Pluripotente Argumente

Dinnertalk Hier ein paar schlaue Thesen zu den Nobelpreisen. Damit Sie beim nächsten gepflegten Abendessen locker mitreden können
Pluripotente Argumente
Haben sich ein Tauschsystem für Organspenden ausgedacht: die Wirtschaftsnobelpreisträger Lloyd Shapley und Alvin Roth

Illustration: Jan Stoewe für Der Freitag

Medizin

Shinya Yamanaka und John Gurdon wurden für die Entdeckung geehrt, dass man ausgereifte Körperzellen rückprogrammieren und so wieder pluripotent machen kann: Aus bereits spezialisierten Körperzellen werden dadurch sogenannte „induzierte pluripotente Stammzellen“, die noch unspezialisiert sind und in Forschung und Therapie verwendet werden können. Dort könnten sie letztendlich embryonale Stammzellen ersetzen – damit entkommt man dem ethischen Dilemma, menschliche Embryonen zu vernichten.

Dies ist nicht nur ein gewaltiger Schritt für die Wissenschaft; es ist ein gewaltiger Schritt für die Menschheit. Yamanaka und Gurdon haben gezeigt, wie sich Wissenschaft ethisch verantwortlich betreiben lässt. Yamanaka verdient nicht nur den Nobelpreis für Medizin, sondern auch einen für Ethik. Vor der Veröffentlichung seiner Arbeit, die auf Gurdons Leistungen basiert, konnte Forschung nur mit Zellen erfolgen, die von lebenden menschlichen Embryonen stammten. Viele aber lehnten diese Praxis ab und bezeichneten sie als moderne Form des Kannibalismus.

Yamanaka aber gelang es, durch die regenerative Medizin diese Einwände zu überwinden. Vorher war es so, dass Narbengewebe an die Stelle toter oder beschädigter Gewebepartien oder Organe treten konnten. Das führte oft zu einem Funktionsverlust, so wie etwa nach einem Schlaganfall starke Einschränkungen beim Sprechen oder Gehen auftreten. Die regenerative Medizin verspricht nun, tote oder beschädigte Komponenten des Körpers durch neue, funktionsfähige ersetzen zu können. Sie eröffnet auch eine grundlegend neue Möglichkeit, die Ursachen von Krankheiten zu untersuchen: Nun kann man Gewebe mit einer entsprechenden Krankheit herstellen und muss die Experimente nicht mehr an Menschen oder Tieren durchführen. Die Forschungsergebnisse von Shinya Yamanaka und John Gurdon sind deshalb genauso bedeutsam wie die Entdeckung von Antibiotika.

Julian Savulescu

Julian Savulescu ist Direktor des Uheiro-Zentrums für Angewandte Ethik in Oxford. Der Beitrag erschien zuerst auf dem Blog Practical Ethics. Übersetzung: Zilla Hofman

Literatur

Als Mo Yans Übersetzer kann ich nicht anders, als selbst ein wenig stolz zu sein. Nicht nur wegen meiner Arbeit an seinen Romanen, sondern auch weil ich in ihm schon vor Jahrzehnten, als ihn noch niemand kannte, einen aufregenden Autor gesehen habe. Mo Yan ist ganz sicher der profilierteste, populärste und respektabelste unter den ernsthaften Schriftstellern Chinas. Er schreibt große, mutige, manchmal derbe Romane, die ebenso sinnlich wie fantasievoll sind und immer seinem sozialen Gewissen entspringen. Mir stockt immer wieder der Atem angesichts des immensen literarischen Schaffens und der sprachlichen Konsistenz jenes Mannes, der die Schule immerhin im Alter von nur zehn Jahren verließ. Das letzte Mal, als ihm eine große, wenn auch nicht so große Ehre wie der Nobelpreis bevorstand, sagte er zu mir: „Wo quing ni he liang bei.“ Was in etwa bedeutet: „Die Runde geht auf mich.“ Nun kann ich es kaum erwarten.

Howard Goldblatt

Howard Goldblatt übersetzt Mo Yan ins Englische.

Chemie

Der wissenschaftliche Alltag sieht häufig so aus: Assistenten, Postdocs und andere Hilfskräfte erledigen die Arbeit, und der Chef streicht dann die Lorbeeren ein. Im Fall des US-Amerikaners Robert Lefkowitz und seines Mitarbeiters Brian Kobilka aber war das anders.

Der heute 69-jährige Lefkowitz hat schon Ende der sechziger Jahre begonnen, nach jenen Rezeptoren zu suchen, die Signale in das Zelleninnere weiterleiten. Aber erst mit Hilfe von Kobilka, der sich als namenloser Postdoc Mitte der achtziger Jahre dem Team der Duke Universität in Durham anschloss, gelang der Durchbruch. Dank seiner Technik zur Entschlüsselung eines sogenannten Beta-Adrenozeptors erkannte man, dass man es mit einer ganzen Familie von Rezeptoren zu tun hatte. Heute weiß man, dass diese „G-Protein-gekoppelten Rezeptoren“ nicht nur die Sinneswahrnehmung und viele körperinterne Prozesse steuern, sondern auch an der Wirkung von bis zu 50 Prozent aller Arzneimittel beteiligt sind – eine Revolution für die Biologie, Medizin und pharmazeutische Industrie.

Nun steht Lefkowitz auf einer Stufe mit Helmut Isaac Newton, Charles Darwin oder Albert Einstein. Neben seiner fachlichen Expertise bescheinigten ihm Kollegen aber auch eine große Freude daran, von anderen, selbst von jüngsten Mitarbeitern zu lernen. Brian Kobilka, der heute an der Stanford Universität in Kalifornien arbeitet, ist längst aus dem Schatten seines Mentors getreten. Im vergangenen Jahr krönte er seine Arbeit damit, dass er einen Beta-Adrenozeptor sozusagen in flagranti erwischte: Ihm gelang ein Schnappschuss exakt in dem Moment, in dem so ein Rezeptor ein hormonelles Signal in das Innere einer Zelle weiterreichte. Viele haben ihn dafür bewundert, auch Robert Lefkowitz.

Irene Meichsner

Irene Meichsner erhielt 2005 den Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus

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Frieden

Felix Austria sagte man früher, weil die Habsburger auf Krieg verzichteten und stattdessen auf die Heirat setzten. Felix Europa mag man heute sagen, weil in unserer Zeit der ganze Kontinent dem Krieg abgeschworen hat – wenigstens dem im Inneren. Nach außen allerdings hält Europa es keineswegs so streng mit den Menschenrechten und dem Frieden, wie die Entscheidung des Nobelpreiskomitees glauben machen könnte. Friedfertigkeit wird beim Gedanken an Europa und den Westen nicht das erste Wort sein, dass den Angehörigen der acht Frauen und Mädchen einfiele, die vor vier Wochen in Afghanistan von NATO-Flugzeugen getötet wurden, als sie gerade Holz sammelten.

Es ist eine große Leistung der Europäer, ihre Beziehungen untereinander von der kriegerischen Aggression gereinigt zu haben, die eine menschliche Konstante ist. Vor nicht einmal 100 Jahren noch konnte der protestantische Theologe Johannes Müller in Elmau eine wortgewaltige Eloge auf den Krieg verfassen: „Lieber in dem entfesselten Weltbrand auf feurigem Wagen die deutsche Volksseele dem Allvater im Himmel heimbringen, als unterjocht von den Mächten, die sich gegen uns verschworen, entarten und gemein werden.“

Seit dieser Zeit hat sich die Kultur des Krieges in Europa grundlegend gewandelt. Erloschen ist sie nicht. Die Grenzen sind nur verschoben worden. Es ist den meisten europäischen Völkern nicht mehr vorstellbar, gegeneinander Krieg zu führen. Das ist ein Fortschritt. Mit anderen Völkern haben sie da weniger Probleme. Europa kann für seine Kriege nicht mehr solche Begeisterung aufbringen wie einst der Pastor Müller. Aber das Gefühl, im Recht zu sein, ist dasselbe. An die Stelle des nationalen Pathos ist das Pathos der Menschenrechte getreten, in deren Namen heute getötet wird wie damals im Namen deutschen oder französischen oder englischen Wesens. Um angebliche zivilisatorische Überlegenheit ging es damals wie heute. Innerhalb der europäischen Grenzen sollte man sich über die Entscheidung des Komitees freuen. Mit Blick darüber hinaus sollte man an die Worte des Historikers Michael Ignatieff denken: „Wir gingen davon aus, dass alle Nationen sich an unserem Modell ausrichten würden. Aber was geschähe, wenn diese Hypothese, die den westlichen Business-Titanen so attraktiv erscheint, auf einem grundlegenden Irrtum beruhte?“

Jakob Augstein

Physik

„Ich nutze Atome, um Photonen zu untersuchen, und er nutzt Photonen, um Atome zu untersuchen“ – so fasste der Franzose Serge Haroche kurz zusammen, wofür er gemeinsam mit dem US-Amerikaner David Wineland den diesjährigen Physik-Nobelpreis bekommen hat. Unabhängig voneinander haben beide Unmögliches möglich gemacht: Mit ihren trickreichen Versuchsanordnungen haben sie erstmals kleinste Teilchen vermessen, ohne dabei deren Quantennatur zu zerstören – jenen seltsamen Zustand, in dem ein Teilchen etwa gleichzeitig vor, hinter und auch in einer Wand sein kann.

Damit holten die beiden die Theorie der Quantenphysik in die Praxis. Vor allem Winelands Prinzip der Schwingungen in einer Ionenfalle führte zu sogenannten optischen Uhren, die bereits hundertmal exakter sind als heutige Atomuhren. Letztere ziehen ihren Takt aus der Schwingung von Cäsiumatomen, doch die Ionen schwingen um mehrere Größenordnungen schneller. Wäre Winelands aktuelle Rekord-Version beim Urknall gestartet, würde sie heute – nach 14 Milliarden Jahren – nur maximal fünf Sekunden falsch gehen.

Und je exakter die Zeitmessung, desto bessere Ergebnisse liefern viele moderne Techniken – von der GPS-Navigation bis zur Raumfahrt, von der Telekommunikation bis zum Überprüfen der Relativitätstheorie. Bessere Uhren halfen schon den Seefahrern im 18. Jahrhundert, ihren Weg zu finden. Kompasse, die bekanntlich an den Polen der Erde ausgerichtet sind, ermöglichen nämlich nur die Berechnung des Breitengrades. Für den Längengrad brauchte es zusätzlich aufwändige astronomische Geräte – oder sekundengenaue Uhren, in Verbindung mit Vorrichtungen zur Geschwindigkeitsmessung.

Ähnlich liefern heute die optischen Uhren einen Präzisionssprung bei der GPS-Navigation: Noch in Haroches und Winelands Jugend waren Positionen nur auf mehrere Kilometer genau zu bestimmen. Heute hilft die exaktere Satellitensteuerung und zentimetergenaue GPS-Navigation, die Signal-Laufzeit von Satelliten zum Boden genau zu bestimmen. Außerdem braucht es die optische Zeitmessung, um die Satelliten-Uhren ständig neu zu kalibrieren. Diese werden nämlich im Orbit von Schwerkrafteffekten gestört.

Bleibt nur noch das Fernziel, der Quantencomputer: Wenn der nicht nur mit Eins oder Null arbeitet, sondern gleichzeitig auch mit Zuständen dazwischen, wird er um ein Vielfaches leistungsfähiger sein als heute. Mit den richtigen Algorithmen kann er so mit vielen Zuständen zugleich rechnen. Das dürfte Simulationsmodelle des menschlichen Immunsystems enorm beschleunigen, ebenso wie die Auswertung astronomischer Messungen. Außerdem soll die optische Atomuhr Strom- und Kommunikationsnetze absturzsicherer machen. Und auch: neue und alte physikalische Theorien überprüfen helfen.

Dörte Saß

Dörte Saß lebt und arbeitet als Wissenschaftsjournalistin in Bad Nenndorf

Wirtschaft

Falls Sie sich mit dem Gedanken tragen, einen Markt für Nierenspenden zu organisieren, dann sollten Sie wissen, dass es darauf ankommt, ob die Niere den Empfänger wählen kann oder umgekehrt. Und zudem empfiehlt es sich, den Austausch über eine Zentrale zu organisieren. Diese Erkenntnis verdanken wir Alvin Roth und Lloyd Shapley, den beiden neuen Nobelpreisträgern für Ökonomie.

Na und, sagen Sie. Haben wir keine anderen Probleme? Ist in Europa nicht jeder dritte Jugendliche ohne Arbeit? Steht der Euro nicht vor dem Zusammenbruch? Entweder gibt es keine Ökonomen, die zu diesem Thema etwas zu sagen haben, oder das Nobelkomitee lebt in einem Elfenbeinturm fernab der Probleme, mit denen wir uns herumschlagen müssen.

Dennoch haben uns die zwei etwas zu sagen, was an die Nieren geht: Sie haben zwei ganze Forscherleben lang darüber nachgedacht, unter welchen Bedingungen Märkte rational funktionieren, ob es etwa eine zentrale Koordinationsstelle braucht, welche Koalitionen unter den Marktteilnehmern möglich sind, wer zuerst eine Offerte machen kann. Und und und. Offenbar gehen sie also nicht davon aus, dass Märkte immer rational funktionieren. Das müssten viele erst einmal tief einsinken lassen.

Werner Vontobel

Mehr über den Friedensnobelpreis für die EU lesen Sie in dem Beitrag Prädikat systemrelevant

16:00 19.10.2012

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