Pilot im Zimmer der verborgenen Wünsche

Wie Literatur entsteht Anmerkungen zum Traumberuf Schriftsteller

Lieber Freund,

ich kann dich in deinem Berufswunsch nur bestärken. Es gibt keine fantastischere Existenz als die eines Schriftstellers. Er kann ein Pilot mit Flugangst sein, als Formel-1-Fahrer ein Zweimeter-Hüne, als Billardspieler ein Parkinson-Pflegefall. Er kann stottern und doch der größte Dichter seiner Zeit sein, wie Heinrich von Kleist, der öffentliche Auftritte fürchtete, aus Angst, im unrechten Moment zu furzen. Doch bei dieser Gelegenheit fiel ihm die Erkenntnis ein, dass an der Spitze des Universums kein böser Geist steht, "bloß ein unbegriffener", der Gott der Poesie und der Winde.

Als ich in deinem Alter war, war mein Lieblingsbuch ebenfalls Martin Eden von Jack London. Ein Seemann und Alkoholiker mit der Bildung eines Fünf-Klassenschülers, eine Schlägertype mit naivem Herzen und ursprünglichem Sinn für Gerechtigkeit, beschließt Schriftsteller zu werden. Für einen Vierzehnjährigen genau die richtige Lektüre. Die gleiche Angst wie Martin, in einem hochherrschaftlichen Hause eine kostbare Vase umzustoßen. Schlechte Zensuren in der Schule? Kein Problem, Martin hat´s auch geschafft, hat Nietzsche, Swineburne und Spencer gelesen, Verslehre studiert, Nautik, Politik, Geschichte, Marxismus und die Lehre vom Übermenschen, was so dazugehört, wenn man glaubt, etwas Wichtiges sagen zu müssen. Man kann dem Deutschlehrer das neue Berufsziel beichten, die Beurteilung auf dem Zeugnis ist fortan nicht mehr wichtig, schließlich will man sich nirgendwo bewerben. Man ist Anarchist, ohne das Wort zu kennen, später Hyperboreer.

Vielleicht wirst du nie im Leben einen einzigen literarischen Satz zustande bringen, egal, wie verzweifelt du es versuchst. Du kannst aber auch mit Geschwafel als Genie gefeiert werden, deshalb fördert Talentlosigkeit oft die Einbildung, ein außerordentlich begabter Schriftsteller zu sein. Erfolg ist kein Maßstab für Qualität, Misserfolg aber auch nicht. Platonow musste als Hausmeister den Hof vor dem Schrifstellerrestaurant fegen, in dem seine Kollegen aus der Partei Austern verspeisten.

Manches ist schwer zu begreifen. Die Zeitungen schreiben, dass die Wirklichkeit wahrscheinlich gar nicht mehr existiert, weil alles so virtuell geworden ist. Andere sagen, wir seien Teil einer Biomasse und Vertreter eines maschinell gesteuerten Bewusstseins. Das europäische Parlament tagt in zwei Städten und reist samt Akten und Angestellten zweimal im Monat hin und her. Die deutsche Armee verteidigt die Freiheit der Mohnbauern am Hindukusch, während die deutsche Polizei daheim den Anbau von Hanf unter Strafe stellt. Das deutsche Auslandsfernsehen sendet seine Beiträge auf Englisch. Für den Bau einer Hundehütte (mit Laufanlage) zahlt die Bundeswehr 30.000 Euro. Die Alten werden krankgepflegt, jede Wunde erhöht die Pflegestufe und damit den Profit. Katzenkadaver werden zu Katzendiesel verarbeitet, die Sofatiger landen künftig im Tank. Maschinen schreiben Briefe und fordern kostenpflichtige Auskünfte.

Der Inhalt von Selbstgesprächen bleibt aber juristisch geschützt, wie ein neues Gerichtsurteil besagt. Ein Delinquent hatte den Fehler begangen, über seine Untaten vor seinem Spiegel zu plaudern, während die Polizei mithörte. Doch diese Aussagen durften nicht gegen ihn verwendet werden.

Man hat dir Logik beigebracht und den Verstand trainiert, aber falls du beides benutzt, wird´s gefährlich. In Tarkowskijs Film Stalker geht zuerst der Schriftsteller durch den Fleischwolf, nicht der Landvermesser oder der Physiker. Verkatert tritt er am Morgen als Dandy die Reise in die verbotene Zone an, aber vor dem Zimmer der verborgenen Wünsche ist er hellwach.

Das Verrückte an diesem Beruf ist, dass sich die Bedingungen kaum ändern, unter denen er ausgeübt wird, egal welche moralischen Vorzeichen eine Epoche beansprucht. Denn falls du Talent hast, gerätst du in die schwierigsten Situationen. Dann besitzt du nämlich einen Schlüssel für die Gegenwart, den nur du benutzen kannst. Du hörst Nebengeräusche aus angrenzenden Zimmern. Alles ist erlaubt hier, nicht nur das, was zum Ereignis führt.

Knut Hamsun wickelte ein Tuch um sein Handgelenk, weil ihn sein Atem auf der nackten Haut während des Schreibens schmerzte. Friedrich Hebbel entdeckte, dass Gymnastikübungen die Hungergefühle beschwichtigen. William Faulkner ließ sich Elektroschocks verabreichen, um wieder schreiben zu können. William Borroughs spielte Wilhelm Tell. Kafka war glücklich, als er Blut spuckte. Gogol hungerte sich zu Tode, er nannte es Fasten. E.T.A. Hoffmann tanzte Walzer mit seinen Kobolden. Flaubert spürte den Arsengeschmack tagelang auf der Zunge, nachdem Madame Bovary gestorben war.

"Es ist Hunger, nichts als Hunger. Du kannst das nicht verstehen, wirst es auch niemals verstehen. Niemand hat jemals verstanden", notiert Jack London, und das Schlimme ist: Du selber verstehst es auch nicht.

In diesen Zimmern sind "die meisten Ereignisse unsagbar, vollziehen sich in einem Raume, den nie ein Wort betreten hat, und unsagbarer als alle sind die Kunst-Werke, geheimnisvolle Existenzen, deren Leben neben dem unseren, das vergeht, dauert", schrieb Rainer Maria Rilke. Man wird dich auslachen, wenn du diese Worte zitierst. Oder dir antworten: "Mein Mann schriftstellert auch."

Es gilt nicht mehr als fein heutzutage, hohe Ansprüche zu äußern. Es hat zwar zu allen Zeiten große Dichter gegeben, und all diese Dichter äußerten hohe Ansprüche, so stark sie auch zweifelten, sie einlösen zu können, aber sie waren keine Biomasse.

An Martin Edens Erfolg glaubt einzig seine Wirtin, eine Analphabetin und Mutter von elf Kindern. Sie sieht: Der Mann kann arbeiten, 18 Stunden am Tag, und er hat das Leuchten in den Augen, wenn er aus seinem Zimmer kommt. Das reicht. (Wie eine Zigeunerin in Heiner Müllers Hand las: "Sie machen so was wie Shakespeare.")

Mit 14 träumst du, dass Armut schön ist, wenn du im Dienst der Literatur alle erdenklichen Entbehrungen auf dich nimmst. Du spannst Wäscheleinen in deinem Zimmer auf, um Gedichte an ihnen festzuklammern und altersklug zu rezitieren: "Es gilt als weise, seine Träume zu vergessen, das aber kann ich nicht." Doch eine Warnung überhörst du. Martins Freund Brissenden, der schwindsüchtige Dichter, der über den Kulturbetrieb röchelnd lacht, spricht sie aus. Erfolg beruht auf Irrtum und ist identisch mit Verrat an den alten Freunden und Idealen. Nicht der Kapitalismus ist schuld daran, wie Jack London als Sozialist anfangs dachte, sondern die Gier nach Gold, das Tierische und die Bestie im Menschen, die Verstädterung, die Sensationspresse, der Verrat durch literarische Verleger und das Ewigdumme in der Kultur, reizend präsentiert durch Martins Verlobte. Alaska liegt nicht nur im Norden. Wenn man Glück hat, trifft man auf einem Dachboden drei Leute, die ähnlich denken. Die alten Kumpels, die man aufklären wollte, saufen und prügeln sich weiter. Für Martin blieb der Sprung in den Atlantik, für Jack London der goldene Schuss. Als Ich-AG waren sie erfolgreich, aber das reichte nicht.

Deine Feinde haben natürlich andere Namen. Heute stößt dich kein Verleger mehr die Treppe runter, wenn du wie Martin nach dem Verbleib deines Honorars fragst (etwa ein Zehntel des Gehalts einer Verlagssekretärin, bei gleicher Arbeitszeit). Es ist auch nicht wie in der DDR, wo der Geheimdienst Geruchsproben sammelte, um im Falle eines Aufstandes die Hunde auf dich zu hetzen. Nur deine Bücher verschwinden, lösen sich in Nichts auf, obwohl du nicht an die Macht des Virtuellen glaubst. Gestern standen sie noch im Buchladen, heute existiert kein einziges Exemplar mehr. Bei Nabokov wurde dem Delinquenten das Todesurteil noch ins Ohr geflüstert, doch der Schriftsteller von heute besitzt das Privileg nicht, von seinem Tod zu erfahren. Nach Monaten, manchmal nach Jahren erst, hört er auf allerlei Umwegen, dass seine Bücher nicht mehr vorhanden sind. Er denkt sich, der Verlag hätte mich informieren können, eine würdige Bestattung hätte ich gern noch veranstaltet, zwei Kerzen aufgestellt und einen Choral abgespielt am Grab des unbekannten Buches. Man möchte doch den letzten Seufzer seiner Figuren hören. So aber schwebt die Seele ruhelos.

Ein Schriftsteller ohne Bücher kann ein Pilot mit Flugangst sein. Aber er ist doch ein Pilot. Er fliegt im Zimmer der verborgenen Wünsche.

Christoph D. Brumme, geboren in Wernigerode/Harz, lebt als Schriftsteller in Berlin. Zuletzt erschien sein Roman Süchtig nach Lügen 2002 bei Kiepenheuer Witsch.


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00:00 17.03.2006

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