Politik der Beichte

Das Theater ist doch nicht tot Es lebt nur weniger laut und extravagant. Eine Beobachtung auf den Bühnen der Gegenwart, ein möglicher Zusammenhang und eine fromme Erklärung

Ein plüschrosa Teppich und ein langes Sitzkissen auf einer Bühne mit sieben Figuren aus aller Herren Länder. Lakonisch reden sie über ihre Herkunft, erzählen kleine Geschichten in Sachen Heimat und Nation. Sie haben ihre liebe Not damit. In ihrer Haut fühlen sie sich sichtlich unwohl, in den Erinnerungen und Heimatgefilden genauso. Das gestehen sie freiweg, in traurigen und slapstickartigen Miniszenen vor einem amüsierten und erschrockenen Publikum. Die Zuschauer in den Berliner Sophiensälen, vorwiegend im gleichen Alter wie die Theatermacher (zwischen 20 und 30), erkennen sich in der eingestandenen Heimatlosigkeit erfolgreich wieder - weil es die eigene ist. So geschehen in der Inszenierung Heimatspiele - bin ich hier richtig? der Freien Gruppe Lubricat unter Leitung von Dirk Cieslak im April diesen Jahres.

Ein anderer Theaterabend der vergangenen Saison: Im kahlen Bühnenraum steht eine blaue Box, der im Lauf des Geschehens verschiedene Figuren entsteigen. Sie alle berichten von kleinen Nöten und den großen Fragen nach Sinn und Unsinn des modernen Arbeitslebens. Auch hier wird die Biografie Einzelner in zerfledderten Geschichten verabreicht, auch hier im Taktwechsel zwischen Slapstick und Tragödie. In einer prägnanten Szene sitzt jemand scheinbar bodenlos in der Luft (siehe Foto) und blickt förmlich in die Schrecken des Nichts. Die Körperhaltung gibt tonlos ein Geständnis der Ausweglosigkeit wieder. Ein symbolisches Bild, entnommen dem Abend Eggs on Earth der Off-Gruppe Nico and the Navigators.

Beichten ohne Gegenüber

Beide Inszenierungen, so verschieden sie sind, veranstalten Ähnliches. Sie verraten sich, unweigerlich, als Kinder ihrer Zeit. Sie verraten darüber hinaus Zusammenhänge zwischen Arbeitsweise und Produkt, Zuschauer und Zur-Schau-Gestelltem. Abbildgetreuer Naturalismus ist hier nicht zu haben - wenn es den im Theater je gegeben hat. Dennoch: Die alte aristotelische Freude an der Nachahmung ist allen avantgardistischen Unkenrufen zum Trotz auch im Theater der Gegenwart erhalten geblieben. »Denn von Dingen«, hat Aristoteles einst verfasst, »die wir in der Wirklichkeit nur ungern erblicken, sehen wir mit Freude möglichst getreue Abbildungen.« Mimesis heißt das Stichwort, Nachahmung (die nie Naturalismus meinte). Von den beiden hier zur Rede gebrachten Theaterabenden könnte gesagt werden, dass sie uns, die Zeitgenossen, in einer festgezurrten gesellschaftlichen Situation nachahmen. Sie zeigen das Individum, das sich im Labyrinth der grenzenlosen Möglichkeiten verlaufen hat: Menschen am Anfang des dritten Jahrtausends. Sie demonstrieren aber nicht bloß ein Eingeständnis der - wie es gern heißt - sinnenentleerten Sinnsuche, sie legen eine Beichte ab. Ein entscheidender Unterschied, denn Geständnis und Beichte trennen Welten. Der Definition nach hofft ein Geständnis auf Selbsterlösung: Ich gestehe, also bin ich; ich gestehe, also rette ich meine Seele - auch wenn die Selbstrettung nicht vor Fremdbestrafung schützt. Die Beichte dagegen hat die Hoffnung auf sich selbst längst fahren lassen: Ich beichte, in der Erwartung erlöst zu werden. Von wem auch immer.

Bei der Beichte handelt es sich um eine bewährte und erfolgreiche Strategie - so lange es Institutionen gibt, die sie abnehmen. Heute geht jede Beichte ins Leere und findet dennoch statt. In den genannten Inszenierungen lässt sich getreu abgebildet die Suche nach einem Beicht-Gegenüber wiedererkennen und das bereitet kathartisches Vergnügen durch Identifikation mit der vorgeführten Not. Weil aber das Suchen schon nicht mehr auf Erfolg hofft, schweigt der auf dem Foto abgebildete Protagonist. »Ich armer, elender, sündiger Mensch« - könnten die verschwiegenen Worte seines (lutherischen) Beichtbekenntnisses sein, doch es fehlt der Adressat. Noch auf seinem schwebenden (Beicht-) Stuhl, aber schon ohne Halt, so hockt er dort oben und schweigt in den genauso schweigenden Abgrund.

Aneignen durch Aussprache

Die beiden Beispiele sind solche einer fortsetzbaren Reihe. In dieser wären jüngere, aber nicht mehr ganz junge Regisseure und Dramatiker zu nennen: Jan Jochymski, Sebastian Hartmann und Friederike Heller, Gesine Danckwart und Sarah Kane, Xavier Durringer und Luk Perceval. Es sticht ins Auge: Der Wille zur Beichte auf der Bühne hat verzweifelte Konjunktur.

Nach allen postmodernen und postdramatischen Schlachten scheinen die Kinder unserer Zeit auf Besitzstandswahrung aus. Denn auch das ist Beichte: Aneignung durch Benennen. Was beim Namen genannt ist, wird ins Repertoire der Wahrheit übernommen. Die Schrecken der Realität werden zu »Dingen, die wir ungern in der Wirklichkeit erblicken«. Kurz: Von der mittleren Generation der Theatermacher wird der Gesellschaft zusehends die Quittung der Geschichte präsentiert. Ein politischer Akt. Denn Geständnisse sind psychologischer Natur, Jagdreviere des Privaten. Die Beichte dagegen hat immer das Gesellschaftliche im Blick. Weil Beichten mehr ist als ein intimer Akt, weil sie Rettung außerhalb des Ich sucht. Die Rechnung aufzumachen und die Lage zu sondieren ist deshalb politisch per se. Es ist der Rund- und Rückblick, der Geschichte sucht. So wie in Heimatspiele die verlorenen Sieben ihre Heimat aufspüren - ohne ihr auf die Spur zu kommen.

Es gibt also wieder ein politisches Theater? Nach Jahren, in denen es unter Dümmlichkeitsverdacht ein Mauerblümchendasein fristete? Was soll das heißen, wenn die alte Beichte zu neuen - säkularen - Ehren kommt? Die wilde Zeit des Experimentellen und Extravaganten ist (bekanntlich) vorüber. Lageberichte nehmen auf der Bühne zunehmend die Stelle utopischer und visionärer Vorhaben ein. Der Verlust sinnstiftender Institutionen, Ideen und Utopien ist zum Gemeinplatz geworden. Zynismus, der sein Potenzial von der Schlechtigkeit der Welt bezieht, ist die entsprechende Lebensform, Amoralität kein Skandalon, sondern ein Denken, dass auf der Höhe seiner Zeit ist. Die Apotheose des Ego ist nur die auffälligste Nebenwirkung, allgemeine Orientierungslosigkeit das Hauptleiden.

Im Theater schlagen sich derlei Zustandsdiagnosen auf zwei (Hilfs-)Weisen nieder. Zum einen als Ringspiele um Fragen der Identität. Die Losung könnte von Ortega y Gasset stammen: »Ich bin ich und mein Umstand.« Zum selbstverliebten Pop-Theater ist es ein Katzensprung. Unter der Hand ist das bisschen tiefer gelegte Bewusstsein damit zur wohlbestallten Rumpelkammer geworden. Eine Sackgasse, die nervöse Langeweile produziert.

Die andere Herangehensweise kann mit Fassbinder umrissen werden: »Man muss zumindest versuchen zu beschreiben, was man nicht verändern kann.« Das zielt auf einen nicht-naturalistischen Realismus, der potentiell politisch ist. Das politisierende Moment liegt in der Kraft des Benennens, das einem Bannen gleichkommt und mit der Beichte wesensverwandt ist. Beim Namen genannte Fakten verlieren an inkommensurabler Macht, auch wenn an der Faktizität nicht zu rütteln ist.

In Zeiten der so genannten Globalisierung erlangt solches Bannen bestürzende Aktualität. Schließlich liegt das Problem der Globalisierung darin, dass politische wie ökonomische Tatsachen in weiche Begriffs-Zonen ohne feste Grenzen zurückweichen. Es ist nicht länger auf den Begriff zu bringen, was eigentlich Fakt ist. Es bleiben nur vage Bannformeln, um das Inkommensurable in Schach zu halten. In Heimatspiele etwa sind es Volkslieder, die für kurze Momente eine Einheit unter den Figuren herstellen.

Bühnenqualen

Die Weltgesellschaft ist nicht bloß im existenziellen Sinne absurd, weil ihr die Götter wegsterben, sie ist es im politischen, weil ihr ein verbindendes Erklärungsraster abhanden kommt. Die Weltordnung wird wahrgenommen als totales (um nicht zu sagen: totalitäres) System, deren wesentliches Merkmal die Unmöglichkeit des Exils ist. »Es gibt keine Außenseiterposition«, sagt der belgische Regisseur Luk Perceval. In den Inszenierungen der hier gemeinten Theaterarbeiten ist das entsprechend umgesetzt: Es gibt keine Auf- und Abgänge. Der Zuschauer wird in geschlossene Räume gesetzt. Kein Entrinnen, nirgends.

Ohne Nischen ist der Avantgarde die Grundlage entzogen. Schmerzlich fallen die Formspiele des elitären Avantgarde-Theaters auf den Boden der Tatsachen zurück. Nach wie vor hat die Kunst nicht die Welt verändert, sondern die Welt die Kunst. Auch darüber legen die Inszenierungen ihre säkulare Beichte ab, die weder Strafe noch Freispruch verspricht. Weil sie ohne Absolution bleiben muss, sind zur Wiederholung und Variation der gleichen Grundsituation verurteilt; Beichtneurosen und Voyeurismus werden zu entscheidenden Bühnenvorgängen. Big Brother ist so gesehen nur ein Beichtbeispiel unter anderen, wenn auch in seiner potenzierten Form. Der Beichtstuhl ist auf die Größe eines Fernsehgerätes geschrumpft - und auf die einer Bühne angewachsen. Einst als Erlösung gepriesen, ist das Beichten die Qual selbst. Eine Zwangshandlung, die keinen Sinn produziert. Bei Eggs on Earth sind die Beichten von der Herausstellung kleiner Macken und großer Gefühlsausbrüche begleitet. Zu einer Lösung führen sie nicht. Wohin die inszenierte Folgenlosigkeit münden kann, bleibt abzuwarten. Keine Antworten, keine Visionen, nur stilles, leiser gewordenes Beichten: Wir armen, elenden, sündigen Knechte unsrer selbst.

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00:00 24.08.2001

Ausgabe 42/2021

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