Pille per Post

Abtreibung Vor 150 Jahren wurde der Paragraf 218 eingeführt. Schwangerschaftsabbrüche im Verborgenen gibt es weiter
Pille per Post

Foto: Judith Dekker/Hollandse Hoogte/laif

Tamara und Marie wissen, dass das, was sie vorhaben, strafbar ist, als sie im März 2020 das erste Mal in Kontakt treten. Die eine handelt aus Verzweiflung. Die andere aus Überzeugung. Tamara K., 34, brauche einen Schwangerschaftsabbruch, schreibt sie an diesem Tag in einer Mail an Marie. Sie arbeitet bei einer Organisation, die Abtreibungspillen verschickt. Tamara schreibt, der Ex-Mann habe sie wieder bedroht. Neun Mal habe sie ihn seit der Trennung vor acht Monaten schon angezeigt. Jetzt warte sie auf das Verfahren. Mit einem Wochenende in Hamburg wollte sie sich ablenken. Den Kopf freikriegen. Den Mann, mit dem sie dort die Nacht verbrachte, kennt sie nicht gut. Das Kondom riss, erzählt sie. Ein drittes Kind kommt für die Altenpflegerin nicht infrage. Ein Abbruch – konform mit dem Gesetz –, wie er in Deutschland möglich ist, erscheint ihr in ihrer Lage auch keine Option.

Sie sagt, sie fühle sich vom Ex-Partner beobachtet, habe Angst, er könne sie auf dem Weg zum Beratungstermin oder ins Krankenhaus verfolgen. Im Internet stößt sie auf die Seite einer Organisation, die Abtreibungspillen online verschickt. Gegen Spende, anonym und ohne die gesetzlich vorgeschriebene Beratung. Tamara füllt einen Fragebogen aus. Nervös überprüft sie an diesem Tag immer wieder ihr Mailpostfach. Von der ungewollten Schwangerschaft hat sie niemandem erzählt. Nur ihr Frauenarzt weiß, dass sie in der vierten Woche schwanger ist. Sie hat ihm gesagt, dass sie das Kind nicht behalten möchte. Dass sie die Abtreibung nicht in einem Krankenhaus, sondern zu Hause und ohne ärztliche Betreuung vornehmen will, weiß er nicht, wie sie sagt. Tamaras Mail ist eine von rund einem Dutzend Anfragen, die Marie an diesem Tag erreichen.

Bedenkzeit: drei Tage

Ein Schwangerschaftsabbruch ist zwar grundsätzlich strafbar, unter bestimmten Voraussetzungen aber möglich: Die Schwangerschaft darf die 14. Woche nicht überschreiten, die Frau muss den Abbruch explizit erfragen und hierfür eine Konfliktberatungsstelle aufsuchen. Dort muss sie darlegen, warum eine ungewollte Schwangerschaft sie in eine soziale oder psychische Notsituation bringen würde. Bei Vergewaltigungen oder gesundheitlichen Risiken wird dieser Schritt übersprungen. Drei Tage Bedenkzeit müssen vergehen, bevor die Frau mit einem von der Beratungsstelle ausgestellten Schein den Abbruch durchführen lassen kann. Vornehmen darf ihn nur ein Arzt oder eine Ärztin.

100.893 Frauen haben sich im vergangenen Jahr in Deutschland nach offiziellen Angaben für einen Abbruch entschieden. Hinzu kommen jedoch Frauen, die auf anderem Wege abtreiben. Und dann gibt es Frauen, die sich gar keinem Arzt, keiner Ärztin anvertrauen, sondern im Verborgenen selbst abtreiben. Ihre Zahl lässt sich nicht erfassen. Allein über das Portal, auf das Tamara bei ihrer Suche stößt, hätten 2019 rund 200 Frauen aus Deutschland die illegalen Pillen bestellt, sagt Marie.

Was bringt Frauen in Deutschland dazu, diesen Weg zu gehen? Die Mails, die Marie an diesem Tag erhält, vermitteln eine Ahnung davon. Da ist zum Beispiel Luise, die schreibt, sie lebe in einer streng katholischen Familie. Eltern und Ehemann würden einer Abtreibung niemals zustimmen, das Haus könne sie aufgrund der Kontaktbeschränkungen während der Pandemie nicht unbemerkt verlassen. Carmen schreibt, sie sei nicht krankenversichert, komme aus einer Sinti-Familie und habe keine Papiere. Ihr Mann würde sie zwingen, das Kind zu bekommen, wüsste er von der Schwangerschaft. Lisa lebt noch bei ihren Eltern und müsse die Schwangerschaft geheim halten. Die ganze Familie bleibe coronabedingt zu Hause, unbemerkt das Haus zu verlassen, sei unmöglich.

Gewalttätige Beziehungssituationen, fehlende Kinderbetreuung, Zwang in der Familie oder Vergewaltigungen sind häufige Gründe, die Frauen bei Marie angeben. Ob diese Angaben den Tatsachen entsprechen, kann die Studentin nicht überprüfen. Dieser Mittwoch zeige einen Querschnitt, der die Anfragen gut repräsentiere, sagt sie.

Marie liest und beantwortet die Mails zwischen Univorlesungen, im Urlaub oder nach einer Nachtschicht im Krankenhaus. Das Projekt liege ihr am Herzen, sagt Marie, „obwohl es manchmal ziemlich belastend ist, Frauen in so verzweifelten Situationen beizustehen. Einen persönlichen Kontakt werde ich nie ersetzen können“. Marie sieht ihr Angebot nicht als Alternative zu den in Deutschland nach dem Gesetz möglichen Schwangerschaftsabbrüchen, sondern als Ergänzung: „Wir haben nicht den Anspruch, die Aufgabe des Staates zu übernehmen“, sagt sie mit Blick auf die staatlich zertifizierten Anlaufstellen. „Wir füllen eine Lücke, wo der Zugang zu sicheren Abtreibungen noch nicht gegeben ist.“

330 Praxen und Krankenhäuser, in denen Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt werden, listet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auf. In Großstädten wie Hamburg oder Berlin seien Beratung und Durchführung nach Einschätzung von pro familia problemlos möglich. Im ländlichen Raum sieht es dagegen oft anders aus. So schloss beispielsweise in Passau der letzte Arzt, der in der Region Abbrüche vornimmt, da er altersbedingt zur Corona-Risikogruppe zählt. Seit Beginn des Lockdowns hätten sie dreimal so viele Anfragen wie gewöhnlich erreicht, erzählt Marie.

Das Verfahren birgt Risiken

Anfangs sah sie sich nicht als Aktivistin. Sie sei da „so reingerutscht“. Einen Schwangerschaftsabbruch hatte sie selbst nicht. Ein Film brachte sie dazu, sich mehr mit dem Thema zu beschäftigen. „Abtreibung ist noch immer ein Tabu in Deutschland. Auch in der Medizin“, sagt sie.

Die Medikamente, die Frauen wie Tamara von der Organisation bekommen, enthalten die gleichen Wirkstoffe, die auch bei medikamentösen Schwangerschaftsabbrüchen im Rahmen der deutschen Gesetze eingesetzt werden. Vorgeschrieben ist, dass nur Ärzte und Ärztinnen diese Medikamente ausgeben dürfen und dass sie den Abbruch überwachen. Denn das Verfahren birgt Risiken. Manchmal kann ein medikamentöser Abbruch Sturzblutungen oder Infektionen nach sich ziehen. In wenigen Fällen ist der Schwangerschaftsabbruch nicht vollständig und muss doch ärztlich zu Ende gebracht werden.

Aus diesen Gründen folgt auch Marie bei jeder Anfrage einem festgelegten Protokoll: Zuerst leitet sie den medizinischen Fragebogen, den Frauen bei der Kontaktaufnahme ausfüllen müssen, an eine Ärztin weiter. Diese Medizinerin prüft ehrenamtlich, ob medizinische Bedenken vorliegen. Eine zu weit fortgeschrittene Schwangerschaft ist ein Ausschlusskriterium. Die Pillen werden nur an Frauen verschickt, die höchstens in der neunten Woche schwanger sind. Ziel sei es immer, die Frauen zuerst an offizielle Stellen zu vermitteln, beteuert Marie. Bei einem Drittel aller Anfragen gelinge das. Erst wenn alle Vermittlungsversuche fehlschlagen, leite Marie den Versand der Pillen gegen eine Spende ein. Die Organisation, für die Marie arbeitet, verschickt die Pillen in unscheinbaren CD-Hüllen. Ihre Überzeugung verdrängt die Angst vor einer strafrechtlichen Verfolgung: „Die WHO stuft den sicheren und niedrigschwelligen Zugang zu Abtreibungsmedikamenten als Menschenrecht ein. Solange der auch in Deutschland nicht gegeben ist, sehe ich es als meine Pflicht, als angehende Medizinerin jenen zu helfen, die in Not sind.“ Dass sie ihre künftige Approbation als Ärztin aufs Spiel setzt, mache ihr mehr Angst als eine mögliche Gefängnis- oder Geldstrafe.

Zwei Wochen nachdem Tamara ihre erste Anfrage an Marie geschickt hat, kommt das Päckchen mit dem Medikament an. Mittlerweile ist sie in der siebten Woche schwanger. „Ich war morgens schon sehr nervös“, erinnert sie sich. Am Freitag nimmt sie die erste Tablette, am Samstag um 14 Uhr die zweite. So steht es in der Anleitung, die ihr per Mail zugeschickt wurde. Niemand weiß, was Tamara an diesem Nachmittag vorhat. Entgegen der Empfehlung nimmt sie die Pillen alleine ein. Zwei Stunden später kommen die ersten Krämpfe. Dann die Blutungen. „Es fühlte sich an wie Wehen“, sagt Tamara am Telefon. „Um mich von den Schmerzen abzulenken, schrieb ich mit Freunden hin und her. Ich spürte, wie es abging. Danach fühlte ich mich erschöpft, aber total befreit.“

Rund zwei Drittel der Frauen, denen Marie die Pillen zugeschickt, füllen danach einen Evaluationsbogen aus. Bei dem verbleibenden Drittel wird die Aktivistin nie erfahren, ob es Komplikationen gab oder nicht. Ob eine Frau einen Abbruch oder eine Fehlgeburt hatte, kann – falls es zum Notfall kommt – im Krankenhaus nicht festgestellt werden. Marie ist überzeugt: Frauen, die keinen anderen Ausweg sehen, werden immer Wege finden, abzutreiben. Das Risiko eines unbegleiteten Schwangerschaftsabbruchs nehme jede der Frauen eigenverantwortlich in Kauf. Sie sorge sich eher um jene Frauen, die nicht mit zugelassenen Medikamenten, sondern mit Hausmitteln oder unter Gewalteinwirkung versuchen abzutreiben.

Ende März meldet sich Tamara bei Marie. Sie schreibt: „Guten Abend, wollte sagen, dass heute alles in Ordnung war.“ Kurz nach dem Abbruch sei sie bei ihrem Frauenarzt zur Nachuntersuchung gewesen. Sie habe am Wochenende starke Blutungen gehabt, habe sie angegeben. Der Arzt habe nicht weiter nachgefragt und eine Fehlgeburt festgestellt.

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