Poppige Krawatten

Verluste auf beiden Seiten der Kompromisse Die Grünen sind Exilanten im eigenen Land

Man erinnert sich kaum noch an den März 1998, als die Grünen Umfragewerte bei elf Prozent hatten. Die parteiinterne Debatte um Anpassung und Regierungsfähigkeit stand mit der Frage des deutschen SFOR-Mandates in Bosnien auf einem neuen Höhepunkt. Fischer unterlag auf dem Parteitag in Magdeburg mit dem Antrag auf Zustimmung, allgemein konnte man aber voraussehen, dass der Beschluss noch revidiert werden würde. Alles schien gut für die sich zur Regierungsbeteiligung entwickelnde Protestpartei. Aber wehe dem! Mit der Stilsicherheit eines Problemkindes, das am Ende immer auf seine Exzentrik pocht, beschloss die Partei, den Liter Benzin zukünftig fünf Mark kosten lassen zu wollen. In den Umfragen stürzte man sofort ab, bei Wahlen erreicht man seitdem halbierte Zahlen und bis heute gilt jedes Ergebnis, bei dem die Grünen keine Stimmenanteile verlieren, als Sieg.
Auffällig war an diesem Vorgang, dass die Zustimmung aus zwei sich komplett widersprechenden Gründen wegblieb: Entweder fand man die fünf Mark wirklich zu teuer oder man hatte gemerkt, dass sie sich niemals werden durchsetzen lassen und dadurch das Gefühl entwickelt, das ökologische Projekt sei gescheitert. Auch in anderen essentiellen Fragen haben die Grünen das exklusive Problem, Wähler beiderseits der Kompromisse zu verlieren: Entweder sind die Restlaufzeiten für Atomkraftwerke viel zu lang oder die Feindlichkeit der Partei gegenüber Technik und Wirtschaft doch noch zu groß. Entweder stößt man sich am offensichtlichen Populismus oder an mangelndem diplomatischen und medialem Geschick der Partei, zum Beispiel mitten im Krieg. Entweder ist einem die Partei einfach zu machtlos oder mittlerweile zu etabliert. Sie solle endlich erwachsen werden, die Partei, sagen die einen noch immer, sie sollte sich wieder auf ihre Wurzeln besinnen, wünschen die anderen erst recht, und im Spagat nähert man sich statt der fünf Mark beim Benzin der fünf Prozent an der Hürde. Was die Grünen auch machen, falsch ist es immer schon. So wird ihr konstitutiver Charakter an den Reizthemen deutlich: Nie haben sie in der sogenannten Mitte gestanden, um die sich die anderen Parteien zanken. Sie sind gerade keine integrative Partei, keine Volkspartei. Extrem oder extremistisch ist sie aber natürlich auch nicht. Wenn sie nun weder in der Mitte noch am Rand der Gesellschaft zuhause ist, legt das den Schluss nahe, dass sie außerhalb steht. Dann ist sie im eigenen Land eine Exilpartei.
Tatsächlich starteten die Grünen ja auch als Antiparteienpartei im Geist der Außerparlamentarischen Opposition. Ihren Antrieb bezogen sie aus der unmittelbaren Nachkriegsproblematik, einer Zeit, in der viel Geschichte war, über die niemand reden mochte. Angststarre vor dem Faktischen war die vorherrschende Haltung: eine kollektive Betäubung, deren Folgen für die Mentalitätsgeschichte des Landes in den letzten Jahren stückweise erhellt wurde. Der kürzlich verstorbene Schriftsteller W.G. Sebald hatte etwa über den Luftkrieg in deutschen Städten bemerkt, dass er in der Literatur gar nicht vorkommt und damit Stellvertreter für das ist, was man schlicht das Grauen nennt. Das Gefühl der Ausgrenzung, in dem die mit dem hässlichen Begriff der Nachgeborenen Bezeichneten aufwuchsen, hat wohl in der Fixierung auf dieses Ausblenden seinen Ursprung, das Psychologen übrigens Dissoziation nennen. Im Mangel an einer "positiven Zielsetzung, im Sinne etwa der Verwirklichung von Demokratie", wie Sebald es nannte, war das Gefühl, außerhalb der Mauern zu stehen, bestimmend. Man fühlte sich in einem toten Raum, in dem jeder Satz mühsam neu formuliert werden musste: Die Grundsituation des Exilanten.
Zu seinen Eigenschaften gehört nun, dass er vieles klarer sieht als der Heimbewohner. Wie Nina Hagen in den Westen, so kommt er ins Land, und die Partei des Migrantensohnes Joschka Fischer stellte denn auch ein ebenso einfaches wie richtiges Programm auf: Man war pazifistisch, für menschen- und umweltfreundliche Produktionsbedingungen, gegen Hierarchien und Personenkult, basis- oder in einer jugendlichen Volte gar radikaldemokratisch. Wie in den Augen der Heimbewohner das Lachen des Exilanten aber zu laut und seine Krawatte immer ein bisschen zu poppig ist, weil er sich im Trotz gegen die Umstände vom Gegebenen absetzt oder die Feinheiten nicht kennt, so kam es bei den Grünen erst mal zu groben Fehleinschätzungen in den Maßstäben. Die Natur wurde so lange zur sanften Freundin des Homo Sapiens verklärt, bis Diabetiker versuchten, ohne Insulin auszukommen. Der Pazifismus entpuppte sich als purer Antimilitarismus, der den Lauf der Welt ignorierte und deshalb nur affirmativ war. Und die Basisdemokratie im Gewand der Rotation verhöhnte die Mühen politischer Arbeit, feierte einzig den Dilettantismus.
Wie der Exilant über die Jahre seine Kleidung und Redensarten ordnet, um zum Teil seiner neuen Welt zu werden, so korrigierten die Grünen sich in fast jedem Punkt. Es ist heute leicht und lustig, all die Verirrungen im milden Rückblick zu belächeln, und man kann das auch jedem Beteiligten ganz undeutsch empfehlen. Statt dessen aber fällt der politische Impuls der Grünen, von dem die westdeutsche Demokratie zwei Jahrzehnte lang profitiert hat, gleich ganz in sich zusammen. Niemand redet trotz Verkehrsinfarkt mehr ernsthaft von der intelligenten Mobilität. Trotz Tiefschlaf seit Kohl kämpft niemand für die Begrenzung der Anzahl erlaubter Amtszeiten des Kanzlers. Und nun geht es um Gewalt im Prinzip, statt um die tatsächlichen militärischen Verfehlungen im Kosovo. Ohne den Furor des Protestes, aber eben auch ohne das Charisma der rücksichtslosen Rationalität macht man im Rückzugsgefecht weiter, bis Flugabwehrraketen an der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague stationiert werden. Es handelt sich ja nur um einen Zulieferer für Firmen der billigsten und saubersten Energiebereitstellung der Menschheitsgeschichte: Die Kernkraft ist sicher! Und der von ihr gut versorgte Exilant, der hat sich soweit angepasst, dass er nicht mehr täglich Aufsehen erregt. Seine Krawatten sind unauffällig, aber damit ist er so beschäftigt, dass er zur weiteren Differenzierung genau so wenig kommt, wie er nicht ganz zum Heimbewohner wurde. Das alles kann und will er mit seiner Herkunft wohl nicht. Hauptsache er kuckt nicht immer so neugierig und schräg wie am Anfang. In seinem merkwürdigen Zerrblick hätten wir Heimbewohner uns für einen kurzen Moment nämlich fast selbst erkannt.

Ralf Bönt, Jahrgang 1963, lebt als Schriftsteller in Berlin. Zuletzt erschien 2000 von ihm der Roman Gold.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 28.03.2002

Ausgabe 38/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare