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Sportplatz An ihren T-Shirts sind sie zu erkennen: Team Berlin trägt leuchtend Blau, Team Schweiz knalliges Rot. Team Frankfurt am Main Weiß, Team Paris Bleu ...

An ihren T-Shirts sind sie zu erkennen: Team Berlin trägt leuchtend Blau, Team Schweiz knalliges Rot. Team Frankfurt am Main Weiß, Team Paris Bleu Blanc Rouge, Team Vancouver Grün. In wenigen Stunden werden sie als "heroes" und in alphabetischer Reihenfolge ihrer Länder in das große Aussie-Footballstadion von Sydney einlaufen. Besonders umjubelt sind die kleinen Teams mit ein bis höchstens 20 TeilnehmerInnen aus Venezuela, Mexico, Samoa, China, Taiwan, Island, Ghana oder Irak - Teams aus Ländern, in denen das Leben als Lesbe oder Schwuler weit weniger einfach oder gar selbstverständlich ist als in den westlichen Industrieländern.

Im olympischen Rhythmus, alle vier Jahre, findet das größte internationale schwullesbische Sportereignis statt, genannt "Gay Games", mit gut 30 verschiedenen Sportarten von Leichtathletik, Schwimmen, verschiedenen Ballsportarten bis hin zu Gesellschaftstanz, Eiskunstlauf, Bridge oder Segeln. Nachdem die ersten vier Gay Games in San Francisco, Vancouver und New York stattgefunden hatten, traf sich die weltweite Homosportcommunity im Jahr 1998 das erste Mal außerhalb Nordamerikas in Amsterdam und ist nun in diesem Jahr in Sydney zusammengekommen, mit dem Motto: "Under New Skies". Angemeldet haben sich rund 13.000 TeilnehmerInnen und BesucherInnen, fester Bestandteil der Spiele ist eine Reihe von Konferenzen etwa zu Menschenrechts-, Gesundheits- oder Genderfragen sowie ein reichhaltiges Kulturprogramm und jeden Abend mindestens eine große Party.

Die Homo-Sportbewegung entstand vor etwa 30 Jahren in den USA. Ihr Ursprung war die Erfahrung vieler Homosexueller, im Sport diskriminiert zu werden oder aber ihre sexuelle Orientierung verstecken zu müssen, um eine Sportkarriere verfolgen oder einfach nur in einem Verein gemeinsam mit anderen trainieren zu können. Lesben und Schwule gründeten eigene Vereine. Daraus entstand eine Bewegung, die für Akzeptanz von lesbischen oder schwulen SportlerInnen kämpft - und über den engeren Kontext des Sports hinaus für die Anerkennung ihrer Lebensform. Zunächst auf die Industrienationen beschränkt, gibt es mittlerweile in vielen Ländern der Erde schwule und lesbische Sportvereine. Allerdings stellen die USA immer noch den größten Anteil an TeilnehmerInnen bei den Gay Games, hier in Sydney sind es etwa ein Drittel.

Von Beginn an galt mit dem Gay-Games-Motto "inclusion, participation and personal best" das Prinzip der Offenheit, der Akzeptanz von Unterschieden und ein Leistungsgedanke, der nicht an sportlichen Höchstleistungen, sondern an der persönlichen Bestleistung der eigenen Person orientiert ist. Bei dieser Olympiade darf auch mitmachen, wer für den Zehn-Kilometer-Lauf 80 Minuten braucht. Für besonders benachteiligte Gruppen wie Behinderte, Indigene, Frauen oder TeilnehmerInnen aus ärmeren Ländern haben die Gay-Games-Veranstalter spezielle Förderkommissionen eingerichtet. In den meisten Sportarten wird nach der Selbsteinstufung in eine Leistungsgruppe oder nach Altersgruppen gewertet. Zu den Meldekategorien gehört das Geschlecht. Neben dem allzu gewohnten bipolaren Schema männlich/weiblich kann auch die Kategorie "Transgender" oder die bei diesen Spielen erstmals eingerichtete Kategorie "Sistergirl" gewählt werden. "Sistergirl" ist ein australischer Begriff zur Selbstbezeichnung von Transgenderpersonen der Aborigines.

An einigen Punkten aber stößt die ansonsten hoch gehaltene Offenheit der Gay Games an ihre Grenzen. So müssen Transgenderpersonen Nachweise ihrer behandelnden Ärzte beibringen, aus denen zweifelsfrei hervorgeht, welcher Geschlechtskategorie sie letztendlich zuzuordnen sind. Die Federation of Gay Games, die Dachorganisation der Spiele, begründet dieses Reglement damit, dass eine Mann-zu-Frau-Transsexuelle beispielsweise biologischen Frauen körperlich überlegen und bei ihrer Teilnahme an Frauenwettbewerben ein gerechter Leistungsvergleich unmöglich sei.

Am Morgen des Eröffnungstages im Royal Botanic Garden. Hunderte Menschen sind zum "Memorial Funrun" zusammengekommen, den die Sydney Frontrunners ausrichten, ein lesbisch-schwuler Laufverein der australischen Metropole. Der traditionelle Lauf über fünf Kilometer findet ohne Zeitnahme statt. Hier geht es nicht ums Gewinnen, sondern um die Erinnerung an die Verstorbenen der homosexuellen Gemeinschaft. Ursprünglich als Gedenklauf für die AIDS-Toten gedacht, schließt er heute ausdrücklich auch an Brustkrebs verstorbene Mitglieder der Community ein. Brustkrebs bei lesbischen Frauen war lange Zeit ein kaum diskutiertes Thema. Zugleich endet mit dem "Memorial Funrun" ein Stafettenlauf vom Ort der letzten Gay Games, Amsterdam, zum aktuellen Austragungsort. In Analogie zum Olympischen Feuer wurde die Regenbogenflagge als Stafette weitergereicht.

Ohne Politik ist die homosexuelle Sportbewegung nicht denkbar. Und wie wichtig das Engagement ist, haben die Eiskunstlaufwettbewerbe der letzten Spiele gezeigt, als die internationale Eislaufunion ISU (International Skating Union) sämtlichen Funktionären, TrainerInnen und Kadermitgliedern mit Entzug der Lizenzen oder der Jobs gedroht hatte, falls sie die Wettbewerbe wie geplant mit dem Regelwerk der ISU durchführen würden, das Paarlaufen nur für gemischtgeschlechtliche Kombinationen vorsieht. Der Wettbewerb fand dann schließlich als Publikumswettbewerb ohne offizielle Wertung und Medaillenvergabe statt. Hier in Sydney flammte der alte Streit wieder auf, die ISU droht sogar freiwilligen Helfern bei den Eislaufwettbewerben mit Sanktionen. Pikanterweise sind, wie in der Eislaufszene bekannt, viele der obersten Funktionäre der ISU selbst homosexuell, aber die meisten von ihnen leben dies nicht offen.

Vom 2. bis zum 9. November kämpfen Lesben und Schwule aus aller Welt um Medaillen und verstehen sich dabei gleichzeitig als Teil einer gesellschaftspolitischen Bewegung, die für die Humanisierung der Gesellschaft eintritt. Niemand wird dieses hohe Ziel in Frage stellen, doch was wäre, wenn Lesben, Schwule und andere sexuelle Identitäten vollkommen anerkannt und akzeptiert würden? Hätten die Gay Games dann ihre Legitimation verloren? Die unter den SportlerInnen viel diskutierte Frage bleibt hypothetisch. Mit einer vollkommenen Anerkennung homosexueller Lebensformen ist auch auf lange Sicht nicht zu rechnen, und schließlich bleibt der Spaß am sportlichen Wettkampf unter Gleichgesinnten das Wichtigste. Auch die nächsten Gay Games in vier Jahren in Montreal werden deshalb mit Sicherheit nicht die letzten sein.

00:00 08.11.2002

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