Plan B

Medientagebuch Hoffentlich zahlt er auch: Haim Saban kauft die Pro Sieben SAT1 AG

Haim Saban hat den Kaufvertrag für die Pro Sieben SAT 1 AG nun doch ein zweites Mal unterschrieben. Und diesmal will er es wirklich ernst meinen. Doch das weiß man erst dann so recht, wenn in den nächsten Tagen die Kaufsumme auch wirklich bezahlt worden ist. Bis dahin werden sie in den Banken in München und Frankfurt als größte Schuldner des insolventen Fernsehkonzerns von Leo Kirch, zu dem die AG noch gehört, weiter zittern. Sollte der Deal ein zweites Mal platzen, stünden die Banker mit dem Insolvenzverwalter Michael Jaffé und den beiden Sanierern Wolfgang van Batteray und Hans-Joachim Ziems als gelackmeiert da. Im Juni hatten sie Saban schon einmal als Käufer der Senderfamilie gefeiert, als der amerikanische Investor zum ersten Mal den Kaufvertrag unterzeichnet hatte. Zuvor hatte er den deutschen Print-Konzern Bauer bei einem Bieter-Rennen aus dem Feld geschlagen. Einige Tage später waren allerdings die ersten notwendigen Zahlungen ausgeblieben. Zudem wollte Saban auf einmal den Kaufvertrag nachbessern.

Nach dieser Schlappe wurde Ende Juni von der Pro Sieben SAT 1 AG lauthals "ein Plan B" verkündet. Der bestand darin, dass nun die Schuldner, sprich die Banken, den Laden selbst führen wollten. Das sei doch eine gute Idee, wurde der schlimmste Fall als Ideal gepriesen. Das rundfunkrechtliche Problem, dass zu den Schuldner-Banken auch die bayerische Landesbank und damit die bayerische Landesregierung gehört, wurde ignoriert und banalisiert. Und die Frage, wie die Medienkompetenz jener Banker so schnell wachsen konnte, die einst bedenkenlos und ohne Fachprüfung Großkredite an Leo Kirch vergeben hatten, wurde gar nicht erst beantwortet. Mit dem zweiten Saban-Vertrag hat man sich dieser Probleme des "Planes B" entledigt.

Umgekehrt entledigte sich Saban durch seinen ersten Rückzug eines Problems, das ihm den Kauf beim ersten Mal madig gemacht hatte. Er sollte damals, so wollten es die Schuldner, den Rechtestock des Hauses Kirch miterwerben. Der war in den seligen Kreditgeschäften mit einem Millarden-Wert weit überschätzt als Sicherheit angesetzt worden. Tatsächlich waren und sind die Rechte an Spielfilmen und Serien im hohen Maße abhängig von der Konjunktur im doppelten Sinne.

Zum einen von der allgemeinen Wirtschaftskonjunktur: In Zeiten eines niedrigen Wirtschaftswachstums sinkt die Bereitschaft der Konzerne, für ihre Produkte im Fernsehen zu werben. Damit sinken unmittelbar die Einnahmen der Sender pro Sendeminute und damit ihre Ausgaben für Rechte aller Art. Damit fallen selbst die Preise für Luxusprodukte wie die Rechte für Fußball oder für aktuelle Spielfilme. Zum anderen sind die vom Kirch-Konzern angehäuften Rechte von der spezifischen Konjunktur des Fernsehmarktes abhängig. Und hier hat sich die Stellung gerade für amerikanische Spielfilme und Serien, die das Gros der Kirchsammlung ausmachen, extrem verschlechtert. Die Spielfilme erzielen nur in Ausnahmefällen gute Quoten. Erfolgreicher sind Billigproduktionen mit Eventcharakter. Warum also viel Geld für schwache Quoten ausgeben? (Dementsprechend sieht das Programm der nächsten Wochen auch aus.) Und amerikanische Serien reüssieren nur noch im absoluten Ausnahmefall. Im Hauptabendprogramm kommen sie kaum noch vor. Stattdessen werden sie werktäglich verramscht.

Erst als die Sanierer das Rechtepaket aufschnürten und sich die Pro Sieben SAT 1 AG nach eigenem Gusto mit Rechten bedienen durfte, für die sie zudem nur umsatzbezogen (also relativ risikofrei) bezahlen müssen, wurde die Firma für Saban wieder interessant. Denn nun kann er sich dem Kerngeschäft selbst zuwenden. Hier wartet auf ihn jede Menge Arbeit. Besonders der Sender Pro Sieben ist schwer angeschlagen. Sein durchschnittlicher Marktanteil sinkt seit zwei Jahren stetig, die Folge einer konzeptionslosen Programmpolitik, die den Trends eher hinterherhechelt, statt sie zu setzen. Beispiel hierfür ist das schwache Nachmittagsangebot, in dem Die Jugendberaterin den absoluten Tiefpunkt darstellt. Auch im Hauptabend treten Erfolge ehr zufällig ein. So wanderte die amerikanische Serie Friends mehrfach durchs Programm, ehe sie mehr als zwei Jahre lang werktäglich im Vorabend versendet wurde, ehe man endlich ihr Potential als Höhepunkt des Hauptabends erkannte. Seitdem läuft sie erfolgreich am Dienstagabend. Besonders im Spielfilmbereich hat Pro Sieben schon vor der Kirch-Insolvenz Federn lassen müssen. Hier hat er die Kompetenz, die er bei jungen Zuschauern in den neunziger Jahren aufgebaut hatte, fast hilflos an Premiere abgegeben. Folge der Strategie von Leo Kirch, seinen Pay-TV-Sender, koste es, was es wolle, zu profilieren. Heute rangiert Pro Sieben in Haushalten mit Premiere-Abonnement nur an sechster Stelle der Marktanteile.

Mit dem zweiten Vertragsabschluss mit Saban endet die Krise des deutschen Fernsehmarktes nicht. Vermutlich ist noch nicht einmal ihr Höhepunkt erreicht.

00:00 15.08.2003

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