Planspiel

Vogelgrippe-Pandemiepläne Die Bundesländer betreiben "Risikogruppenschutz", jedes ein wenig anders

Da schnattert und gackert nichts mehr. Rund um den Geflügelbetrieb im sächsischen Wermstorf gibt es kein Huhn, keine Gans, keine Pute, keine Ente und auch keine Taube mehr. Etwa 23.000 Stück Hausgeflügel sind dort in der vergangenen Woche gekeult worden, weil H5N1, das vor allem für Hühnervögel gefährliche Virus, in einem Putenstall ausgebrochen ist. Eine Katastrophe für die betroffenen Tierhalter.

Es sei alles unter Kontrolle, signalisieren dagegen Wirtschaft und Politik. Die Tötungsmaschinerie fürs Federvieh läuft, und für den Fall der Fälle, die Seuche ginge auf den Menschen über, steht der Pandemieplan. Alle behaupten zu wissen, was zu tun ist - in jedem Bundesland weiß man es ein klein wenig anders.

Und die Geflügelwirtschaft gibt grünes Licht für das Geschäft mit bunten Ostereiern. Ausgerechnet zum Ende der Fastenzeit hat sich die Seuche erstmals in einen deutschen Putenstall geschlichen, doch keine Panik: Die Geflügelwirtschaft macht vom Bruttoinlandsprodukt nur 0,05 Prozent aus. Generelle Ausfuhrverbote gibt es noch nicht und nur drei Prozent der deutschen Verbraucher, so ergab eine Umfrage des ARD-Deutschland-Trends, wollen in Zukunft auf den Verzehr von Geflügelprodukten verzichten. Wirklicher Schaden entsteht also zunächst nur für die Produzenten im Sperrgebiet: Die Tiere sind weg, die Nester bleiben leer.

Das Vogelsterben könnte als Ruhe vor dem Sturm gedeutet werden: Die WHO hat sechs Pandemiephasen definiert, derzeit befindet sich die Welt in einer "interpandemischen Phase" der Stufe Drei. Ein Zwischenzustand. Das heißt: Warten auf die Pandemie, die vielleicht einmal kommt, mit diesem Virus oder einem anderen. Alle Staaten sind in dieser Phase angehalten, genau zu überprüfen, ob sie bei sich etwas ausbrüten, das eine weltweite Infektionswelle auslösen könnte. In Berlin sollen künftig ausgewählte Kindertagesstätten einmal wöchentlich die Fälle von Erkältungskrankheiten melden, andere Bundesländer sammeln ihre Daten auf ähnliche Art und Weise. Nach Vorlage des nationalen Pandemieplans des Robert-Koch-Instituts - der nicht neu ist, sondern nur gelegentlich überarbeitet wird - haben nun die einzelnen Bundesländer ihre Pläne vorgestellt. Dabei geht es nicht in erster Linie um das Verbot von Großveranstaltungen oder Einschränkungen im Reiseverkehr. Die Pandemiepläne drehen sich um die Fragen: Was tun, wenn der Ernstfall eintritt? Wie und wo, wieviel Medikamente auf Vorrat einlagern? Wen damit versorgen? Woher käme ausreichend Impfstoff? Wie schnell kann man ihn beschaffen? Wer wird zuerst geimpft? Wohin mit Tausenden von Kranken?

"Unsere Vorsorge richtet sich an alle Teile der Gesellschaft", so die Berliner Gesundheitssenatorin Heidi Knake-Werner in der vergangenen Woche, bei der Präsentation der Berliner Pläne. Doch die Pandemiepläne sehen vor, dass "Risikogruppenschutz" betrieben wird: medizinisches Personal, Kinder und Pflegebedürftige zuerst. In der Ärzteschaft ist das nicht unumstritten. Einen "schwierigen, ethischen Konflikt" nennt es eine Arbeitsgruppe der Arzneimittelkomission der Bundesärzteschaft, dass im Pandemiefall unter Umständen keine Medikamente an symptomfreie, aber gefährdete Personen ausgegeben werden können, weil nicht genug davon da seien. Andererseits sei die öffentliche Bevorratung - so ein Diskussionsteilnehmer auf dem 10. Hannoverschen Impfsymposium im vergangenen November - ein "Sündenfall", denn der Staat mische sich in therapeutische Maßnahmen ein.

Geht es im Pandemiefall gerecht zu? Das Gespenst, das umgeht in Europa, ist derzeit nicht die Seuche, sondern die Angst. Auch das zwingt die Behörden möglichst demonstrative Tierseuchenbekämpfung zu betreiben: In Warendorf bei Münster werden vorsorglich 11.000 Puten getötet, weil der Hof von einem unter Umständen nicht ordnungsgemäß desinfizierten Lastwagen besucht wurde. Dieser hatte vorher einige hundert Kilometer entfernt den von der Seuche betroffenen Hof in Wermsdorf angefahren.

Derweil geht man in Österreich etwas gelassener zu Werke: 500 tote Hühner in der Steiermark aber kein Grippevirus nachweisbar - die Todesursache sei ungeklärt, Möglichkeiten gäbe es viele, so eine Sprecherin des dortigen Gesundheitsministeriums: Vergiftung, andere Krankheiten oder vielleicht waren die Hendl einfach alt.


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00:00 14.04.2006

Ausgabe 39/2020

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