Piraterie als Machtfrage

IM GESPRÄCH Der Medienwissenschaftler Siva Vaidhyanathan über neue Technologien, anarchistische Kommunikationsmöglichkeiten und konservative Reflexe in Zeiten des World Wide Web

Siva Vaidhyanathan, Professor am Institut für Kultur und Kommunikation der New York University, ist einer der wichtigsten Kritiker restriktiver Urheberrechte. Mit The Anarchist in the Library hat er unlängst ein Buch vorgelegt, das den Bogen von Tauschbörsen und Copyright zu Globalisierung und anarchistischen Kommunikationspraktiken schlägt.

FREITAG: In Ihrem Buch sprechen Sie von den Ideologien moderner Kommunikationstechnologien. Wie beeinflussen diese Ideologien uns Nutzer?
SIVA VAIDHYANATHAN: Technologien verändern Erwartungen. Es gibt ein Sprichwort, das besagt: Wenn jemand einen Hammer besitzt, sieht alles für ihn aus wie ein Nagel. Das ist ein Ausdruck dessen, wie Technologien die Möglichkeiten verändern, die wir in unserem Leben erwägen. Es bedeutet nicht, dass Technologien unsere Handlungen bestimmen. Wer einen Hammer in der Hand hat, wird nicht dazu gezwungen, ihn in einer bestimmten Art und Weise zu nutzen. Aber es verändert die Möglichkeiten dieser Person. Das gleiche gilt für Kommunikationstechnologien. Wenn wir uns in einem Raum mit einem Fernseher befinden, wird unsere Stellung in der Welt durch diese Technologie beeinflusst. Wir wissen, dass wir Empfänger dieser Technologie sind, dass wir über eine Einbahnstraße mit einer zentralen Informations-Sendeanstalt verbunden sind. Wenn ein Computer mit Internet-Anschluss im Raum ist, dann denken wir fast zwangsläufig darüber nach, dass es die Möglichkeit zu einer unmittelbaren Form von Kommunikation mit dem Rest der Welt gibt.

Was Sie als "anarchistische Kommunikationsmöglichkeiten" betrachten ...
Richtig. Anarchismus gibt es als Ideologie bereits mehrere Jahrhunderte, doch alle bisherigen Versuche, die Welt zu verändern, sind gescheitert. Anarchismus braucht Kommunikation und Kollaboration. Wir haben nun dank der neuen Kommunikationstechnologien zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit die Möglichkeit, globale Kommunikation, Kooperation und Kollaboration zu betreiben. Wir haben die Möglichkeit, ohne Zeitverzögerung mit Menschen auf den Philippinen, in Simbabwe und Brasilien zu kommunizieren. Diese Möglichkeiten verändern die Erwartungen der Menschen. Wir erkennen, dass bestimmte Formen der Organisierung und des Aktionismus möglich geworden sind. Selbst wenn wir keine Anarchisten sind und Anarchismus nicht für das bestmögliche politische System halten, nehmen wir doch an anarchistischen Praktiken, Ideen und Plänen teil - ob wir sie nun so nennen oder nicht.

Ein oft zitiertes Beispiel für anarchistische Kommunikationstechniken sind Musik-Tauschbörsen wie Kazaa oder das ursprüngliche Napster-System. Sie argumentieren jedoch, dass derartige Systeme unter den falschen Vorzeichen betrachtet werden.
Wir werden in der öffentlichen Debatte dazu gezwungen, uns mit der wirtschaftlichen Zukunft einer Hand voll von Konzernen beschäftigen. Dabei haben wir die langfristigen Veränderungen ignoriert, die derartige Technologien mit sich bringen. Wir haben uns noch nicht damit beschäftigt, dass Jugendliche heute ohne weiteres Musik aus Ägypten, dem Senegal oder Indonesien kennen lernen können. Wir haben noch nicht erforscht, wie P2P(*) Künstler beeinflusst. Stattdessen herrscht eine moralisch gefütterte Panik über die Zukunft der Musikindustrie. Es ist gut möglich, dass sich die Musikindustrie mit der Zeit verändern wird. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie verschwinden oder kollabieren wird - es heißt lediglich, dass sie einige ihrer Praktiken verändern muss.

Ihr Buch beschäftigt sich eingehend mit Globalisierung und Technologie. Interessant ist dabei auch Ihr persönlicher Hintergrund: Ihr Vater wanderte aus Indien in die USA aus. Indien spielt im Diskurs um Technologie und Globalisierung eine große Rolle, die jedoch meist auf rein ökonomische Aspekte reduziert wird. Wie beeinflusst die kulturelle Seite der technologischen Globalisierung Indien oder die indische Community in den USA?
Als Kind besuchte ich meine Großeltern in einer Kleinstadt in Südindien, fernab jeder Metropole. Wir hatten nicht mal ein Telefon in unserem Haus. Wir konnten vier Radiostationen empfangen. Wir waren unglaublich weit vom Rest der Welt entfernt. Für Kinder, die heute in Indien aufwachsen, ist es nicht möglich, den Rest der Welt zu ignorieren. Es ist dank Satellitenfernsehen unmöglich zu ignorieren, dass das indische Cricket-Team in England spielt. Es ist unmöglich, die Cyber-Cafés überall in Indien zu ignorieren. Die Fantasie eines Kindes in Indien unterscheidet sich heute vollkommen von der eines Kindes, das Ende der sechziger oder Anfang der siebziger Jahre aufwuchs. Die Vorstellungen davon, was das Leben bedeuten kann, was es bedeutet, ein Inder oder ein Hindu zu sein - das ist alles sehr anders. Das kann einen sehr humanisierenden Effekt haben. Oder es kann Menschen ängstigen und sie zu dazu bringen, abgrenzend, gewalttätig und bigott zu sein.

Das ist einer der Gründe für Fundamentalismus, ganz gleich, ob es sich dabei um muslimischen Fundamentalismus, Hindu-Fundamentalismus oder christlichen Fundamentalismus handelt. Oft ist dieser auch eine Reaktion darauf, dass die Welt so schnell zusammenwächst und damit die eigene Stellung nicht mehr so sicher ist wie zuvor. Diesen Trend nehme ich auch innerhalb der indischen Community in den USA wahr. Viele Inder hier verfügen über gute Bildung und kennen sich mit Technologie aus. Sie haben täglichen Kontakt mit Familienmitgliedern in Indien, London, Toronto, Berlin oder Johannesburg. Die Tatsache, dass du heute Teil einer Familie sein kannst, die über die ganze Welt verteilt ist, ist ziemlich bedeutsam. Doch in ihrem persönlichen Leben, ihrem religiösen Leben waren sie nie zuvor so konservativ, defensiv und verängstigt. Sie drängen ihre Kinder in arrangierte Hochzeiten. Sie bestehen darauf, dass sie nur mit Hindus ausgehen. Es gibt also diesen Prozess, gleichzeitig postmodern und vormodern zu sein. Doch es ist auch wichtig, daran zu denken, dass Indien einer der Orte ist, die dieses Jahrhundert bestimmen werden. Indien, Brasilien und Indonesien, Ägypten und natürlich China werden eine wichtige Rolle dabei spielen, wie die Welt funktioniert. Und sei es nur deshalb, weil die Mehrheit der Menschen in diesem Jahrhundert dort zur Welt kommen wird. Die Bevölkerung wächst, der Einfluss wächst, der Reichtum wächst. That´s where the action is.

Wie passen die globalen Urheberrechts-Konflikte in dieses Bild?
Die globalen Auseinandersetzungen um Piraterie führen zu Fragen über die Verteilung von Macht in der Welt. Die Fronten dieser Auseinandersetzungen verlaufen ganz klar zwischen Nord und Süd. Entwickelte Länder gegen Entwicklungsländer. Die gleiche Dynamik lässt sich beobachten, wenn es um den Welthandel geht. Um Pharma-Politik. Um globale Macht-Institutionen. Wenn wir Demokratie in der Welt verbreiten wollen, wenn wir wirklich daran glauben, dass Demokratie die beste aller Herrschaftsformen ist, dann müssen wir die Bedeutung von Offenheit erkennen. Wir müssen erkennen, dass Künstler, Dichter und Komponisten allesamt einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung demokratischer Institutionen und Praktiken sowie bei der Entwicklung einer Kultur der Kritik leisten. Deshalb müssen wir tun, was wir können, um die Kosten der Beteiligung an demokratischer Kultur zu senken. Und im Idealfall auch die Belohnungen für die Teilnahme an einer solchen Kultur steigern. Ein ausgewogenes weltweites Copyright-System, das Verschiedenheit und Offenheit unterstützt, kann beides leisten.

In Ihrem Buch lassen Sie eine deutliche Sympathie für globalisierungskritische Bewegungen erkennen. Die Frage der Urheberrechte scheint für diese jedoch nur eine untergeordnete Rolle zu spielen.
Ich glaube, globale Aktivisten beginnen zu erkennen, dass die globale Kontrolle von Kultur, von Zeichen und Symbolen, etwa durch Trademarks, globale Kontrolle von Wissen durch Patente - dass all dies gefährliche Trends sind. Die Frage ist, welche Anliegen die dringendsten sind. Wahrscheinlich Agrarsubventionen. Oder der Preis von AIDS-Medikamenten. Copyright ist eines dieser Probleme. Aber Essen ist immer noch wichtiger als Musik.

Das Gespräch führt Janko Röttgers

* P2P meint eine Person-zu-Person-Aktion, bei der das Internet als Forum für ein Tauschgeschäft dient.


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00:00 25.02.2005

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