Pillen

Ein Fall für John Le Carré In Zeiten von Lipobay und Lifestyle Drugs wird der Körper zur Nebenwirkung

Die abendländische Tradition steht für das Bemühen, den Leib wegzudenken. Die herkömmliche idealistische Auffassung des Leib-Seele-Dualismus gab einer geistigen Befehlszentrale den Vorzug, und verwunderlich war das nicht in Zeiten, in denen man den Schicksalen des Körpers fast schutzlos preisgegeben war. Epochen ohne medizinische Intensivstation, Krankenkassen und Schluckimpfung mussten sich wenigstens imaginär vor den Attacken des Körpers in Sicherheit bringen. Heute ist das nicht mehr nötig. Ganze Generationen setzen auf den Körper als befreites Gebiet wie früher die Linke auf das Proletariat.

Die moderne Medizin macht es möglich, sich die eigene Physis anzueignen. Es ist viel, was dem Körper dabei zugemutet wird: an Bedeutung, an Ausdruckskraft, an fortwährender Präsenz und Öffentlichkeit, an Genussfähigkeit. Zugleich winken und drohen überall verlockende Angebote, den Körper zu stärken und seinen Wert zu vermehren, ihn mit mehr Sicherheit und Dauer zu versehen, ihm Harmonie und Gestalt zu verleihen.

Die Wertsteigerung des Körpereigentums durch zahlreiche Body-Investitionen, zu denen Kultur und technischer Fortschritt auffordern, verschafft freilich neue Probleme. Während die Körperauffassung der Vergangenheit nur im Falle akuter Erkrankung die ausnahmsweise Benutzung chemischer Therapien mit sich vereinbarte, deren bittere Präparate abschreckend ernste Bezeichnungen trugen, kleiden sich die bunten Pillen der Postmoderne mit lustigen Namen wie Seconal oder Demerol oder eben Baycol (USA) und Lipobay (BRD). Auch änderten die Hersteller ihre sachlich-spröden Titulierungen und heißen nun Novartis oder Aventis und versprechen für den Körper alle atemlosen Verheißungen dieser Zeit. Das bedeutet modernes Marketing im Zeitalter der Biopolitik. Für den Pharmamarkt heißt das »Lifestyle«. Die Pillen der Vergangenheit boten Linderung, wo Krankheit plagte. Lipobay/Baycol steht zur probaten Verfügung, wenn jemand von ham and eggs und riesigen Portionstüten von Fritten und von majonaiseübercremten Hamburgern nicht lassen will. Am Ende des frivolen Genusses wirft er ritualisiert eines der neuen Lifescience-Medikamente dem zu Verdauenden hinterher. Natürlich wird vor Nebenwirkungen gewarnt. Und wie! Wer etwa den Beipackzettel des Antidepressivums Tavor ins Auge fasst, hält am Ende einen auf fast 50 cm ausgerollten Leporello in Händen, der so ziemlich vor allem warnt und exakt auf die Gefahr jener Nebenwirkung hinweist, vor der der Wirkstoff eigentlich schützen sollte: der Depression. Verlässliche medizinische Beratung ist nicht in Sicht: Der durchschnittliche Kassenarzt versteht nichts von Pharmakologie. Nebenwirkungen sind also in Kauf zu nehmen, als Preis für die unspezifische, aber häufig doch angenehme körperliche Wirkung der Lifestyle-Drogen.

Übersehen und verschwiegen wird, dass auf diese Art jährlich allein in Deutschland 25.000 Menschen an Nebenwirkungen sterben und an die 500.000 deswegen teuer und aufwändig in Krankenhäusern behandelt werden müssen. Die geschätzte Häufigkeit von 1 zu 1.000 gilt in diesem Zusammenhang längst als akzeptabler Wert, weshalb Bayer mit leichter Empörung auf die quantité négligeable von (bis jetzt) 52 erfassten Lipobay-Toten verweist - das Medikament wurde 1999 immerhin achtundachtzigmillionenmal pro Tag eingenommen.

Als quantité négligéable erscheinen auch die Viagra-Leichen, die irgendwie auch rechtlich nicht einklagbar sind, schließlich ging es hier um pure Lust. Und ums große Geschäft. Also um Kriminalität. In diesem Jahr wollte Bayer nicht nur an die US-Börse gehen, sondern auch sein wirksameres Potenzmittel Vardenafil auf den Markt bringen. Dessen Rohstoff wurde angeblich am vergangenen Wochenende aus den Bayer Labors gestohlen. Ein Fall für John Le Carré. Das vermutete Täterumfeld trägt beste Namen: Merck und vor allem Pfizer (USA), Hauptkonkurrenten Bayers auch bei der Vermarktung cholesterinsenkender Substanzen. Der Verdacht, es handle sich bei allen Klagen um einen gezielten Schlag des US-Pharmakartells gegen einen Nebenbuhler, ist längst ausgesprochen. Bayer verlor 20 Prozent seines Aktienwerts, was innerhalb von 48 Stunden auf eine Vermögensvernichtung von 7 Milliarden Dollar hinauslief. Damit es dabei nicht bleibt, haben Staranwälte Amerikas ihre PR-Kampagne eröffnet und gewaltige Schadensersatzklagen formuliert. Der Kampf der Multis geht weiter. Er dient keinem einzigen Menschen.

Hans Branscheidt ist Mitarbeiter von medico international.

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00:00 24.08.2001

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