Plötzlich tanzte der Stift ausgelassen

Comic Am Tag, nachdem das ägyptische Volk seine Freiheit errang, fing unser Karikaturist an, in neuen Farben zu zeichnen. Er wurde kreativer, weil er keine Angst mehr hatte

./resolveuid/3f19a1654e83b4b1c37d9548d56b368dVor dem 25. Januar 2011, dem Tag, an dem die Revolution in Ägypten begann, schreckte meine Hand mehr als ein Mal vor dem Zeichnen zurück. Sie war gehemmt angesichts der Unterdrückung der Freiheit, der Missachtung der Würde des Menschen, sowie der Gefahr, die es mit sich brachte, wenn man Kritik an Gesellschaft oder Politik übte. Die Restriktionen rund um diesen Beruf hinderten mich, klar und deutlich meine Meinung zu sagen.

Am jenem Freitag wachte ich früh auf, voller Hoffnung, jene Unbekannte zu treffen, die ich in all der Zeit immer nur für einige Momente kennenlernen durfte: „Freiheit“, wie sie viele nennen. Ich erhielt einen Anruf von einem befreundeten Aktivisten, dem Dichter Abd el Rahman Youssouf, und dem von mir hochgeschätzten Maler Amar Said Kafrawi. Sie luden mich zu einer Versammlung ein. Jeder würde aus der Moschee in seiner Nachbarschaft hinausgehen, und zwar an jenem Tag, den sie den „Freitag des Zorns“ nannten. Ich ging am 25. und 26. Januar hinaus. Und begriff, dass wir vor einer sehr ernsten Lage standen. Dem Regime würde klar sein, dass es mit einer Revolution konfrontiert war. An den folgenden Tagen gingen die Sicherheitskräfte mit verstärkter Brutalität vor. Weniger Menschen demonstrierten.

Der Wert der Freiheit

Ich erwachte aus meinem Traum. Der Präsident hatte alle Kommunikationskanäle sperren lassen – so etwa Mobiltelefone und Internet – die einzigen Medien, die mir zu Hause zur Verfügung stehen. Da begriff ich, dass mein Land sich in ein großes Gefängnis verwandelt hatte und dass dieser Mann, der schon so lange das falsche Schauspiel der Demokratie aufführte, nun sein hässliches Diktatorengesicht entblößte. Dieser Tag war entscheidend für mich. Nachdem ich einmal zusammen mit den anderen Demonstranten den Panzerfahrzeugen der Polizei gegenübergestanden hatte, war es schwierig, einen Schritt zurückzugehen. Mir wurde klar, dass unser Volk bereit war, auf dem Weg zur Freiheit sein Leben zu opfern – und dass wir all dies nach diesem Tag nicht verspielen dürfen. Zum ersten Mal begriff ich die Be­deutung und den Wert der Freiheit.

An diesem Tag, an dem der Wille des Volkes über den Unterdrückungsapparat des Staates triumphierte, begann ich eine andere Luft zu atmen. Mir schien, als sähe ich das Licht der Sonne zum ersten Mal. Selbst die Farben schienen sich verändert zu haben, ganz so, als hätten Tyrannei, Gewalt und Willkür den Geschmack all dieser Dinge bitter werden lassen. Und als ich nach der Revolution zum ersten Mal meinen Stift in die Hand nahm, schien mir, als hätte ich bislang überhaupt nicht zeichnen können. Der Stift tanzte ausgelassen auf dem Papier, als ob er wüsste, dass er im Besitz der Freiheit wäre. Ich zeichnete leicht und kraftvoll. Die Angst schränkte meine Kreativität nicht mehr ein. An diesem Tag beschloss ich, mit meiner Meinung nicht mehr hinterm Berg zu halten, auch wenn sie anecken würde. Obwohl die neue Ordnung auch Formen der Unterdrückung praktiziert und Aktivisten verurteilt, habe ich erkannt, dass ein verängstigter Mensch nicht frei ist. Und Kreativität nur dann schöpferisch sein kann, wenn sie frei ist.


(Foto auf der Startseite: Aris Messinis/ AFP/ Getty Images)



Ahmad Mohamed Nady, geboren 1981 in Kairo, zeichnet Karikaturen und Comics. Sein Markenzeichen ist, dass er keines hat: Er richtet den Stil nach den Inhalten. Die Karikatur, die auf dem T-Shirt abgebildet ist, zeichnete er während der Demos auf dem Tahrir-Platz am 25. Januar. "Und kein Wort mehr", steht in der Sprechblase, auf dem Shirt des Riesen "Revolution 25" - nach dem Tag, an dem in Ägypten die Revolution begann.

Das T-Shirt mit der Karikatur von Ahmad Nady (American Apparel) ist in der Freitag-Kollektion in verschiedenen Größen erhältlich (Preis: 25 Euro)





Dieser Text ist Teil der Freitag-Sonderausgabe 9/11, die der Perspektive der arabisch-muslimischen Welt auf die Terroranschläge und ihre Folgen gewidmet ist. Durch einen Klick auf den Button gelangen Sie zum Editorial, das einen ausführlichen Einblick in das Projekt vermittelt. In den kommenden Tagen werden dort die weiteren Texte der Sonderausgabe verlinkt.

Übersetzung: Kersten Knipp

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10:00 10.09.2011

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