Politik hebt den Adrenalinspiegel

GÜNTER GAUS IM GESPRÄCH MIT RENATE KÜNAST Über linken Pragmatismus, Kompromisse und Schmerzgrenzen

Wenige Tage nach ihrer Wahl zur Ko-Vorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen Mitte vergangenen Jahres wurde Renate Künast von Günter Gaus für seine Sendereihe "Zur Person" interviewt. Vor dem Hintergrund der jetzigen Berufung der grünen Politikerin zur Bundeslandwirtschaftsministerin dokumentieren wir einen Ausschnitt dieses Gesprächs.

GÜNTER GAUS: Während der Koalitionsverhandlungen 1998 schien es kurzzeitig so, als würden Sie vielleicht Justizministerin - dann aber fiel eine andere Entscheidung. Hat Sie das gestört?

RENATE KÜNAST: Schade war es schon. Dieses Ressort hätte ich gern übernommen, denn ich besaß eine ganze Reihe von Vorstellungen zu kriminalpolitischen oder justizpolitischen Dingen. Aber wissen Sie, andererseits ist dieser Vorschlag auch so unverhofft gekommen, dass ich mich damals entschlossen habe zu sagen - mit knapp über 40 -, es gibt die eine oder andere Chance noch ein zweites Mal.

Ist für Sie Politik zuweilen eine Art Droge, die Lust verschafft?

Ja, das hat was, das hebt den Adrenalinspiegel. Und da gibt es eben auch die Gefahr, dass man sich zu sehr darauf einstellt und daran gewöhnt ist, sich in einem inner-circle zu bewegen. Daher sollte man sich regelmäßigen Drogenentzug verordnen.

Haben Sie an sich selbst gelegentlich beobachtet, dass Sie mit der Professionalisierung in der Politik auch teilweise eine andere Sprache angenommen haben?

Viel mehr als die Sprache hat sich mein Blick geweitet - ich bin mehr weg von diesem "bekennende Linke sein" und dem "sich zum Frühstück sagen, was sind meine drei Positionen am heutigen Tag". Ich bin mehr zu der Position gelangt zu fragen: Wie kann ich in dieser Situation was verändern? Das ist sicher das Problem mancher Linker mit mir, wenn ich etwa sage, ich will jetzt nicht schon wieder den fünften Antrag zur Abschaffung des Verfassungsschutzes stellen - ich will, dass die Arbeit sich dort verändert. Deshalb sage ich auch: Ich habe Visionen, und ich möchte positive Reformen anstoßen. Dann kann ich auch frohen Mutes verkaufen, dass ich drei Schritte weiter gekommen bin und nicht vier, wenn die Richtung stimmt. Da mache ich eine ganz pragmatische Politik, weil ich weiß, wo ich hin will.

Sie werden oft eine pragmatische Linke genannt. Ist das, was Sie eben beschrieben haben, für Sie die Definition eines linkem Pragmatismus?

Ja, das glaube ich schon. Und ich sehe, dass manche Leute dies durchaus mit Respekt anmerken und ich mir selbst sagen kann, jetzt hast du bestimmte Dinge erreicht, gerade dadurch, dass du nicht nur pragmatisch vorgegangen bist, sondern weil du auch Bündnisse gesucht hast. Ich bin ja nicht nur grün und erzähle jeden Tag das grüne Programm, sondern ich will auch Erfolge sehen.

Die Grenze zwischen Pragmatismus und Opportunismus ist fließend ...

Das glaube ich überhaupt nicht.

Welches sind Ihre Werte, über die Sie sagen, werden die verletzt, bin ich nicht kompromissbereit?

Das Koordinatensystem, in dem ich mich bewege, besagt, die Menschen sollen sich autonom, selbstbestimmt, frei entwickeln können. Politische Inhalte sollten nach dem Prinzip Solidarität und Verantwortung ausgerichtet sein. Und so begebe ich mich durch die unterschiedlichsten Politikbereiche. Opportunismus heißt für mich schlicht und einfach, die Richtung aufzugeben ...

Sind Sie manchmal traurig, weil Sie als grüne Politikerin Träume aufgeben müssen?

Wie war denn der Satz früher? Wer keinen Mut zum Träumen hat, hat keine Kraft zum Kämpfen ... Ich weiß, dass man Träume oft nicht erreicht, aber man hat eine Zielvorgabe. Das Traurige ist jedoch vor allem, dass - wenn Sie eine öffentliche Figur werden durch einen Platz in der Regierung zum Beispiel - Sie natürlich nicht mehr so locker mit lauten Juchhu bestimmte Dinge tun können, weil das dann gleich zu einer Meldung wird - zu einer Negativmeldung. Für die Grünen würde ich mir wünschen, dass wir es schaffen, wieder ein bisschen mehr Kreativität und Spritzigkeit nach draußen zu transportieren. Das ist jetzt alles ein bisschen zu sehr reduziert auf Regierungshandeln.

Wie weit können die Grünen gehen, ohne dass der Kanzler sagt, es gibt auch andere Koalitionspartner - es gibt schließlich viele schöne Töchter im Land. Wie viel ist Ihnen aus Gewissensgründen ein Koalitionsbruch wert?

Es ist ja immer schwierig, so etwas öffentlich zu diskutieren und zu sagen, wo ist die Schmerzgrenze.

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