Plastik, Pop, et cetera

Kitsch Ist eine friedliche Koexistenz mit dem Stoff unserer Albträume möglich? Zwei Musiker probieren es aus
Plastik, Pop, et cetera
Der Sturm ist da! Kaum kaputtbar sitzt auf des Bürgers Kopf der spitze Hut

Foto: Daniel Mihailescu/Getty Images

Am Ende zirpen die Grillen. Könnte man meinen. Tatsächlich erklingen zum Abschluss des Albums Plastic Anniversary jedoch Knallfolie und Klettverschlussgeräusche, Plastiktütengeraschel und Strohhalm-Percussion, von zwei Männern am Computer verdichtet zu einem Naturschauspiel der Künstlichkeit. M.C. Schmidt und Drew Daniel heißen diese Männer, sie sind Ende 40, und unter dem Namen Matmos betreiben sie schon mehr als ihr halbes Leben lang ein Laborprojekt für elektronische Musik mit Stützpunkt in Baltimore. Ihre neuste Versuchsanordnung ist ein Album, auf dem alle Geräusche der Welt des Kunststoffs entstammen. Eine Highschool-Marschkapelle spielt mit Plastiktröten auf, Silikonimplantate werden zu Schlaginstrumenten, Gymnastikbälle zu Hip-Hop-Beats. Und einmal, am Ende von Plastic Anniversary, imitiert das polymere Treiben eben den Sound eines Grillenkonzerts.

Eine queere Lebensform

Klingt idyllisch, könnte aber auch als Hinweis auf die nahende Apokalypse gemeint sein. Nach dem Motto: Wenn hier in, sagen wir mal, 50 Jahren noch irgendwas zirpen soll, kann es mit dem Plastik nicht so weitergehen wie bisher. Acht Millionen Tonnen davon werden derzeit jährlich in die Weltmeere geschüttet. Bis Sie diesen Artikel fertig gelesen haben, sind wieder fünf Müllwagenladungen hinzugekommen. Zwischen Kalifornien und Hawaii dümpelt eine Plastikinsel der Größe von Texas im Pazifik, und schon in 30 Jahren wird das Gewicht des Plastikabfalls in den Ozeanen größer sein als das Gewicht der darin lebenden Fische. An Land sieht die Lage nicht viel besser aus: Ein typischer Stadtmensch absorbiert täglich hunderte Partikel Mikroplastik, die sich zum Beispiel von Kleidung, Smartphonebuttons oder Zeitungsseiten abgelöst haben. Der Stoff befindet sich längst genauso in uns wie in der Luft um uns herum.

Oder, wie Heather Davis sagen würde: Plastik ist unter uns. Am Eugene Lang College in Manhattan forscht die Kulturwissenschaftlerin zu Zusammenhängen zwischen Politik, Kunst und Ökologie. Stellt man sich diese Disziplinen als Eckpunkte eines Dreiecks vor, dann sind die Verbindungslinien dazwischen aus Plastik. Anders als etwa die EU, die gerade dabei ist, diverse Formen von Einwegplastik zu verbieten, glaubt Davis nicht daran, dass der weltweiten Plastikproduktion, -verschwendung und -entsorgung mit solchen Regulierungsversuchen beizukommen ist. Sie plädiert dafür, Plastik als eine Art von queerer, weil nicht zur biologischen Fortpflanzung fähiger Lebensform anzuerkennen. Vom Menschen produziert und deshalb auch mit ihm verwandt. Folglich gilt es, Verantwortung für den Kunststoff zu übernehmen – sowie für all die Organismen, inklusive des eigenen Körpers, in denen sich Plastik bereits als nicht mehr zu beseitigender Bestandteil eingenistet hat. Die Menschheit, glaubt Davis, könnte aus diesem Umgang ein völlig neues Verständnis für Plastik schöpfen.

Heute will sich niemand mehr daran erinnern können, aber es ist wahr: Plastik galt mal als geil. In den Wirtschaftswunderjahren markierte es ein Zukunftsversprechen von Fortschritt und Überfluss, die Verheißung einer ewig reproduzierbaren Wegwerfwelt. Diese Ansicht hat sich als kolossale Fehleinschätzung erwiesen. Plastik ist das Gegenteil von schnell und instant. Plastik ist, wie Heather Davis schreibt, für die Ewigkeit. Eine Lebensform, die außerhalb der Gesetze von Leben und Tod, von Zeit und Verfall existiert. Selbst die Abfallprodukte der allerersten synthetischen Polymere, mit denen der US-amerikanische Chemiker John Wesley Hyatt vor 150 Jahren experimentierte, schwirren noch immer irgendwo auf der Welt herum. Jeder Plastikartikel, der jemals produziert wurde, existiert bis heute und wird auch noch in mehreren tausend Jahren existieren. Folgt man nun Davis und begreift den Kunststoff als nicht-menschlichen Nachkommen der Menschheit, dann ist Plastik der Bastard, der uns alle überleben wird.

Plastik als queere Lebensform: Für die queeren Musiker hinter Matmos waren Heather Davis’ Thesen ein gefundenes, wenn auch leider unverdauliches Fressen. Mit Plastic Anniversary feiern sie ein dreifaches Jubiläum (das zehnte gemeinsame Album im 25. Jahr ihrer künstlerischen und romantischen Partnerschaft), in dem alle selbstlimitierenden Soundkonzepte und produktiven Spinnereien aufzugehen scheinen, mit denen sich Schmidt und Daniel bisher beschäftigt haben. Matmos haben durchaus hör- und sogbar tanzbare elektronische Musik produziert, die ausschließlich aus der stark nachbearbeiteten Geräuschkulisse eines Operationssaals besteht. Auf ihrem letzten, vor drei Jahren veröffentlichten Album kam eine Waschmaschine als einziges erlaubtes Instrument zum Einsatz. Als Matmos mit dieser Waschmaschine auch noch auf Tour gingen und in Echtzeit bewiesen, dass die konzeptuellen Überbauten ihrer Platten mehr als bloße Behauptung sind, war das selbst für Berghain-Verhältnisse ein Anblick, den es nicht alle Tage zu bestaunen gibt.

Plastic Anniversary zeigt nun, wie eine praktische Anwendung dessen aussehen könnte, was Heather Davis als „queere Zukunft des Plastik“ beschreibt. Es ist eine Art polymere Beschäftigungsmaßnahme: ein Gemeinschaftsprojekt zwischen Mensch und Plastik, in dem das Material ebenso wichtig ist wie die Musiker, die es mit Hand, Mund, Fuß und anderen Körperteilen bearbeitet haben. Das Album ist zweifelsohne queer im herkömmlichen Sinne des Wortes, also seltsam oder wunderlich, und zugleich Fortschreibung einer queeren Popmusikgeschichte, in der Plastik seit den späten 70ern eine prägende Rolle spielt.

Noch heute wird der Begriff Plastik-Pop als Schimpfwort für vermeintlich unorganisch formierte Bands und Projekte verwendet: von den Monkees in den Sechzigerjahren über die Zöglinge des Hitproduzenten-Teams Stock Aitken Waterman in den Achtzigern bis zu wem auch immer, der gerade bei The Voice Of Germany erfolgreich ist. Schon zu Zeiten der Punk-Revolution mehrten sich jedoch auch die Pop-Experimente mit dem subversiven Potenzial von Plastik-Attributen wie billig, künstlich oder einweg. Federführend war dabei der Musikmanager Malcolm McLaren: Als Erfinder der Sex Pistols nahm er allen Plastikvorwürfen gegen seine gecastete Band den Wind aus den Segeln, indem er sie von vornherein als erste große Tupperparty der Popgeschichte inszenierte.

Jede Tüte ein Skandal

Plastik-Pop konnte also nicht nur Schmähbegriff sein, sondern auch Bekenntnis. Queere Popstars wie Frankie Goes To Hollywood und die britische Ultrakitsch-Bewegung der New Romantics widersprachen in den frühen Achtzigerjahren den klassischen Rock’n’Roll-Geboten von Geniekult und Authentizität, indem sie vermeintlich Musikfernes wie Marketingstrategien, Imagepflege und ihr Erscheinungsbild zu gleichwertigen künstlerischen Betätigungsfeldern erklärten. Die Erfolgsprojekte jener Tage waren meist kurzlebig oder sie sind schlecht gealtert – aber auch das war ihren Konzepten eingeschrieben. Erstmals beschäftigte sich Popmusik mit ihrer eigenen Gebrauchsgegenständlichkeit. Statt mit ihrem Waren- und Wegwerfcharakter zu hadern, ging sie voll und ganz darin auf.

Plastik war das sinnbildliche Material dieser Bewegung. Es besteht aus glatten Oberflächen, unter denen nichts anderes steckt als noch mehr Oberfläche. Fast 40 Jahre später greifen Matmos diesen affirmativen Umgang mit dem Kunststoff auf und übertragen ihn von einer vornehmlich metaphorischen Ebene auf eine ganz konkrete, indem sie Plastik zum maßgeblichen Instrument ihrer Musik erklären. In Zeiten, in denen jede Plastiktüte als kleiner Skandal gilt, ist das zunächst einmal eine schöne Provokation.

Doch je länger die Platte dauert, desto größeres Eigenleben entwickelt ihr Plastikanteil. Das dumpf-vergnügte Geklöppel und Geploppe nimmt zusehends düstere Züge an. Das friedliche Zusammenleben von Mensch und Plastik, das sich Heather Davis in ihren Schriften und Vorträgen noch ausmalte, erstickt unter einem riesigen, nicht recyclingfähigen Müllberg. So klingt die Zukunft, scheinen Matmos damit sagen zu wollen. Ob sie auch so aussehen wird, werden wir früher herausfinden, als uns lieb sein kann.

Info

Plastic Anniversary Matmos Thrill Jockey 2019

Daniel Gerhardt war bis Ende 2018 Chefredakteur von Spex. Das Magazin für Popkultur

06:00 30.03.2019
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