Politische Psychoanalyse

Wiederentdeckung Der Psychiater Frantz Fanon zeigte früh, wie weißer Rassismus in schwarze Köpfe kommt
Marie Mohrmann | Ausgabe 36/2013 1

Es war 1952, als Frantz Fanon in seinem Buch Schwarze Haut, weiße Masken zeigte und beklagte, wie rassistische Perspektiven der weißen Gesellschaft die tägliche Lebenserfahrung schwarzer Menschen dominieren. Dabei kritisierte er nicht nur das Verhalten und die Projektionen der Weißen, er widmete sich auch der Verinnerlichung ihrer Vorstellungen durch die Schwarzen. Nun wurde das Buch vom Verlag Turia + Kant neu verlegt und ist immer noch unglaublich aktuell.

Der auf den Antillen geborene Psychiater schrieb auf der Grundlage seiner eigenen Erfahrungen: als Schwarzer, der im Zweiten Weltkrieg für Frankreich gekämpft und später in Lyon studiert hatte, als Arzt, der mit zahlreichen Kolonisierten gesprochen hatte, als Antillaner, der in einer rassistisch strukturierten Gesellschaft aufgewachsen war. Sein Buch war ursprünglich als Dissertation geplant, doch während des Schreibens verlor Fanon – nach eigenen Worten – seine wissenschaftliche Objektivität. Sein Text ist wie ein Bewusstseinsstrom verfasst, manchmal unübersichtlich, sprunghaft, gebrochen, manchmal assoziativ. Fanons Stimme schwankt zwischen Analyse und Sarkasmus und hat die Veränderung der Realität zum Ziel.

In sieben Kapiteln schildert er, wie der weiße, sezierende Blick zum Bestandteil der schwarzen Selbstwahrnehmung wird. Er beschreibt, dass er sich am liebsten verstecken wollte, wenn in seinem Umfeld über „den Neger“ gesprochen wurde. Und nicht nur über diesen, sondern auch über die offenbar assoziierten Konzepte wie Kannibalismus, Primitivität, Mystik, Irrationalität, Kriminalität und Erotik.

„Der Schwarze“ ist ein diskursives Produkt, eine Erfindung, die ihre Ursprünge in den ersten Schriften der Kolonialbeamten hat und die eigene Überlegenheit und Machtansprüche legitimieren soll. Die wirtschaftliche Dominanz der westlichen Gesellschaften hat auch heute noch zur Folge, dass weiße Haut und glattes Haar in afrikanischen Gesellschaften mit materiellem Erfolg assoziiert werden. Fanon nennt die antillianische Gesellschaft deshalb eine neurotische Gesellschaft, die nach dem Weißsein strebt. Ein Beispiel dafür ist der riesige Markt für Hautbleichungsmittel in Afrika, Asien und der arabischen Welt.

Weiße Haut, glattes Haar

In seinen folgenden Schriften – Aspekte der Algerischen Revolution (1959) und Die Verdammten dieser Erde (1961) – widmete sich Fanon dem algerischen Unabhängigkeitskrieg, der bis 1962 dauerte. Sein besonderes Interesse galt den Wandlungen innerfamiliärer Beziehungen, die der Befreiungskampf mit sich brachte. Die Publikation seines letzten Textes Die Verdammten dieser Erde verfolgte der an Leukämie erkrankte Fanon auf dem Sterbebett. Sein letztes Buch nimmt die Desillusionierungen afrikanischer Gesellschaften nach Erreichen der Unabhängigkeit vorweg. Einparteiensysteme, Diktaturen, Korruption – all das sah Fanon hellsichtig voraus. Extrem enervierend ist allerdings seine Kampfrhetorik und die ständig repetierte Überzeugung, dass die Befreiungsgewalt „die Nation“ im positiven Sinne zusammenschweiße. Der kämpferische Impetus ist der damaligen Situation geschuldet, Die Verdammten dieser Erde liest man heute mit Distanz. In der Rezeption wurden zu Recht seine homophoben oder frauendiskriminierenden Bemerkungen kritisiert.

Fanon war zwar Nationalist, weil er für die Unabhängigkeit der afrikanischen Länder plädierte, er war jedoch kein Rassist. Das Projekt, welches er mit seinen Texten verfolgte, band Weiße explizit mit ein. Damit wurden seine Texte eine wichtige Grundlage für postkoloniale Theoretiker wie Homi K. Bhabha. Dieser prägte den Begriff „hybride Räume“, womit er Orte meint, an denen unterschiedliche Menschen zusammenkommen und Identitäten neu aushandeln. Bei Bhabha lassen sich die fluktuierenden Identitäten nicht auf einen originären Ursprung zurückführen lassen. Die „Power“ dieser neuen Identitätskonstruktion besteht gerade in ihrem Fluss, ihrer grenzüberschreitenden Dynamik und ihrer Un(an)greifbarkeit. Hautbleichungsmittel verlieren hier ihren Fetischcharakter.

Schwarze Haut, weiße Masken Frantz Fanon Eva Moldenhauer (Übers.), Turia + Kant 2013, 231 S., 24 € Marie Mohrmann hat Afrikanistik studiert

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06:00 19.09.2013

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