Pop-Kapital

Ende der Spekulation Hybris und Fall als Normalität

Die schon lange vor dem 11. September bedrohlich im Raum stehende weltweite Rezession wurde eine Zeit lang durch die schwindelerregenden Aktienkurse der sogenannten New Economy künstlich aufgehalten. In der Tat bestand das Neue an dieser Wunschökonomie vor allem darin, dass sie das ausschließlich spekulativ genährte Scheinwachstum der neunziger Jahre verlängerte. Diese New Economy ist nun selbst zur großen Geldvernichtungsmaschine geworden und droht mit ihren Pleiten und Insolvenzen ein ganzes Wirtschaftssystem in Misskredit zu bringen. Die kapitalistische Marktwirtschaft sieht sich mit einer ihrer größten Krisen konfrontiert. Tägliche Meldungen über gefälschte Buchführungen und Börsentiefstände rütteln an der Substanz einer Ökonomie, die, ohne Vertrauen in ihre Kapital- und Finanzmärkte, ihr Lebenselixier verliert.
Der Absturz ist auch deshalb so tief, weil ein gesellschaftliches Projekt der Erneuerung mit den neuen Technologien, insbesondere dem Internet, verbunden wurde. Die Informationstechniken und ihre Apologeten wollten die Gesetze der Ökonomie revolutionieren, neue Arbeitsplätze schaffen, freiere Subjekte und grenzenloses Wachstum garantieren. Das Internet war der neue Hoffnungsträger, der dem fiktiven Geldkapital einer boomenden Börse wenigstens eine Art virtuellen Körper verleihen sollte. Wie der Internet-Kapitalismus nach der mikroelektronischen Revolution die zweite Stufe der Wegrationalisierung von Arbeitskraft bildet, so leitete er auch eine neue Phase der Börsenspekulation ein.
Im ersten Quartal des Jahres 2000 betrug die Börsenkapitalisierung der an der amerikanischen Technologiebörse NASDAQ notierten Unternehmen die absurde Summe von fünf Billionen Dollar. Das waren etwa 60 Prozent des gesamten Sozialprodukts der USA, der Anteil der Wertschöpfung dieser Firmen lag dagegen bei gerade einmal drei Prozent, ganz zu schweigen vom realen Anteil an Umsatz, Produktion und Beschäftigung. Die New Economy feierte sich zu dieser Zeit selbst, es ging zunehmend darum, eine Story zu verkaufen, Visionen zu vermitteln, Anlegern Zukunftsszenarien aufzuzeigen. Firmennamen wurden zu mythischen Logos, Unternehmer zu Popstars. Der Begriff des Entrepreneurs ersetzte den etwas faden des Chefs.
Die New Economy brachte die traditionelle Wirtschaft in eine schwierige Lage. Ihre Wachstumszahlen und Aktienkurse hinkten weit hinter den Prognosen der Internet- und E-Commerce-Unternehmen her. Unter dem Druck des Shareholdervalue-Gedankens wurden viel zu optimistische Prognosen abgegeben, um die Börsenkurse weiter nach oben zu treiben. Nur ein hoher Aktienkurs verhalf zur Eintrittskarte im völlig zurecht so bezeichneten Kasinokapitalismus. Insgesamt verhielt sich die Wirtschaft zunehmend spekulativ. Ähnlich einem Spieler im Kasino, der hofft, mit immer höheren Einsätzen die Bank zu sprengen, wuchs das Risiko des Totalverlustes überproportional. So ist es heute kein Wunder, wenn die Serie der Pleiten nicht abreißt. Wie in den berüchtigten Pyramidenspielen reichte ein kleiner Stoß für eine unheilvolle Kettenreaktion.
Der Aufschrei in den Medien bleibt nun wieder auf den Nachweis krimineller Machenschaften und individueller "Abzockerei" beschränkt. Zunächst einmal wird überall, wo viel Geld im Spiel ist, kriminelle Energie freigesetzt. Zum anderen hat es solche Auswüchse immer schon gegeben. Die gerne propagierte Gegenüberstellung von spekulativen Finanzmärkten und produktivem Kapital, das sinnvolle Waren produziert und Arbeitsplätze schafft, verkennt, dass Spekulation und Produktion im Kapitalismus zusammengehören. Die kapitalistische Produktion funktionierte von Anfang an mit verschiedenen Formen des Kredits und Aktienkapitals. Kredit wird aber nur dort vergeben und Aktien weden nur dort gezeichnet, wo hohe Profite erwartet werden. Spekulation auf zukünftige Entwicklungen steuert also immer schon die Kapitalflüsse. Gehen die in neue Technologien gesetzten Erwartungen nicht auf, wie jüngst geschehen, kommt es zur massenhaften Vernichtung von Kapital mit all ihren begleitenden Krisensymptomen.
In den letzten Jahren wuchs von Seiten der Investoren und Aktionäre der Druck auf die produzierenden Unternehmen, den Gewinn zu maximieren. Der Gedanke des Shareholdervalues brachte eine manische Fixierung auf die Steigerung der Aktienkurse. Mit der globalen Vernetzung wurde es möglich, überall auf der Welt zu investieren und Aktien zu ordern. Die so gern zitierte Globalisierung gilt im eigentlichen Sinne denn auch nur für die Finanz- und Devisenmärkte, weil sie über die neuen Kommunikationstechnologien eine vorher nie dagewesene Gleichzeitigkeit ermöglichen und immaterielle Transaktionen gigantischen Ausmaßes erlauben. Innerhalb von zwei Wochen wird so das jährliche Gesamtprodukt der Weltwirtschaft durch das New Yorker elektronische Netz transferiert, ohne jemals gegenständliche Formen anzunehmen.
Ist dieser virtuelle Kapitalismus also nun dabei, sich selbst zu vernichten? Vorsicht ist bei dieser Frage insofern angebracht, als die Prognose einer Selbstzerstörung den Kapitalismus schon seit Marx begleitet. Die Rufe nach einer neuen Ethik und vermehrten Kontrollen, wie etwa das von Präsident Bush angekündigte Vorgehen der amerikanischen Börsenaufsichtsbehörde, gehen an den tatsächlichen Problemen vorbei. Der Kapitalismus war noch nie eine soziale Einrichtung, die ethischen Maßstäben genügen wollte.
Die momentane Krise verweist auf eine weitgehende Umstrukturierung wirtschaftlicher Prozesse. Im frühen 20. Jahrhundert verschob sich das Hauptaugenmerk von der Güterproduktion auf den Dienstleistungssektor. Heute ist es die Produktion von Kultur, also die Kommerzialisierung menschlicher Aktivitäten, die den Kapitalismus antreibt. Dabei scheint es zu einem Widerspruch von unbegrenzter semiotischer Produktion und einem erschöpften Aufmerksamkeitsmarkt gekommen zu sein. Wir befinden uns heute in einer Phase der Überproduktion von (Sinn-)Mitteln bei stagnierendem Konsum.
So werden also noch manche der selbsternannten Big Player an der Hybris ihrer ehrgeizigen Pläne zugrunde gehen. Die im Zuge der Krise erfolgende Umstrukturierung der Wirtschaft und Gesellschaft hin auf wissensbasierte Systeme und neue soziale Anforderungen wird uns aber alle betreffen. Risikobereitschaft, Flexibilität, Shareholderidentität und Spielermentalität sind die erwünschten Attribute der Arbeitskraft der Zukunft. Auf dem globalen Markt sind wir zunehmend dazu aufgefordert, unseren eigenen Börsenwert aufzubauen, uns in gewisser Weise selbst zu "kapitalisieren." Über Risiken und Nebenwirkungen wird zur Zeit umfassend informiert.

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00:00 19.07.2002

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