Pisa, wir kommen!

Aussichten Oktober 2009: Während die Kultusministerkonferenz noch über der PISA-Studie von 2001 brütet und überlegt, ob sie den Deutschunterricht nicht gleich ...

Oktober 2009: Während die Kultusministerkonferenz noch über der PISA-Studie von 2001 brütet und überlegt, ob sie den Deutschunterricht nicht gleich ganz abschaffen soll, häufen sich eigenartige Zeichen in den Städten, aber auch in öffentlichen Einrichtungen. Wo früher noch der Hinweis Eingang stand, findet sich schon längst ein Schild mit einer geöffneten Tür und einem Pfeil. Oder an Stelle der Wörter Betreten verboten eine Tafel mit einem großen Schuh, der durchgestrichen ist. Dies führte in der Anfangszeit noch zu einer sprunghaften Häufung barfuß laufender Menschen, was natürlich bei dem großformatigen Schild mit mehreren Bildern, das man für die Kommunalverwaltung erdacht hatte, gar nicht passieren konnte. Es verstand nämlich niemand, weshalb neue Mitarbeiter, die nun für die Erläuterung der Bilder benötigt wurden, teilweise den Weg an ihre Arbeitsstelle nicht fanden.
Eine bekannte Boulevardzeitung hatte vor zwei Jahren den Schriftgrad stark erhöht und ihre Redakteure per bebilderter Hausmitteilung wissen lassen, dass man keine Texte mit über acht Zeilen mehr im Blatt dulde. Man werde bei komplizierteren Sachverhalten auf farbige Bildserien übergehen. Als Chefredakteur wurde ein Comiczeichner engagiert. Fast unbemerkt blieb die Ankündigung Schleswig-Holsteins, die Schulbibliotheken wegen stark gesunkener Frequenz zu schließen. Es gab dort ohnehin keine lesbaren Bücher mehr.
Mehr Aufmerksamkeit hingegen erregte die Pressemitteilung von Pokemon Gruber, dem 23-jährigen Vorstandsvorsitzenden der German Fun AG, man sei dabei, den Duden im Gameboy neu zu "devenieren" und anschaulich zu bebildern. Bei schwierigen Begriffen wie z. B. "Lesekompetenz" werde man mit bekannten Künstlern wie Verona Feldbusch zusammen arbeiten.
Doch da kam die neue PISA-Studie im Januar 2010. Die jüngsten Hochrechnungen hatten eine Analphabetenrate von 39 Prozent befürchten lassen. In Wirklichkeit waren es jedoch nur 38,2 Prozent. Vorher war schon bekannt geworden, dass die Anzahl der IT-Ingenieure, die innerhalb von dreißig Minuten fünf Zeilen à 60 Buchstaben eines eigenen Textes in fehlerfreiem Deutsch verständlich schreiben konnten, von 21,4 auf 22,9 Prozent gestiegen war. Und Deutschland hatte unter den 38 geprüften Nationen immerhin Neuguinea, Pakistan und Peru hinter sich gelassen. Es ging sichtbar aufwärts! Die Kultusminister beschlossen sofort, die weiteren Verhandlungen zunächst einer Findungskommission zu übertragen, die dann der Formulierungskommission bis 2013 Bericht erstatten solle. Gründlicher konnte man nun wirklich nicht vorgehen.
So war es denn nur ein unglückseliger zeitgleicher Zufall, dass ein 13-jähriger Junge beim versehentlichen Mitnehmen eines Computerspiels in einem Kaufhaus ertappt wurde. Sein Fall erregte Aufsehen, denn er war Autist, wie man feststellte. In seinem Computer fand man eine sechs Wochen alte E-Mail: "hei ernie must nich draurig sein bin auf bissnes reise wen ich zurük bin krigst du neues computer spil, heist big bissnes und dazu handy wo du mir nachrichten schiken kannst mit SMS, dein Papa."

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 15.02.2002

Ausgabe 37/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare