Pipeline über den Tigris

Ertragreiches Scheitern Der "Fall al Fatah" oder wie der Wiederaufbau des Irak vonstatten geht

Für 592 Millionen Dollar errichten die USA in Bagdad derzeit den größten und autarkesten Botschaftskomplex der Welt. Für das von Spöttern auch als "George Bush´s Palace" apostrophierte Bauwerk kommt allerdings ein Rückgriff auf die irakische Infrastruktur nicht in Betracht. Man weiß, warum. Die amerikanischen Wiederaufbaubemühungen erweisen sich als äußerst zweifelhaft und bleiben schuldig, was bei Ende der Kampfhandlungen im April 2003 versprochen wurde.

Als ob eine gigantische Bypass-Operation albtraumhaft fehlgeschlagen sei

Geradezu exemplarisch zeigt sich das im Dorf al Fatah, 210 Kilometer nördlich von Bagdad. Die US-Armee hatte während des Krieges einen Luftangriff gegen eine dortige Tigris-Brücke geflogen und dabei auch eine Ölpipeline beschädigt. Noch im Mai 2003 begannen Planungen, die Schäden zu beheben. Nach ersten Schätzungen wurden für die Reparatur 75,7 Millionen Dollar kalkuliert und entsprechend angewiesen. Die Arbeiten begannen unverzüglich, da die Besatzungsbehörden daran interessiert waren, sich täglich etwa fünf Millionen Dollar an Öleinkünften zu sichern, die bei einer wieder intakten Pipeline in Aussicht standen.

Bald aber tauchten Probleme auf, die schließlich dazu führten, die Brücke nicht zu reparieren. Daher sah sich die Firma Kellogg, Brown Root (KBR) - das für dieses Projekt zuständige Tochterunternehmen des US-Multis Halliburton - veranlasst, nach einer neuen Pipeline-Route über den Tigris Ausschau zu halten und das veranschlagte 75,7-Millionen-Dollar-Budget anders zu verwenden als ursprünglich gedacht. So floss das Geld in die Anlage einer neuen Öltrasse - die eigentlich vorgesehene Reparatur der Brücke entfiel.

Als Robert Sanders vom Ingenieurskorps der Army im Juli 2004 die Arbeiten inspizieren will, ist er geschockt. Was er vorfindet, sieht laut New York Times so aus, "als ob eine gigantische Bypass-Operation albtraumhaft fehlgeschlagen sei". Ein Bauleiter erklärt Sanders, sie hätten gewusst, ihr Vorhaben sei nicht durchführbar, sie wären aber "von der beauftragten Firma angewiesen worden, weiter zu machen". Sanders zieht ein vernichtendes Fazit: "Nachdem das Projekt die angewiesenen 75,7 Millionen Dollar komplett verbrannt hatte, wurden die Arbeiten eingestellt." KBR habe "grob fahrlässig" gehandelt. Doch Sanders´ Report hinterlässt so gut wie keine Wirkung. Obschon das Ingenieurskorps der Streitkräfte zunächst alle weiteren Gelder für Kellogg, Brown Root blockiert, wird nichts unternommen, um die verschwendeten Millionen zurück zu fordern oder KBR zu zwingen, das Projekt doch fertig zu stellen.

Die Geschichte ist in verschiedener Hinsicht aufschlussreich: Zunächst sollte man festhalten, es waren US-Truppen, von denen die Brücke zerstört wurde. Am 3. April 2003 hatte General Michael Moseley die Attacke befohlen, um den Feind daran zu hindern, an dieser Stelle den Fluss zu überqueren. Ein typischer Fall für die von den USA im Irak verursachten Schäden. Weiter: Anstatt einfach eine Brücke samt Ölleitung instand zu setzen, wurde mit einer grundlegenden Überholung des Pipelinesystems begonnen, was die Kosten in die Höhe trieb.

Dieses Gebaren der Besatzungsbehörden bezeugt nicht zuletzt, in welche Richtung die so genannten "ökonomischen Reformen" an Euphrat und Tigris zielen. Irakische Staatsbetriebe, die viel Erfahrung mit derartigen Reparaturarbeiten haben, sind nicht gefragt, bleiben ohne Aufträge und werden systematisch ausgehungert. Die nationale Ökonomie soll auf Knien ins globale Wirtschaftssystem rutschen. Modernes Equipment wird vorzugsweise von multinationalen Konzernen ins Land gebracht und muss demzufolge auch von diesen gewartet und ausgebaut werden - ein weiteres Mal bleiben irakische Firmen außen vor. Eine solche Art der "ökonomischen Öffnung" betrieb besonders der einstige Ziviladministrator Paul Bremer mit viel Energie und Planungsaufwand. Alle Wiederaufbauprojekte, für die der US-Kongress immerhin 18 Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt hatte (hinzu kamen die US-Einnahmen aus dem Verkauf irakischen Öls), folgten vom Prinzip her diesem Raster.

Zurück zur Brücke von al Fatah. Der Auftragnehmer KBR übernahm das Projekt ohne Ausschreibung - die allgegenwärtige Halliburton-Tochter war quasi gesetzt und wusste um die Risiken des Unterfangens. Letzteres hinderte die KBR-Manager freilich nicht daran, drei technische Expertisen zu ignorieren, die warnten: "Die Bemühungen werden keinen Erfolg haben, wenn sie wie geplant ausgeführt werden". Eine spätere Untersuchung durch den Special Inspector General für den irakischen Wiederaufbau schloss mit dem Satz: "Die geologischen Schwierigkeiten, die das Projekt Schiffbruch erleiden ließen, waren nicht nur absehbar, sondern vorhergesagt."

Die nationale Ökonomie soll auf Knien ins globale Wirtschaftssystem rutschen

Warum aber führte KBR einen zum Scheitern verurteilten Plan aus? Die Antwort liegt in der kombinierten Wirkung zweier Elemente der US-Politik auf diesem Feld: Es fehlt an Ausschreibungen, und es fehlt an Selbstregulation der Vertragspartner. So besteht der Anreiz, die jeweils ambitionierteste und teuerste Version eines Projekts vorzuschlagen und auszuführen. Derartige Tendenzen, die mit dem Begriff Korruption treffend beschrieben scheinen, könnten normalerweise durch scharfe Kontrollen eingedämmt werden. Aber in al Fatah - wie auch anderswo im Irak - gibt es kein Aufsichtssystem, das dazu imstande wäre.

Die Konsequenzen dieses verhängnisvoll fehlerhaften Verfahrens sind überall dort zu besichtigen, wo unangebrachte, unzulängliche, unvollständige, oft sogar niemals begonnene (aber bezahlte) Projekte Legion sind - und in jedem einzelnen Fall die Auftragnehmer - selbst für die minderwertigste Arbeit - Spitzenhonorare erhielten.

Mittlerweile sind zwei andere Firmen mit dem al Fatah-Vorhaben betraut, was nochmals 40 Millionen Dollar kostet. Mit anderen Worten, nach drei Jahren ist ein Projekt, das eine gut vorbereitete irakische Firma wahrscheinlich innerhalb einiger Monate hätte abschließen können, immer noch nicht beendet.

Vor der Invasion produzierte der Irak fast drei Millionen Barrel Öl pro Tag, was weit unter seinen Möglichkeiten lag. Nur in sechs von den inzwischen 37 Monaten Besatzungszeit stieg der tägliche Förder-Durchschnitt auf über zwei Millionen Barrel - ansonsten lag die Quote darunter. Al Fatah steht insofern symbolisch für den Umgang mit einem geschlagenen Land. Wohin man auch schaut, das Muster bleibt nahezu immer das gleiche: Zuerst beschädigt die US-Armee vorhandene, teilweise schon in einem desolaten Zustand befindliche Einrichtungen. Dann beginnt ein nicht adäquater Wiederaufbau durch ausländische (meist amerikanische) Firmen, die fast nichts über die Bedingungen vor Ort wissen (und sich zumeist auch nicht darum scheren). Schließlich komplettieren Ineffizienz und Korruption der Auftragnehmer das Desaster. Von Anschlägen der Guerilla ganz zu schweigen. Zu guter Letzt geht das Geld aus.

Anfang 2006 erklärte übrigens die US-Regierung, vorerst seien für den Wiederaufbau des Irak keine neuen Mittel verfügbar.

Der Autor lehrt Soziologie in New York. Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen zählen Radical Protest and Social Structure sowie Social Policy and the Conservative Agenda; s. auch www.tomdispatch.org / aus dem Englischen von Steffen Vogel.


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00:00 02.06.2006

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