Pioniere der Zeit

Wissenschaftsgeschichte Über den amerikanischen Autor John Griesemer

In Theodor Fontanes letztem Roman Der Stechlin (1899), der zu den in der deutschen Literatur überaus seltenen, weil selten gelungenen Zeitromanen zählt, ist häufig die Rede vom Fortschritt und der Weiterentwicklung der (bürgerlichen) Gesellschaft; die abendlichen Gesprächsrunden im Hause des alten Dubslav von Stechlin drehen sich um Perspektiven und Möglichkeiten einer näheren Zukunft, wobei es einmal geradezu divinatorisch heißt, dass die künftigen Helden der Geschichte wohl Entdecker und Erfinder, Weltumsegler, Wissenschaftler und Techniker sein würden. Wie wahr - und wie fürchterlich zugleich.

Der Amerikaner John Griesemer, Spezialist für sogenannte "page turner", also Material für "Lesefutterknechte" (Handke), hat mit seinem Buch Rausch einen beeindruckenden historischen Roman über jene frühen technischen Pioniere des 19. Jahrhunderts geschrieben. Darin arbeiten Naturwissenschaftler, bis auf die Knochen beseelt von den Gesetzen der Physik und Mechanik. Sie arbeiten dabei im unerschütterlichen Glauben an die technische Perfektionierung der Welt - am Projekt der Eroberung von Raum und Zeit, genauer noch, wie es einmal heißt: an der Überwindung von Zeit- und Raumhindernissen.

Griesemer erzählt im Grunde genommen das ganze 19. Jahrhundert aus amerikanischer Perspektive. Dabei reduziert er auf grandiose Weise Komplexität, indem er mit einigen wenigen Figuren und Beziehungen auskommt: da ist zum Beispiel der besessene Ingenieur Chester Ludlow, der die Idee einer telegraphischen Verkabelung Europas mit Amerika vorantreibt und sich auch durch verschiedenste Rückschläge nicht vom eingeschlagenen Weg abbringen lässt. Der andererseits aber - dies seine dunkle, irrationale, also menschliche Seite der Angelegenheit - von sexuellen Obsessionen verfolgt wird. Da ist zum anderen der genauso fanatische österreichische Techniker Lindt, zeitweilig mit Chester zusammenarbeitend, der nebenbei noch als Entdecker des Joggens und als Beseitiger von Londons Abwasser- und Kanalisationsproblemen vorgeführt wird. Da sind weiterhin zwei Frauen: Von betörender Sinnlichkeit die eine, Lindts Frau, von auratisch umwölkter und kühler Reinheit die andere, Chesters Gattin. Dazwischen immer wieder Chesters älterer Bruder Otis, aus dessen Tagebüchern zitiert wird und der die andere Seite der Vernunft verkörpert: Okkultismus und Parapsychologie, die auf dem Untergrund von Wissenschaft und Technik ihre kruden, krausen Blüten treiben.

Mit leichter Hand, aber auf epischem Breitwandformat zeichnet Griesemer diese Geschichte, in die er noch nebenbei den amerikanischen Bürgerkrieg ebenso hineinkomponiert wie Exkurse zur Wissenschaftsgeschichte - und schließlich zwar keinen Schiffbruch, aber immerhin einen fehlgeschlagenen Stapellauf in London mit deutschem Zuschauer: nämlich Karl (Heinz) Marx, der mit vor Erregung brennenden Augen eine enthusiastische Rede hält, von den Arbeitern, "von Triumphen der Epoche, vom technischen Wunderwerk und von den räudigen Hunden, die sich die Früchte dieser Arbeit angeeignet haben."

Wo Griesemer in Rausch mit auktorialer Geste und epischer Distanz die historische Totalität samt problematischer Individuen einfängt, da reizt er in seinem Roman Niemand denkt an Grönland, ebenfalls auf realhistorische Zusammenhänge zurückgreifend, mit der Schräg- und Schrillheit einer ganz besonderen Begebenheit: er erzählt die Geschichte eines amerikanischen Camps auf Grönland Ende der fünfziger Jahre, in das Schwerstverletzte (eigentlich mehr oder weniger bloße Torsi) aus dem Korea-Krieg verbracht werden, die hier auf ihren Tod warten. Unterhalten wird dieser Stützpunkt von einer Handvoll Männer und Frauen, die sich ihrerseits - tatkräftig angeregt durch einen völlig durchgeknallten Kommandanten - mit Saufgelagen und Pornofilmen bis zur debilen Langeweile unterhalten dürfen. Ein grauenhaft-gruseliges Panoptikum vom anderen, eisigen Ende dieser Welt ersteht vor den Augen des Lesers, der sich am Ende mit dem gebeutelten Protagonisten, Corporal Rudy Spruance, trotz seines gescheiterten Liebesversuchs dennoch freuen darf, mit erfrorenen Fingern und anderen Blessuren ins sonnige Kalifornien ausgeflogen zu werden.

Von den vermeintlichen Siegern der Geschichte, die ausgezogen waren, die ganze Welt im (wissenschaftlich-technisch wie waffentechnologisch) imperialen Sturmschritt zu erobern, sind einsame Gefühls- und andere Krüppel, bestenfalls noch traurig-dunkelglänzende Sterne gegen ihre Zeit und Gesellschaft übrig und zurück geblieben.

John Griesemer: Rausch. Roman. Aus dem Amerikanischen von Ingo Herzke. marebuch, Hamburg 2003, 684 S., 24,90 E; auch als Piper-Taschenbuch, München 2005, 764 S., 12,90 EUR

John Griesemer: Niemand denkt an Grönland. Roman. Aus dem Amerikanischen von Ingo Herzke. marebuch, Hamburg, 2004, 334 S., 19,90 EUR


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00:00 22.04.2005

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