Pluralität zulassen

Denken Da staunst du: „Sokrates“ von Hannah Arendt ist das Buch der Stunde. Denn es lehrt dich, den eigenen Meinungen gründlich zu misstrauen
Jürgen Busche | Ausgabe 05/2016 2

Hannah Arendt spricht über Sokrates. Das muss jeden elektrisieren, der mit den beiden Namen etwas anfangen kann. Sokrates ist für die Europäer der Philosoph überhaupt. Das war nicht immer so: Im christlichen Mittelalter war es Aristoteles. Erst die Renaissance – die Wiederentdeckung und rasante Wiedergewinnung eines weitaus größeren Teils der griechischen Kulturdenkmäler, als bis dahin bekannt – öffnete das Gelände für den Blick auf Sokrates. Die Literatur über den Athener, der nie eine Zeile geschrieben hat, ist seit dem 18. Jahrhundert grenzenlos. Wer überhaupt mit dem Wort Philosophie etwas anfangen kann, hat eine Vorstellung davon, wer Sokrates war. Er wurde in Athen hingerichtet, weil er angeblich die Jugend verdarb.

Der andere Name, Hannah Arendt, ist der Öffentlichkeit in den letzten Jahren vertraut geworden. Lange Zeit stand ihrer Akzeptanz bei einem Teil intelligenter junger Leute die Tatsache entgegen, dass sie beim Thema Totalitarismus zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus kaum einen Unterschied machte, was das Totalitäre anging. Arendt, die nach ihrer Emigration 1933 zunächst in Frankreich arbeitete, dann in die USA ging und dort jahrzehntelang Politische Wissenschaft lehrte, verehrte Bertolt Brecht und Walter Benjamin, war aber eine treue Schülerin von Martin Heidegger und Karl Jaspers.

Lob der Einsamkeit

Jaspers, bei dem sie in Heidelberg promoviert hatte, war und blieb für sie als Freund wichtig. Was Freundschaft sein kann und bedeutete, bekannte sie, habe sie bei Jaspers erfahren. Heidegger, bei dem sie in der Hauptsache studierte und dessen Geliebte sie war, blieb ihr als bewunderter Denker und Lehrer wichtig. Ihre privaten Aufzeichnungen nannte sie „Denk-Tagebuch“ und wie Heidegger zog sie es vor, nicht als Philosophin einsortiert zu werden.

Ihre – wohl zweistündige – Vorlesung über Sokrates, denn eine Vorlesung ist es, was dieses Büchlein enthält, zeigt nun aber, dass sie eben doch eine eminente Philosophin war. Weniger war sie eine gute Kennerin der griechischen Geschichte des fünften und vierten Jahrhunderts vor Christus, aber darauf kommt es bei der Art, wie sie ihr Thema behandelt, überhaupt nicht an. Wie Heidegger arbeitet sie mit besonderen Sätzen aus Texten und schenkt historischen Konstellationen geringe Beachtung. Man kann sie ignorieren.

Ausgangspunkt für Arendts Überlegungen ist die Abneigung, die Platon gegen den Staat der Athener entwickelte, weil sie Sokrates ungerechterweise, aber rechtsförmig zum Tode verurteilt hatten. Der Verurteilte erkannte die Rechtsförmigkeit des Verfahrens an und akzeptierte den Schierlingsbecher. In der Apologie des Sokrates zeigte Platon, wie und warum sein Idol den Prozess verlor: Sokrates hatte sich nicht auf die rhetorischen Spielchen eingelassen, auf die man in Athen so stolz war. Rhetorik und die Kunst der Sophisten, das „schwächere Wort zum stärkeren zu machen“, waren Platon seither ein Gräuel. Die Philosophen sollten die Herrscher im Lande werden, meinte er und schrieb ein Buch über den Staat, das Demokratiefeinden lange Zeit eine reine Freude war. Vieles, was darin steht, wirkt heute kurios. Aber man sollte immer das Wort Hans-Georg Gadamers im Kopf haben: „Es gibt im Werk Platons keine Zeile, die nicht ironisch gedacht ist.“

Hannah Arendt entfaltet bei der Interpretation dessen, was die Behandlung der doxa – der Meinung oder des Anscheinenden – durch Sokrates angeht, ein ganz eigenes Tableau. Wie Platons frühe Dialoge zeigen, ging Sokrates seinen Mitbürgern damit auf die Nerven, dass er ihnen durch hartnäckiges Fragen das Widersprüchliche und Unzureichende ihrer Ansichten vor Augen führte. Aber hier lässt Platon auch die Einwände des Sokrates nicht triumphieren. Die aufgeworfenen Fragen bleiben offen. Sichtbar wird eine Pluralität von Meinungen. Entscheidend ist, dass man sich dieser Pluralität bewusst bleibt, sie akzeptiert. Auch von daher ist der berühmte Satz des Sokrates zu verstehen: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Jeder sollte das wissen.

Aber das bedeutet, nach Arendt, den Fortgang der Reflexion, keinen schrankenlosen Relativismus der Meinungen. Das delphische Orakel nannte Sokrates den weisesten aller Männer, war aber auch stets mit seiner Mahnung „Erkenne dich selbst“ präsent. Erkenne das Unzulängliche deiner Meinungen, könnte man hinzufügen. Arendt verweist auf einen Satz aus dem Dialog Gorgias, er lautet: „Lieber möge mir die ganze Welt widersprechen, als dass ich selbst nicht mit mir zusammenstimme.“

In einer wunderbaren Gedankenfolge zeigt Arendt nun, dass die Pluralität der Meinungen auch in jedem einzelnen Menschen vorhanden ist. Jeder Mensch ist ständig in einem – oft auch kontroversen – Gespräch mit sich selbst. Und je einsamer ein Mensch ist, umso intensiver das Gespräch. Von daher kann Sokrates zu dem Diktum gelangen, es sei besser, Unrecht zu erleiden, als Unrecht zu tun: Niemand wolle zum Mörder werden, weil er dann sein Leben lang mit einem Mörder (mit sich selbst) zusammenleben müsse. Die Christen werden das Gewissen nennen.

Von der Angst vor der inneren Widersprüchlichkeit geht Arendt zu Aristoteles, einem Schüler Platons, der aber in manchem unmittelbarer auf Sokrates verweist als sein Lehrer. Aristoteles habe erkannt, dass jemand, der wisse, dass er aus einer „gespaltenen Einheit“ bestehe, in einem Freund ein „anderes Selbst“ sehen könne. Um aber dem anderen ein Freund sein zu können, müsse man mit sich selbst übereinstimmen.

Was bedeutet, nur wer zu sich selbst ehrlich ist, kann Freundschaft empfinden und Freunde gewinnen. Beides, sagt Aristoteles, ist wichtig – im Gespräch mit sich selbst Pluralität zu erfahren und auf einer Position, zu der man aktuell gelangt ist, im Gespräch mit anderen Pluralität als natürlich zu erkennen und zuzulassen: „Denn es ist ja das Gespräch mit anderen“, sagt Arendt, „das mich aus dem aufspaltenden Gespräch herausreißt und mich wieder zu Einem macht – zu einem einzigen, einzigartigen Menschen, der nur mit einer Stimme spricht und von allen als ein einziger Mensch erkannt wird.“ Und sie setzt hier des Sokrates Empfehlung hinzu: „Sei so, wie du anderen erscheinen möchtest.“ Die Beherzigung dieser Empfehlung hatte ihm freilich das Todesurteil eingebracht.

Aristoteles, der später in gefährlicher Lage Athen verließ, weil er, wie er süffisant anmerkte, den Bürgern nicht noch einmal Gelegenheit geben wollte, sich an der Philosophie zu versündigen, war dennoch optimistisch, dass der so entwickelte Freundschaftsgedanke die Menschen, zunächst Bürger einer Stadt, besser machen könne. Niemand, wie reich er auch sei, möchte ohne Freund sein, sagt er. Das ist die Basis seiner Ethiken.

In einer sorgfältig aufschlüsselnden Passage beschäftigt sich Arendt sodann mit Platons Höhlengleichnis – Bedingung und Erfahrung von Erkenntnis. Hier platziert sie die Platon wie Aristoteles gleichermaßen prägende Einsicht, dass der Anfang der Philosophie das Staunen ist. Das Staunen aber ist ein „sprachloser Zustand“. Sobald ihn untersuchend etwas zur Sprache kommt, wird es Philosophie.

Das Ende der Philosophie

Platon, fährt Arendt fort, spricht in dem Zusammenhang von dem philosophischen Schock, „der alle großen Philosophen durchdringt und der den Philosophen, welcher ihn erleidet, von den Menschen trennt, mit denen er lebt“. Platons politische Philosophie, schließt die philosophisch versierte Politologin, habe keine Realisierung erlebt, dafür aber für lange Zeit Maßstäbe und Regeln geliefert. Seit der Neuzeit, seit Machiavelli indes gehe es damit zu Ende. Schon Thomas Hobbes brauche die Philosophie nicht mehr. „Und Marx, der letzte politische Philosoph des Westens, der immer noch in der Tradition steht, die mit Platon begann, versuchte am Ende, diese Tradition – ihre grundlegenden Kategorien und Werthierarchie – umzudrehen.“

Der von Joachim Kalka übersetzte Text wird in diesem Bändchen eingerahmt von einem nützlichen Vorwort des Herausgebers Matthias Bormuth und einem schönen Erinnerungsstück von Arendts einstigem Assistenten Jerome Kohn.

Info

Sokrates. Apologie der Pluralität Hannah Arendt Matthes & Seitz 2016, 107 S., 12 €

06:00 17.02.2016

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