Platzhirsche unter sich

Nachhaltige Wildwirtschaft In Bonn traf sich das grüne Gewerbe und blies zur "Freiheit des Rotwilds"

Ein Jäger aus Kurpfalz, der reitet durch den grünen Wald und schießt das Wild daher, grad wie es ihm gefällt." Das Lied lügt. Stimmt alles nicht: Zum einen fährt der moderne Jäger Geländewagen, zum anderen muss er sich an ein detailliertes Regelwerk, zum Beispiel das Bundesjagdgesetz halten. Er braucht einen Jagdschein und ein Revier, und dort muss er dafür Sorge tragen, dass ausreichend Wild herumläuft. Geschossen wird also noch lange nicht. Und schon gar nicht auf irgend etwas.

Nachhaltig soll die Jagd sein - so wollen es die Konvention von Rio und das Bundesnaturschutzgesetz, und so wollen es auch die Jäger. Statt mit wildem Geballer verbringen sie viel Zeit mit Wildtiermanagement, zählen Hasen, kartieren Krähennester, jammern über zu hohe Fuchsbestände und hüten - wenn sie denn welche haben - ihre Hirsche wie eine Glucke ihre Küken.

Im Rudel schädlicher

Waldbesitzern und Förstern kommt da gelegentlich die Galle hoch, denn ihnen erscheint das so genannte Rotwild eher wie eine Schnecke im Salatbeet: Der Hirsch frisst Knospen und Rinde von jungen Bäumen und fegt seine Stangen daran, das bedeutet, er schubbert sein sich jedes Jahr neu bildendes Geweih vom Bast frei. Und weil das Rotwild rudelt - also immer im Team auftritt - können die Schäden punktuell gewaltig sein.

Zwar steht der Rothirsch in Bayern und Schleswig-Holstein auf der Vorwarnstufe zur Roten Liste. Die Kategorien der vom Aussterben bedrohten Arten erfüllt das Rotwild aber hauptsächlich wegen der Zerstückelung und Eingrenzung seines Lebensraums, nicht weil es wirklich selten und die Population gefährdet wäre. Im Jagdjahr 2002/2003 wurden in der Bundesrepublik 60.407 Hirsche erlegt - mit seit Jahren steigender Tendenz. 2003 ergab das fast 400 Tonnen Wildbret. Dazu werden in Deutschland über 500 Tonnen Fleisch aus Gatterhaltung - also von Rotwild, das als Nutztier gehalten wird - verzehrt und mehr als 17.000 Tonnen Importware herangeschafft.

Allein für die Feinschmecker und zur Beruhigung der Waldbesitzer schießt man die Hirsche aber nicht. Auch nicht für die Trophäe, denn mehr als die Hälfte der erlegten Tiere sind so genanntes Kahlwild: weibliche Tiere ohne Geweih. Genau genommen schießt man die Tiere, weil man muss. Ganz bürokratisch. Und das kam so: Mit der Revolution von 1848 war die Jagd auf Rotwild plötzlich kein Privileg des Adels mehr. Schnell wurde die Art extrem dezimiert und bald darauf wieder streng geschützt. Das rettete den Hirsch vor der Ausrottung in Mitteleuropa, führte aber zum Jojo-Effekt.

Zu viele Hirsche richten Schäden in Wald und Flur an, wenn es zu wenige oder keine gibt, gefällt das auch nicht. Deshalb wurden nach dem Zweiten Weltkrieg streng abgegrenzte Rotwildgebiete eingerichtet. Die Sicherung der Ernährung des Menschen schien erst einmal wichtiger als die Tiere. Die Populationsgröße in den ausgewiesenen Rotwildgebieten muss durch Jagd reguliert werden, da der Hirsch keine natürlichen Feinde wie Bär und Wolf mehr hat. Bis hierher und nicht weiter, heißt es seitdem für den Hirsch. Wenn sich die Tiere aus den Rotwildgebieten herauswagen, dann kostet das den Kopf - ob da nun ein Geweih drauf sitzt oder nicht.

Aus mehreren Gründen ist das äußerst ungünstig: Zum einen wandert die Art zwischen verschiedenen Sommer- und Winterlebensräumen und für den genetischen Austausch. Zum anderen ist das Geweih im Wald recht unpraktisch: Der Hirsch ist eigentlich ein Tier des Offenlandes, aber da findet er keinen Platz, weil die Menschen intensive Landwirtschaft betreiben. Wohin nun also mit dem Hirsch?

Artgerechtes Rotwildleben

Seit Jahren arbeiten Ulrich Wotschikowsky vom Verein für Arten-, Umwelt- und Naturschutz (VAUNA) und Olaf Simon vom Institut für Tierökologie und Naturbildung zusammen mit anderen Experten am "Leitbild" für das Rotwildmanagement. Wie kann man dem Hirsch ein artgerechtes Leben ermöglichen? "Wir haben am Anfang nicht bedacht, welchen Riesenstein wir da zu rollen begannen", räumt Wotschikowsky ein. Der Stein ähnelt wohl eher einer Schneemannskugel, denn er wird größer: Die fünfte Fassung der 20 Gebote für den Hirsch war die Diskussionsgrundlage des zweiten Rotwildsymposiums, das die Deutsche Wildtierstiftung Anfang Mai in Bonn veranstaltete.

Eigentlich klingen Wotschikowskys Forderungen ganz einfach: Freiheit für den Rothirsch! Durch Vernetzung und Ausweitung der Lebensräume sollen die Tiere ihrem Wanderungsbedürfnis nachgehen und Flächen außerhalb von Wäldern besiedeln können. Außerdem soll der Hirsch zu seinem ursprünglichen Lebensrhythmus als tagaktives Tier zurückkehren und dadurch für den ebenfalls tagaktiven nicht jagenden Durchschnittsbürger wieder erlebbar sein.

Dazu ist eine Anpassung der Jagdstrategien und des Rotwildmanagements notwendig: Weniger scheu werden die Tiere, wenn die Jagd professionalisiert wird, die Jagdzeiten von neun auf fünf Monate verkürzt werden und Forstwirtschaft, Grundeigentümer und Jagdpächter die Organisation konzertieren. Denn jagen muss man den Hirsch weiterhin: Vergrößern soll sich die Population nämlich nicht. Doch genau hier beginnen die Probleme: "Rotwild ja oder nein und wo, das ist keine wissenschaftliche Frage", fasst Experte Richard Lammel die Konflikte zwischen Jägern, Bauern und Tierschützern zusammen.

Hirsch auf dem Truppenübungsplatz

Damit das Rotwild tagsüber auf der Wiese Gras frisst, statt sich in der Dämmerung im Wald an Rinden zu laben, müssen die Jäger gewährleisten, dass die Rudelstrukturen der Tiere ausgeglichen sind. Das Geschlechterverhältnis muss stimmen und ein hohes Durchschnittsalter der Tiere gefördert werden, immerhin kann ein Hirsch bis zu 20 Jahre alt werden. "Soziale Komponenten sind die Vorraussetzung für das Wohlbefinden einer Art", stellt Helmut Wölfel vom Institut für Wildbiologie und Jagdkunde der Universität Göttingen fest. "Wenn auf einem Drittel der Fläche ganztägig Gras gefressen werden kann, dann gehen die Schälschäden im Wald gegen Null, denn Gras ist für den Hirsch leichter zu bekommen als Rinde."

Zwar hat sich der Hirsch schnell an für ihn berechenbare menschliche Aktivitäten - wie die Nutzung von Truppenübungsplätzen zu bestimmten Tageszeiten - gewöhnt, doch auf unregelmäßige Störungen reagiert er empfindlich. "Tagaktives Rotwild erreicht man durch perfekte Organisation und Jäger, die ihr Handwerk verstehen", stellt Berndt Bahr vom Verband Deutscher Berufsjäger fest. Das Wild "364 Tage im Jahr in Ruhe lassen" ist seine Empfehlung. Das wiederum lässt sich schwer durchsetzen, denn das Rudel wandert von Revier zu Revier. Und diese werden tendenziell immer kleiner, zum Beispiel durch die Privatisierung großer Waldbestände in den neuen Bundesländern. Die Verkleinerung von Revieren und Forstverwaltungen ist indes ein Problem, denn jeder will seinen eigenen Hirsch: "Schrebergartendenken passt fürs Reh, aber erst ab 10.000 Hektar kann man in Rotwilddimensionen rechnen", meint Wölfel.

So stellt es sich auch Meinhard Süß vom Ökologischen Jagdverband (ÖJV) vor: "Es darf nicht zu jedem Revier auch eine Abschussforderung gehören." Die Rotwild AG des Deutschen Jagdschutzverbandes (DJV) sieht das ähnlich, reklamiert aber seine Rolle als Vorhut, denn nur dem DJV sei es mit seinem hohen Organisationsgrade möglich, eine die Wanderung etc. berücksichtigende Rotwildplanung umzusetzen. Georg Freiherr von und zu Brenken vom Verband der Jagdgenossenschaften und Eigenjagden in Westfalen-Lippe betont darüber hinaus: "Grundeigentümer wollen ihr Eigentum nachhaltig nutzen. Jede Jagdgenossenschaft muss frei entscheiden können, wie sie ihr Recht umsetzt." Die Jäger müssen also noch herausfinden, wer ihr Platzhirsch ist.

Besucherlenkung

Und dann ist da noch der naturinteressierte Normalbürger, der den Hirsch nur vom kitschigen Ölgemälde her kennt. "Erlebbar" wird der Hirsch für ihn nur, wenn man ihn nahe genug heranlässt - und ihn gleichzeitig auf Abstand hält, damit die Hirsche ihre Ruhe haben. "Sperrung funktioniert nicht, und wenn sie auf die Eigenverantwortung der Leute bauen, geht auch das in der Regel in die Hose", weiß Berndt Bahr aus Erfahrung. Jogger, Mountainbiker, Hundebesitzer und Naturliebhaber halten sich an keine Waldesruh. Und der Hirsch als touristische Attraktion? Auch da ist Bahr skeptisch: "Bei uns in Nordrhein-Westfalen muss man aufpassen, dass man keine Besucherströme auslöst. Wenn sie die Leute durch den Wald streichen lassen, kriegen sie als Jäger das kalte Grausen!"

Also Besucherlenkung. Die von der Deutschen Wildtierstiftung und VAUNA im Herbst 2003 inszenierten Ammergauer Hirschtage mit Wanderung zur Hirschbrunft und Kochkurs bei der VHS waren jedenfalls ein voller Erfolg. Und auch Georg Fritz, aus dem Ressort Tourismus, Sport, Erholung des Bundesamtes für Naturschutz sieht die Vermarktung des Hirschs als eine Möglichkeit, das "Naturerlebnisbedürfnis im Inland zu befriedigen". Doch "wer mit Rotwild wirbt, muss auch Rotwild bieten". Ein neuer Konflikt. Wotschikowskys Leitbild folgend, sollen die Jäger die Hirsche nicht mehr füttern, die Ausflugslokale müssten es aber tun, um die Tiere sichtbar zu halten.

Weit entfernt vom Feilschen um Formulierungen und Forderungen, geht es bei allen Interessenten am Hirsch grundsätzlich um den Menschen: Die Bauern wollen die Hirsche nicht auf dem Feld, die Förster mögen sie nicht im Wald, zumindest nicht in den Edelholzbeständen, die Naturschutzverbände hätten sie gerne weniger scheu, die Jäger wünschen sich ein paar Exemplare in ihrem Revier und außerdem will sich keiner reinreden und seine Rechte einschränken lassen. Und eigentlich wollen alle nur das Beste für den Hirsch und finden ihn toll. Doch bis der Hirsch wieder röhren darf, wo er will, muss er wohl noch eine ganze Weile in die Röhre schauen.


00:00 21.05.2004

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