Pinguin in der Wüste

TAGTRÄUMER UND KILLERKOMMANDOS Über Andrej Kurkows Roman »Picknick auf dem Eis«

Manche Schriftsteller versuchen, ihre verqualmte Stubenhockerbiografie aufzupolieren, indem sie sich für die Zeit vor ihrem ersten Buch allerlei unbürgerliche Beschäftigungsverhältnisse andichten: Samenspender, Staub saugervertreter, Walfänger, Rausschmeißer im Puff von Amsterdam. Solchen Firlefanz hat Viktor Solotarew, Anfang vierzig und ziemlich einsam, nicht nötig; er steckt mittendrin im vermeintlich exotischen Berufsleben. Der unvollendete Romanschreiber, dem auch Kurzgeschichten kein Glück gebracht haben, hält sich und seinen Mitbewohner, einen grüblerischen, meist von Hitzewellen geplagten Pinguin namens Mischa, mit dem Verfassen von Nachrufen über Wasser. Allerdings sind die Prominenten, für die Viktor ergreifende Worte in Moll finden muß, noch gar nicht gestorben; der Chefredakteur einer großen Tageszeitung hat die Nekrologe, so scheint es, bloß prophylaktisch in Auftrag gegeben. Viktor ist frustriert: wie jeder Autor möchte auch er sich gedruckt sehen. Doch dann geht sein Wunsch beängstigend schnell in Erfüllung. Innerhalb weniger Monate scheiden 118 von Viktor im vorhinein betrauerte VIPs aus dem Leben ...

Kiew, Hauptstadt der Ukraine, Jetztzeit. Düstere Zukunftsfilm-Visionen sind Realität geworden. Neureiche Dollar-Millionäre lassen die Puppen tanzen, der Rest schieb Kohldampf. Alles ist »mit Angst durchtränkt«, mit Fatalismus. Auf offener Straße sind Killer-Kommandos unterwegs, die Leichen machen streunende Hunde satt. Die Agenten der Staatssicherheit und die Jungs von der Mafia haben für jede Tür einen passenden Nachschlüssel. »Nein, es ist alles normal«, sagt sich Viktor, als er seine unfreiwillige Verstrickung in blutige Geschäfte entdeckt. Er geht vor der »Unausweichlichkeit der Tatsachen« in Deckung, beginnt von einem Häuschen im Grünen und einer netten Familie zu träumen. »Alles wird gut«, redet er sich ein. Ein, wir ahnen es, gewaltiger Irrtum.

Dem 38jährigen Andrej Kurkow ist etwas Seltenes gelungen: ein Buch, das witzig, erschreckend, bis zur letzten Zeile spannend und mit Typen besetzt ist, die man nicht so schnell vergißt. Auch Nebenfiguren hat der Autor nicht wie Statisten behandelt, sondern ein markantes Gesicht gegeben.

Viktor, Kurkows Hauptperson, ist alles andere als ein unterwürfiger, opportunistischer Mitläufer - ein Tagträumer in einer Atmosphäre der ständigen Bedrohung, höflich, hilfsbereit, wie sein Pinguin Mischa zur Melancholie neigend, im Kopf Künstlerflausen, Frauen und ab und zu einen Wodka zuviel. Wie ausgerechnet der kleine Bruder von Charlie Chaplin zu einem Mitarbeiter der Mordindustrie wird, beschreibt Kurkow lakonisch, mit viel Komik und ohne Ausrufezeichen. In seinem klug komponierten Roman, der keine routinierten Schock- und Knalleffekte braucht, wird die Schlinge um den Hals mit unerbittlicher Behutsamkeit und einem Lächeln des Bedauerns zugezogen. Gänsehaut auf leisen Sohlen: man liest über Viktor und landet erschrocken bei sich selbst.

Ein schwarzer Thriller mit Hoffnungsschimmer und nur wenigen kurzen Schwachstellen: da traut Kurkow uns nicht zu, den Stand der Dinge zu überschauen, da fängt er an zu erklären, an die Hand zu nehmen, uns mit der Nase auf die ein oder andere Verwicklung zu stoßen. Egal. Picknick auf dem Eis von Andrej Kurkow: von O auf 3 in meiner Ewigen Bestsellerliste.

Andrej Kurkow: Picknick auf dem Eis. Aus dem Russischen von Christa Vogel. Diogenes Verlag, Zürich 1999, 288 Seiten, 34,90 DM

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00:00 02.04.1999

Ausgabe 42/2021

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