Piketty hat dazugelernt

Kapital Der Bestsellerautor will Ungleichheit bekämpfen. Hoffentlich findet sein neues Buch die richtigen Leser
Michael Krätke | Ausgabe 47/2019 168

Thomas Piketty hat nachgelegt. Mit einem Wälzer, über 1.300 Seiten stark. Kapital und Ideologie heißt das Buch, das im März 2020 auf Deutsch und Englisch erscheinen wird. Die französische Ausgabe, die seit einigen Wochen verfügbar ist, hat in der Ökonomenwelt bereits für heftige Debatten gesorgt.

Fast über Nacht wurde Thomas Piketty zum internationalen Popstar – dank des unerwarteten Erfolgs seines ersten großen Wälzers Das Kapital im 21. Jahrhundert. Das 2013 erschienene Buch erregte Aufsehen weit über die Ökonomenzunft hinaus, obwohl der Titel trog, denn theoretisch hatte Pikettys Buch wenig zu bieten. Eine Analyse des Kapitalismus im 21. Jahrhundert bot es jedenfalls nicht.

Aber das Buch war eine Fundgrube an Material, in ungekannt detaillierter Form versammelte es Daten über die Entwicklung der Ungleichheit von Einkommen und Vermögen in den führenden kapitalistischen Ländern, und zwar über einen Zeitraum vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis ins 21. Jahrhundert. Pikettys Datensätze zeigten klar, dass die ökonomische und damit zusammenhängend soziale Ungleichheit zwar für einige Zeit gesunken war – bedingt durch zwei Weltkriege und die große Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1940 –, dass sie aber seit dem Ende der 1960er Jahre wieder anstieg, beschleunigt seit den 1980er Jahren. Damit war ein Klassiker der Ökonomie, die sogenannte Kuznets-Kurve, widerlegt. Entgegen der lange geglaubten Lehrbuchweisheit nimmt die ökonomische und soziale Ungleichheit mit der „Reifung“ kapitalistischer Ökonomien nicht wieder ab, im Gegenteil, sie steigt rasant an.

Pikettys Analyse der Daten zeigte klar, dass die in den 1970ern beginnenden Steuersenkungswettläufe eine der Hauptursachen für die erneute drastische Zunahme der Ungleichheit von Einkommen und Vermögen waren. Daher die naheliegende Schlussfolgerung: Um die exorbitante ökonomische Ungleichheit zu reduzieren, müssen die Steuersätze erhöht, die Vermögens- und die Einkommenssteuer wieder progressiv gemacht werden.

Damit ist Piketty nicht allein. Er gehört zu einer Gruppe junger Ökonomen aus Frankreich und einigen anderen Ländern, die seit Jahren zusammenarbeiten und in Paris eine internationale Arbeitsgruppe gegründet haben, das World Inequality Lab. Dieses hat einen eindrucksvollen Satz von Datenreihen über die Entwicklung der Einkommens- und Vermögensungleichheit in allen OECD-Ländern und darüber hinaus zusammengestellt und fortlaufend erweitert.

Sozialdemokraten, hört ihr?

Einige dieser jungen Ökonomen lehren inzwischen in den USA, Emmanuel Saez und Gabriel Zucman an der University of California in Berkeley. Ihre Arbeiten haben nicht nur die akademische Zunft der Ökonomik aufgerüttelt, sondern auch politische Wirkung gezeigt. Elizabeth Warren und Bernie Sanders, zwei der aussichtsreicheren Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten, suchen ihren Rat und befolgen ihn sogar. In den Wahlprogrammen der beiden gehört die progressive Vermögenssteuer, die Piketty und seine Mitstreiter seit Jahren propagieren, inzwischen zum harten Kern. Leider wollen die sozialdemokratischen Parteien in Europa von diesem ursozialdemokratischen Steuerprogramm bis heute nichts wissen.

Piketty versucht in seinem neuen Buch, Capital et Idéologie, detailliert zu erklären, warum Gesellschaften mit hohen und rasant steigenden Niveaus ökonomischer und sozialer Ungleichheit leben können. Das hat, nicht überraschend, mit Ideologien zu tun. Der Glaube an eine meritokratische Ordnung spielt eine Schlüsselrolle. Jeder bekommt, was er verdient. Wer mehr bekommt, hat das auch verdient. Es ist der altbekannte ideologische Angelpunkt des modernen Kapitalismus. Die Reichen, die Kapital- und Vermögensbesitzer, wollen nicht nur reich sein, sie wollen auch das unbestreitbare und unangefochtene Recht auf ihren Reichtum haben, wie Max Weber betonte.

Der Glaube an die Meritokratie scheint in der Tat kaum erschüttert, wie die Daten zeigen. Er hat keineswegs abgenommen, obwohl die ökonomische Ungleichheit weiterhin kräftig zunimmt. Mehr noch: Das sogenannte Ungleichheits-Paradox zeigt, dass sich Menschen in Ländern mit höherer ökonomischer und sozialer Ungleichheit deutlich weniger Sorgen um die Ungleichheit machen als in Ländern, in denen die ökonomische und soziale Ungleichheit geringer ist.

Die zweite Hälfte des Buchs widmet Piketty der Vorstellung seiner politischen Vorschläge zur Verringerung der nach wie vor steigenden ökonomischen und sozialen Ungleichheit in allen kapitalistischen Ländern. Seine Rezepte ordnet er in drei Gruppen: Erstens Veränderungen der Unternehmensstrukturen, wodurch Beschäftigte mehr Macht bekommen sollen. Zweitens eine deutliche Umverteilung von Einkommen und Vermögen durch eine radikale Steuerreform. Und drittens eine weitgehende Reform der Europäischen Union, die einem transnationalen Föderalismus in Europa zum Durchbruch verhelfen soll.

Veranstaltungshinweis

Am 12. März 2020 spricht Jakob Augstein mit Thomas Piketty über sein neues Buch „Kapital und Ideologie“ in einer Spezialausgabe des Freitag-Salons im Großen Haus der Berliner Volksbühne. Mehr Infos gibt es hier

Piketty hat dazugelernt, vor allem von Anthony Atkinson, dem Doyen der britischen Ungleichheitsforschung. Zwei Vorschläge greift Piketty auf, und beide gehen weit über die deutsche Mitbestimmung hinaus. Die Beschäftigten sollten fortan 50 Prozent der Sitze im Aufsichts- oder Verwaltungsrat ihrer Unternehmen einnehmen. Und: Die Macht der größten Aktionäre sollte auf maximal zehn Prozent der Stimmrechte im Unternehmen beschränkt werden, ganz gleich, wie hoch ihr Anteil am Aktienkapital ist.

Dazu kommt ein Vorschlag von ähnlicher Radikalität wie das bedingungslose Grundeinkommen, von dem Piketty im Übrigen nichts hält: Zum 25. Geburtstag sollte jede und jeder vom Staat 120.000 Euro zur freien Verfügung erhalten, als einmalige Zahlung, ohne Abstriche und steuerfrei. Damit würde jeder zum Erben und Vermögensbesitzer beziehungsweise zum kleinen Kapitalisten, wenigstens einmal im Leben.

Pikettys neues Steuersystem ruht auf zwei Säulen: einer progressiven Vermögenssteuer, einer progressiven Erbschaftssteuer und einer progressiven Einkommenssteuer. Den Progressionstarif der Vermögenssteuer stellt sich Piketty recht moderat vor. Nur Milliardenvermögen sollen drastisch besteuert, das heißt de facto in Teilen vom Fiskus konfisziert werden. Für Milliardäre soll der Steuersatz auf bis zu 90 Prozent steigen, also auf das Niveau der im und nach dem Zweiten Weltkrieg üblichen Steuersätze.

Der Tarif der progressiven Einkommenssteuer soll mit zehn Prozent beginnen, bei einem Einkommen, das der Hälfte des Durchschnittseinkommens entspricht. Wer das Doppelte des Durchschnittseinkommens verdient, zahlt 40 Prozent Einkommenssteuer, wer das Fünffache verdient, zahlt 50 Prozent, beim Zehnfachen des Durchschnittseinkommens werden 60 Prozent fällig, beim Hundertfachen 70 Prozent und so weiter. Diese progressive Einkommenssteuer, die sehr viel weiter geht als alle vorhandenen Einkommenssteuertarife, soll insgesamt etwa 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für den Staat aufbringen. Damit würde das neue Steuersystem – auch ohne indirekte Massensteuern, die entfallen könnten – insgesamt etwa 45 Prozent des BIP für öffentliche Ausgaben einbringen, was etwa dem Durchschnitt des Staatsanteils in den Mitgliedsländern der EU entspricht. Die gesamte Steuerlast würde also in etwa gleich bleiben, sie würde nur deutlich anders verteilt – zulasten der Vermögensbesitzer und der Höchstverdienenden.

Piketty macht einige weitere bedenkenswerte Vorschläge, etwa den einer personalisierten Steuer auf CO₂-Emissionen, die mit der Größe des individuellen CO₂-Fußabdrucks steigt. Und die darüber hinaus von Jahr zu Jahr erhöht wird, wie jede effektive Umweltsteuer erhöht werden sollte. Im Blick auf die EU plädiert er für eigene EU-Steuern, die insgesamt etwa vier Prozent des gesamten BIP der EU-Länder aufbringen sollten: eine CO₂-Steuer, eine Steuer auf hohe Einkommen, eine Vermögenssteuer und eine Körperschaftssteuer. Klingt alles gut und zumindest überlegenswert. Bleibt nur zu hoffen, dass es in der europäischen Linken auch ein paar Leute mit Verstand gibt, die auf Piketty und seine Musketiere hören wollen.

Info

Capital et Idéologie Thomas Piketty Seuil, Paris 2019, 1.197 Seiten, 24,99 €

06:00 27.12.2019

Ausgabe 14/2020

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