Poesie am Ball

Sportplatz Kolumne

Über die Beziehung zwischen Literatur und Fußball begann man im hiesigen Kulturbetrieb erst zu nachzusinnen, als der singuläre Ror Wolf Anfang der siebziger Jahre Punkt ist Punkt veröffentlichte, das erste seiner bis heute unerreichten Bücher über das "Total-Theater" Fußball. Neben Ror Wolf sind hierzulande in der Folge zwei Autoren hervorgetreten, die den Fußball im genuinen Sinne als ästhetischen Rohstoff verstanden und ihn deshalb mit der gebührenden formalen Finesse literalisierten: Ludwig Harig und Eckhard Henscheid. Zumindest Ror Wolf und Henscheid haben sich jedoch schon vor längerer Zeit vom Fußball losgesagt. Das mag an seiner rasanten Kapitalisierung und seiner stetigen Überwölbung mit Nichtigkeiten aus dem dunklen Reich des Boulevards liegen. Wenigstens für Schriftsteller, die diesem grandiosen Sport mit avancierten literarischen Techniken entgegentraten, hat der Fußball seine Aura eingebüßt.

Gleichwohl hat Henscheid kürzlich in einem Interview eingeräumt, dass nach wie vor "wechselseitige Infiltrationen von Künsten und Fußball existieren". Findet sich ein solches hoffnungsheischendes Urteil durch die Flut der fußballinfizierten Neuveröffentlichungen bestätigt?

Auf den alle Affinitäten zwischen Fußball und Literatur amalgamierenden Roman müssen wir weiter warten, es will ihn niemand anpacken, trotz WM im eigenen Land und der wünschenswerten Untermauerung diesbezüglicher literarischer Weltgeltung. Dessen ungeachtet offeriert das Verlagsgewerbe eine Reihe solider, manchmal herausragender historiographischer Arbeiten - etwa Nils Havemanns lange fällig gewesene Abhandlung über den DFB im Nationalsozialismus oder die enzyklopädische WM-Serie des Agon Verlags. Hier darf die deutschsprachige Sachbuchwelt im Vergleich zur elaborierteren Fußball-Literaturszene beispielsweise in England nun als halbwegs gerüstet gelten fürs nächstjährige Repräsentationsevent und freilich für das allzu unvermeidliche Weihnachtsgeschäft.

Allein, wer auf der letzten Buchmesse in Halle 1 die im Hinblick auf das Jahrtausendereignis WM konzipierte "Fußball-Welt" betrat, dem schlug wenig entgegen vom annoncierten "Fußballfieber" rund um die Ausstellung Heimvorteil - Bücher aus Deutschland über die Welt des Fußballs. Gespenstisch kalt und verlegen aseptisch wirkte das Ambiente, ein paar Skulpturen standen in einer Ecke herum, in einem Kleinfeldkäfig bolzten Kinder, an einem Verkaufsstand gab es T-Shirts mit dem WM-Logo.

Weitenteils frostig stimmte gleichfalls die Bücherschau. Auf grün bezogenen Tischen lagen kontextlos ausgewählte Werke diversen Datums herum, von Helmut Rahns nicht mehr allzu frischen Memoiren bis zum neuesten Plunder aus den Marketingkatakomben der Branche, die jetzt eben auch meint, Waldemar Hartmann zum Autor einer angeblichen WM-Geschichte befördern zu können. Wie schreibt FIFA-Schiedsrichter Markus Merk im Katalogvorwort? "Verbale und literarische Doppelpässe dürfen versucht werden" - mit Betonung auf "versucht".

Im Hinblick auf die in immer gewagteren Ausmaßen betriebene ökonomische Ausplünderung des Weltfußballs dünken indes Titel wie Business-to-Business-Marketing im Fußball und Chancen für den Mittelstand bei der WM 2006 im Grunde nichts anderes als einleuchtend. Welch Dichter, welch literarisch ambitionierter Publizist mag denn im Gegenzug aus dem zielstrebig auf Profitmaximierung zugeschnittenen Fußball noch poetische Funken schlagen?

Vorbehalten bleibt es da dem nicht ausdauernd genug zu preisenden ARD-Radioreporter Günther Koch, in seinem nur zum Teil gelungenen Erinnerungsbüchlein Der Ball spricht - Fußballgeschichten der Poesie des Fußballs durch die Hintertür zu einem, wer weiß, letzten Auftritt zu verhelfen - indem er à la manière de Ror Wolf beschwört, was der Ball, das einzig unabhängige, unbeschränkt runde Element des Fußballs, in endloser Eigensinnigkeit zu tun vermag: "Du achterst, ackerst, aktivierst, angelst, arbeitest", huldigt ihm Koch verspielt und sprachvirtuos, du "argwöhnst, ärgerst, ärpfelst, babbelst, bahnst, bandelst, balancierst, ballerst, ballst." Ad infinitum.

Geldmünzen aber, das sei hier noch mal rundheraus zu bedenken gegeben - Geldmünzen: sind ebenfalls rund.


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00:00 23.12.2005

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