Pilgern nach Mekka

Indonesien Seit der Bombe von Bali ist Megawati Sukarnoputri ein Sinnbild für Tragik und Versagen der muslimischen Welt

Es geschah im Wahlkampf 1999. Radikale Muslime brachten ein Foto in Umlauf, um die populärste Frau Indonesiens zu diskreditieren. Das Bild zeigte Megawati an einer heiligen Stätte Balis - die Muslimin betend wie eine Hindu! Megawati hatte den Balinesen mit dieser Geste Respekt erweisen wollen; die Großmutter stammte von der Insel, und ihr eigener Name Megawati erinnert an die hinduistische Göttin der Wolken. Doch der religiöse Grenzübertritt erwies sich als gefährlich - die Eiferer der Islam-Parteien, die keine Frau an der Spitze der Nation sehen wollten, riefen ihr fortan höhnisch zu: "Bist du Hindu oder Muslim?" Bis Megawati später auf Pilgerfahrt nach Mekka ging und sich derart als echte Muslimin bewies. Allein dank ihrer persönlichen Erfahrungen liegt der Präsidentin Sympathie mit islamischen Fundamentalisten fern. Und doch ist diese säkulare Nationalistin seit dem Massaker von Bali ein Sinnbild für tragisches Versagen: Angeklagt der zu großen Nachsicht gegenüber Bombenlegern, greift sie nun zu Notstandsdekreten - und lässt die Innenpolitik des größten muslimischen Staates der Welt von Washington diktieren. Wie konnte das passieren? Man muss zuerst Indonesiens Islam verstehen: Ein ländlich-tropischer Islam, zu dem sich rund 85 Prozent der 210 Millionen Indonesier bekennen. Er ist oft durchsetzt mit älteren Glaubenselementen, mit Hinduismus, Geisterglaube und Magie. Seit dem Sturz des Diktators Suharto 1998 haben sich etliche politisch-islamische Kleinparteien gegründet, sie sind lautstark in der Hauptstadt Jakarta, doch ohne Massenanhang im Inselreich. Die großen Muslim-Organisationen halten an einer liberalen Deutung der islamischen Lehre fest und haben sich erst jüngst wieder gegen die Einführung islamischen Rechts (Sharia) ausgesprochen. Aber auch dies ist wahr: Die anhaltende Wirtschaftskrise und das politische Chaos seit dem Ende der Suharto-Zeit verleiten viele Indonesier dazu, sich an ihre ethnische und religiöse Identität zu klammern und sie hochnervös zu verteidigen. Obwohl Muslime die übergroße Mehrheit im Land stellen, ist ihr Selbstbewusstsein gering, fühlen sie sich schnell als Opfer. So sah die Kulisse aus für Morde und Überfälle in den vergangenen zwei Jahren - Verbrechen, die vom Rest der Welt bislang eher mit beiläufigem Kopfschütteln zur Kenntnis genommen wurden: Bombenanschläge auf Kirchen, Überfälle auf Bars, bewaffnete Jihad-Kämpfer auf den Molukken und West-Papua. Dabei waren viele der begangenen Verbrechen zweigesichtig: Geldgeber köderten religiöse Gruppen für ihre Interessen, das Militär verteilte Waffen, statt zu entwaffnen, Demonstranten konnten an jeder Ecke gekauft werden, und den Maskierten, die mit "Allah ist groß"-Rufen die Videogeräte in Vergnügungslokalen konfiszierten, folgten auf der Stelle die Schutzgeld-Erpresser - ein Klima der Gesetzlosigkeit. Korruption, politisches Kalkül oder auch schlichte Unfähigkeit verhinderten die Aufklärung. Menschenrechts-Aktivisten vermuteten Kräfte der untergegangenen Diktatur hinter den Anschlägen auf Kirchen; das Militär sei gefährlicher als die Islamisten, hieß es. All das war Innenpolitik und typisch Indonesien.

Megawati befand sich gerade zwei Monate im Präsidentenamt, als sich mit dem 11. September 2001 der westliche Blick auf ihr Land abrupt veränderte. Vorher waren Reformasi, mehr Demokratie, das Zurückdrängen der Armee aus der Politik, die Ahndung der Verbrechen in Osttimor wichtig, jetzt zählte nur eines: Gibt es auf diesem Archipel Dependancen von Osama bin Laden? Megawati war unter den ersten Staatschefs, die George Bush seinerzeit kondolierten. Sie wollte den Kampf gegen Terrorismus unterstützen, aber sich vom Krieg der USA in Afghanistan fern halten. Für einen Augenblick wollte man sie damit gern in einer glänzenden Rolle sehen, die der muslimischen Welt Stimme und Würde versprach. Aber ihr Land war zu arm und zu kaputt - Megawati selbst viel zu unbegabt für eine solche Ambition. Denn eine versierte Politikerin war sie nie. Schweigsam, passiv, ohne Charisma wurde sie gleichwohl eine Ikone der Armen, ein Idol all jener, die vom Entwicklungsboom der drei Suharto-Jahrzehnte nie profitiert hatten. Nach dessen Sturz war sie 1999 die Siegerin der ersten freien Wahl, musste jedoch den Präsidentensessel zunächst dem muslimischen Intellektuellen Abdurrahman Wahid überlassen. Megawati - inzwischen 55 Jahre alt - zehrt noch immer vom Namen ihres Vaters, des Staatsgründers Achmed Sukarno. Doch dessen politischen Zielen ist Indonesien heute ferner denn je. Sukarno war ein Führer der Blockfreien-Bewegung in den sechziger Jahren und den USA als Linker verdächtig. Als sich General Suharto 1965 an die Macht putschte, starben bei der Jagd auf Kommunisten mehr als eine halbe Million Menschen. Unter Historikern besteht heute kein Zweifel, dass Washingtons Geheimdienst den Mordkommandos damals Listen mit Namen lieferte.Von Washington bedrängt, hat Sukarnos Tochter nun ein Dekret unterzeichnet, das die halbjährige Inhaftierung Verdächtiger ohne Anklage erlaubt und die Todesstrafe für verurteile Terroristen sanktioniert. Ein Dekret, das rückwirkend für die vergangenen zwei Jahre gilt, um auch die Bomben auf Kirchen zu erfassen, heißt es. In all dem liegt wenig Logik.

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00:00 01.11.2002

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