Gruppenkuscheln in Leipzig

Buchmesse Das offizielle Event fällt zum dritten Mal aus. Nun organisieren verschiedene Verlage ein alternatives Popup-Lesefest. Warum es sich lohnt, für die Buchstadt im Osten zu kämpfen
Grün ist die Farbe der Hoffnung. Und die gibt es hoffentlich auch noch für die Buchmesse in Leipzig
Grün ist die Farbe der Hoffnung. Und die gibt es hoffentlich auch noch für die Buchmesse in Leipzig

Foto: Imago/Hoffmann

Seit zwei Wochen geht ein tiefer Graben durch die deutsche Literaturlandschaft: Nachdem die Konzernverlage ihre Teilnahme an der Leipziger Buchmesse kurzfristig absagten, war schnell die Rede davon, dass die westdeutschen Konzerne die Frühjahrsmesse im Osten geopfert haben. Die steht nämlich im Verruf, nicht nur bedeutungsarm für das Geschäft, sondern aufgrund der klandestinen Buchabgänge an den Messeständen auch ein enormer Kostenfaktor zu sein.

Tatsächlich ist Leipzig nie der Standort gewesen, wo Bestseller-Verträge geschlossen wurden. Dafür sind die Messen in Frankfurt und London da, die den Charme von Musterausstellungen für Sitzmöbel und Schrankwände haben. Gut, Bücher sind auch Möbelstücke, aber sie strahlen mehr Wärme als die nackten Zahlen der Controller aus. Das konnte man beim Frühjahrstreffen der Branche spüren, das für seine herzliche Atmosphäre bekannt war. Unter den neugierigen Augen des Publikums entwickelte sich die Messe zu einem kuscheligen Branchentreffen, bei dem Idealisten der neoliberalen kapitalistischen Marktordnung anarchisch Kontra gaben.

Dass Messedirektor Oliver Zille im Jahr drei der Coronapandemie weder Alternativen für eine Präsenzmesse in der Tasche hatte noch das beliebte Lesefest „Leipzig liest“ retten konnte, ist fatal. Wie sicher er in seinem Sattel sitzt, kann momentan niemand sagen. Aber es scheint, als sei es ohnehin nicht um Alternativen und Möglichkeiten gegangen. Vielmehr wird in der Kulturkatastrophe der Absage der Ost-West-Konflikt wieder sichtbar.
Seit Jahren findet parallel zur Leipziger Buchmesse tief im Westen die lit.Cologne statt – ein internationales Lesefest für Jung und Alt, das sich großer Beliebtheit erfreut. Für Verlage und Autor:innen war es immer ein kräftezehrender Balanceakt, in Ost und West präsent zu sein. Fiele die Leipziger Buchmesse künftig weg, könnten sich Verlage ganz auf die lit.Cologne konzentrieren. Sie sparten den Messeaufwand und sicherten sich das kaufkräftigere und bequemere Publikum. Die in Gütersloh, Hamburg, München und Stuttgart sitzenden Großkonzerne üben das jetzt schon mal. Ihre Autor:innen sind die Showrunner des diesjährigen Literaturfests am Rhein. Deutlicher kann man dem Messestandort Leipzig kaum den Stinkefinger zeigen.

Kein Angriff auf Buchmesse oder Konzernverlage

Nach drei Absagen in Folge wird nun die Frage gestellt, ob es das wärmende Gruppenkuscheln in Leipzig überhaupt noch braucht. Ja, braucht es, sagen 50 Verlage, die den Debatten um die abgesagte Messe ein ebenso trotziges wie entschlossenes „Leipzig, wir kommen!“ entgegensetzen. Daran beteiligt sind große Häuser wie Suhrkamp, Hanser, Klett-Cotta und Aufbau sowie die meisten der in der Kurt Wolf Stiftung organisierten unabhängigen Verlage und der PEN. Vom 18. bis 20. März präsentieren sie im Herzen von Connewitz, Leipzigs linksalternativem Szenebezirk, ihre neuen Titel und veranstalten ein umfangreiches Lesungsprogramm.

Dahinter stecken die Verleger Leif Greinus vom Verlag Voland & Quist und Gunnar Cynybulk vom Kanon Verlag. „Unser aller Autor:innen und ihre Bücher brauchen die positive Energie, die von Leipzig im Frühjahr ausgeht“, begründeten sie ihre Initiative. Die Macher der Popup-Buchmesse betonen, dass sich ihr einmaliges Event weder gegen die Buchmesse noch die Konzernverlage richte. In einer Branche, in der jede:r jede:n kennt, will man es sich mit niemandem verscherzen. Ein Kuschelkurs, der nicht allen gefällt.

In der Petition „Macht die Buchmesse auf! Wir wollen lesen!“ wird den Konzernverlagen mangelnde Solidarität mit Leipzig vorgeworfen, das Lesefestival „weiter:lesen22“ will „in der buchmessefreien Zeit ein (Lese-)Zeichen setzen“. Die Initiative #verlagegegenrechts fragte unlängst, ob die Gesellschaft nicht eine von den Konzernen unabhängige Leipziger Buchmesse brauche. Berechtigte Frage, denn die Messe war immer auch eine wichtige Bühne für den demokratischen Diskurs und den Austausch zwischen Ost und West. Den braucht es auch weiterhin, ob Konzerne wollen oder nicht.

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