehr gut recherchierte und variierende Nachrichten unterbringen, einmal die Woche im Rückblick sogar in einfacher Sprache.

Wussten Sie, dass in ganz Ecuador Rosen in bis zu 400 verschiedenen Farbtönen wachsen? Der bunte Strauß dringendster und abwegigster Informationen, die immer irgendjemanden berücksichtigen – ob Mehr- oder Minderheit – ist toll. Zur Vielfalt kommt die hohe Qualität. An den Standorten Brüssel, London, Moskau, Paris, Warschau und Washington ist das Deutschlandradio, der Zusammenschluss von DLF, DLF Kultur und DLF Nova, mit eigenen Korrespondenten und Korrespondentinnen vertreten. Zum gemeinsam genutzten Auslandskorrespondentennetz von ARD und Deutschlandradio gehören rund 60 weitere Berichterstatter. Die Sprecher sind durchweg gut ausgebildete Profis, in den Features und Hörspielen tauchen die großen deutschen Schauspielerstimmen auf. Und die journalistischen Beiträge sind fundiert recherchiert. Information kommt immer vor Unterhaltung. Das verraten schon die Titel der Sendungen, deren Sex-Appeal Hand in Hand mit Feinripp-Unterhosen geht. Sie machen ganz schlicht klar, was einen erwartet: Die neue Platte bespricht eine neue Platte.

Besonders liebe ich die Interviews der Sportredaktion, weil hier mehr Journalisten arbeiten als ehemalige Sportstars. Statt verbrüderndem Schulterklopfen wird Funktionären und Sportpolitikern mit Hartnäckigkeit nachgestellt.

Wissen durch die Hintertür

Eine Spiegel-Online-Eilmeldung poppt auf meinem Handy auf. Andrea Nahles ist jetzt gewählt. Wozu die Eile? Ich werde alle wichtigen Details bald in den DLF-Nachrichten hören. Und am Abend informiert der Hintergrund über den Hintergrund. DLF-Hörer müssen entspannter sein als Spon-Leser.

19.05 Uhr: Sport am Wochenende. Der Deutsche Olympische Sportbund, kurz DOSB, ist ein mächtiges Tier. Spitzensportler wollen vor ihm mit einem eigenen Verein in die Selbstbestimmung flüchten. Für ihre Arbeit fordern sie Steuergelder ein. Dazu befragt Marina Schweizer den parlamentarischen Staatssekretär im Bundesinnenministerium: Stephan Mayer von der CSU. Der will den Athleten zwar Geld geben, aber nur unter dem Dach des DOSB. Geschlagene elfeinhalb Minuten windet sich Mayer um eine konkrete Haltung. Schweizer bleibt am Ball.

Schweizer: „Hat Ihr Parteifreund Alfred Hörmann, der DOSB-Präsident, da Überzeugungsarbeit geleistet bei der Union? Weil Sie jetzt sagen, dass Sie auch dafür sind, dass es unter dem Dach des DOSB weitergeht?“ Mayer: „Ja, also, das hat mit … äh … der Parteizugehörigkeit … äh … beileibe überhaupt nichts zu tun.“

Natürlich höre ich im Alltag nicht permanent Radio. Doch auch an gewöhnlichen Tagen läuft es am Morgen, beim Kochen, beim Autofahrten und an vielen Abenden. Im Schnitt kommt jeder Deutsche auf eine Radiohördauer von knapp drei Stunden täglich. Gutes Radio ist ein Nebenher-Medium, das sich nicht aufdrängt. Immerhin neun Leuten gefällt mein Facebook-Statement: „hört Deutschlandfunk“. Auch wenn das Programm mich manchmal verliert, weil hier nicht lautstarker Pop totale Aufmerksamkeit fordert, holen mich bestimmte Inhalte immer wieder ganz zurück. Und oft packt mich das Interesse gerade da, wo ich nicht damit rechne. So mache ich mir plötzlich Gedanken über die Sanierung des Opel-Konzerns. Wissen, das durch die Hintertür in mein Leben tritt.

Über 400 Radiosender gab es 2017 in Deutschland, davon 66 öffentlich-rechtliche. Das Vertrauen in die Qualität deutscher Medien ist grundsätzlich hoch. Doch der öffentlich-rechtliche Hörfunk baut seine Spitzenposition weiter aus. 82 Prozent sind einer Infratest-Umfrage im Auftrag des WDR zufolge von der Glaubwürdigkeit öffentlich-rechtlicher Radiosender überzeugt. Nur die AfD-Wähler nicht, aber die kommen im DLF auch wirklich selten vor.

20.05 Uhr: Das Feature Betreten auf eigene Gefahr über einen Ausflug in die virtuelle Realität ist mir zu anbiedernd jugendlich: „Ich bin dafür da, dass du ’nen guten Trip hast.“ Ich hätte es wissen können, die Sendereihe heißt nicht umsonst Freistil.

Ein ehemaliger Nachbar saß oft halbe Abende angeschnallt im Auto vor unserer Einfahrt. Er hing fest in einem Feature, einem Konzert, einem Auslands- oder Reisebericht und kam wortwörtlich nicht raus. Ich erinnere mich an das Partygespräch mit den intellektuellen Mitvierzigern, die gar nicht mehr aufhörten, über Sendungen wie Klassik-Pop-et cetera, Wirtschaft am Mittag oder die Lebenszeit zu schwärmen, als wäre es Beyoncé. Und ich erinnere mich an den Abend, an dem ich mich mit einem Rotweinglas in der Hand allein in der Küche wiederfand, ein Jazzkonzert hörend, obwohl ich Jazz nie verstanden habe, und heimatliche Gefühle aufkamen für dieses Radioprogramm. War ich alt und intellektuell geworden, ohne es zu merken?

Über 1,8 Millionen Menschen pro Wochentag hören wie ich den Deutschlandfunk. Und weil er nie die Absicht hatte, mich in irgendeine Schublade einzusortieren, ist es egal, ob ich mich beim Hören in ihm wiedererkenne. Lokalkolorierten Hit-Sendern wie Antenne Bayern geht es um Gruppenzugehörigkeit. Beim DLF geht es um alles andere: Deutschland, Europa und die Welt. Und um die Bereitschaft nachzufragen, sich auseinanderzusetzen und unterschiedliche Meinungen auszuhalten. Das hört sich wenig hip an, aber hip sein ist nicht sein Job. So hat 1962 auch alles angefangen, als der DLF zum ersten Mal auf Sendung ging. Als Antwort auf den Mauerbau hielt er den DDR-Bürgern ein Türchen zur Bundesrepublik offen, wo es unabhängige Informationen für jeden gab und gibt. Als wäre das selbstverständlich.

23.57 Uhr: Ich höre mir erst die National- und dann die Europahymne an und weiß, wo ich hingehöre. Gute Nacht, danke und bis morgen, lieber DLF.

06:00 21.05.2018

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