Popstar ist, wer in Berlin gelebt hat

David Bowie Zu seinem 66. Geburtstag hat David Bowie der Welt eine neue Single nebst Video geschenkt: "Where Are We Now?" Eine geschichtsphilosophische Deutung
Popstar ist, wer in Berlin gelebt hat
Bowie heute in jenem Berlin, in welchem er früher einmal war
Screenshot: davidbowie.com

Popmusiker, das galt einmal als selbstverständlich, hören jung auf. Als ich anfing, Popmusik zu hören, waren Velvet Underground und die Beatles schon getrennt, Jimi Hendrix tot, und bei Marc Bolan, wusste man, würde es auch nicht mehr lange dauern. Insofern war es keine große Überraschung, als David Bowie am 3. Juli 1973 im Hammersmith Odeon in London erklärte: „Not only is it the last show of our tour, but it’s the last show that we’ll ever do.“ Immerhin war er da schon 26.

Nachher hieß es, Bowie habe ja nur das Ende seiner Kunstfigur Ziggy Stardust angekündigt und werde unter anderen Namen weitermachen. (Ob er das gemeint hatte oder es sich nur nachträglich so interpretieren ließ, ist eine in der Bowieistik vieldiskutierte Frage). Jedenfalls begann 1973 sein Spätwerk – das dann wenig später, in den „Berliner Jahren“ seine Vollendung fand, mit Low als Streichquartett op. 130 und Heroes als Schlusssatz der 9. Symphonie: „Die Mauer im Rucken war kalt.“

Wie man ein Werk nach dem Spätwerk nennt, weiß ich nicht. Jedenfalls hat Bowie immer seltener angekündigt, er werde jetzt aufhören, und stattdessen vor zehn Jahren, im biblischen Alter von 56, aufgehört. Jetzt jedoch wurde, zum 66. Geburtstag, eine neue Single „Where Are We Now“ samt Video ins Netz gestellt, und damit sogar ein neues Album angekündigt. Diese Single vertritt die These: Popstars sind Menschen, die in Berlin gelebt haben. Und da David Bowie der größte Popstar aller Zeiten ist, hat er, obwohl nur für 18 Monate und noch dies mit Unterbrechungen, sozusagen am meisten in Berlin gelebt.

 

Diese These ist eine geschichtsphilosophische. Wenn es nämlich inzwischen zur Ausnahme geworden ist, jung zu sterben, und sogar ganz unüblich, als Überlebender einfach aufzuhören, heißt dies, dass Pop ein hochkompliziertes Verhältnis zur Geschichte entwickelt hat. Pop muss immer ganz im Jetzt sein, aber dieses Jetzt ist immer deutlicher als ein Jetzt der Erkennbarkeit von etwas Vergangenem zu erkennen. Die Frage „Wo sind wir jetzt?“ legt ja nahe, dass wir früher nicht da waren, wo wir jetzt sind, dass also die Frage, wo wir jetzt sind, sich in die Frage verstrickt, wo wir früher waren. Ganz zu schweigen von der Frage, wer „wir“ ist.

Das Video zum Song spielt mit der Frage, wo wir jetzt sind, indem es die Evokation des „Dschungel“, einem Club in der „Nurnberger Strasse“ (so wird sie in den lyrics, die das Video untertiteln, geschrieben), mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen unterlegt, die gerade nicht die Nürnberger Staße, sondern das Haus Hauptstraße 155 zeigen, in dem Bowie mit Iggy Pop legendärerweise gelebt hat. In Berlin jedoch haben nicht nur berühmte Diskotheken geschlossen. Wenn die erste Zeile des Songs vom „Potzdamer Platz“ berichtet, sieht man im z die verlotterte Brachfläche hinter der Staatsbibliothek, die diesen Namen stolzer trug, als es das gepflegte Sony-Daimler-Gebilde von heute tun könnte.

Es wurde einmal behauptet, dass mit dem Mauerfall die Geschichte geendet habe. Mit besserem Recht könnte man sagen, dass er ein Paradigma für eine passable Definition von Geschichte abgibt: Sogar dann, wenn man heute wo ist, wo man mal war, ist man nicht da, wo man mal war. Das ist, so melodisch-orchestral Bowie dies präsentiert, unheimlich. Die Bornholmer Brücke, über die „wir“ Wessis einst mit Tagesvisum in den Osten, eines Tages aber jubilierende Ossis in den Westen einreisten, wird im Song unter dem offiziellen Namen „Bösebrücke“ genannt, den nur die barmherzigen Untertitel zu „Bose Brucke“ entschärfen. Und der Refrain „just walking the dead“ spricht nicht schlicht von wandelnden Toten, wie sie aus Splatter-Movies oder aus Berichten über immer noch singende Popstars vertraut sind – er macht selbst erst die Toten zu wandelnden: auch eine Definition von Geschichte.

11:03 09.01.2013

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