Poetik des Fußballs

Sachbuch III Über den Fußball ist vieles gesagt. Auch von Gunter Gebauer, einem der profiliertesten Denker des Sports. Deshalb versammelt die nun bei Campus ...

Über den Fußball ist vieles gesagt. Auch von Gunter Gebauer, einem der profiliertesten Denker des Sports. Deshalb versammelt die nun bei Campus erschienene Poetik des Fußballs des Berliner Philosophieprofessors nicht nur unveröffentlichte Texte, was erklärt, warum es sich bei der Schrift nicht um einen geschlossenen essayistischen Entwurf handelt, sondern eher um eine Aufsatzsammlung, die verschiedene Aspekte des in Europa hegemonialen Ballsports beleuchtet.

Lesenswert ist die Poetik des Fußballs allemal. Gebauer hält eine wohltuende Distanz zu einem Gegenstand, den zu betrachten nicht selten die Vermengung mit privater Hingabe bedeutet, wie im Falle Klaus Theweleits. Zwar muss der denkende Fan nicht zwangsläufig ein schlechterer Denker sein, wie Klaus Theweleit beweist, aber es hat durchaus etwas Wohltuendes, wenn wie bei Gebauer die Einmischung innerer Angelegenheiten auf das Nachwort beschränkt bleibt. Die großen Namen, die gerade in der deutschen Betrachtungsweise "öliger Spezialisten" wie Kerner und Beckmann den Raum für die Analyse des Spiels verstellen, tauchen hier angenehm spät und angenehm spärlich auf.

Besonders interessant sind Gebauers Exkurse da, wo sie sich eher randständigen Phänomenen des Fußballs widmen, wie der Frage, was Frauen daran interessiert oder inwiefern die im Spiel domestizierte Gewalt in Zusammenhang mit dem Hooliganismus steht. Heraus ragt das Titel gebende, erste Kapitel des Buchs. Dort liefert der Sportsoziologe kraft kunst- und literaturgeschichtlicher Verweise eine Erklärung für den Reiz des Spiels aus seiner Anordnung heraus: aus seiner selbst auferlegten Beschränkung auf den Fuß, das "dienstbare Organ", das zum "Schöpfer" wird in einer Kultur, deren Leistungen sich Hand, Ohr oder Stimme verdanken. "Zweifellos eine merkwürdige Umwertung der kulturellen Werte", die zugleich aber den Grund der Faszination offen legt: Wo in anderen Ballsportarten das Misslingen die Ausnahme bildet, bleibt im Fußball das Gelingen das Besondere, das seltene Glück.

Gunter Gebauer: Poetik des Fußballs, Campus, 2006, 14,90 EUR


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00:00 19.05.2006

Ausgabe 38/2020

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