Pornokönig an der Brandstwiete

Der Augstein-Nachfolger Wie "Spiegel"-Chefredakteur Stefan Aust für seine Pressefreiheit kämpft

Er steht - zusammen mit Bild-Chef Kai Dieckmann und den Chefredakteuren anderer Schmuddelorgane - an der Spitze der mutigen Männer, die vom Kanzler Pressefreiheit forderten. "Herr Bundeskanzler, stoppen Sie die Zensur!" Es geht um eine monegassische Prinzessin und ein problematisches Urteil zum Schutz ihrer "Privatsphäre" gegen Paparazzi.

"Der Schutz der Persönlichkeitsrechte wird zur Zensurkeule", sagte Spiegel-Chef Stefan Aust der Welt am Sonntag und hat sich doch längst willig prügeln lassen. Aust hätte eine Schlacht für die Pressefreiheit schlagen können. Doch er hat sofort klein beigegeben im Fall des "Potsdamer Rumpelstilz" (s. Freitag 35/2004 vom 20. 8.), jenem hoch oben in der Bauaufsicht tätigen Westministerialbeamten der Regierung Platzeck, der sich ein von der Treuhand-Nachfolgerin angebotenes Seegrundstück zu einem Minipreis unter den Nagel riss und alle mit einem Gerichtsurteil bedroht, die seinen Namen nennen.

Aust zog in diesem für die Pressefreiheit hochgefährlichen Fall nicht in die nächsten Instanzen bis zum Bundesverfassungsgericht, er stimmte fügsam einer Unterlassungserklärung zu. Nur jetzt im Kampagnenverein mit Bild und Bunte lässt der Mann aus Stade alle seine Muskeln schwellen.

Im Kampf gegen die "Zensur" steht Aust nicht einfach nur den Paparazzi-Blättern bei, er muss auch an seine ureigene Sache denken. Aust, den der NDR neben Otto von Bismarck und Thomas Mann zu den "bedeutendsten Norddeutschen aller Zeiten" rechnet, weil er es "vom Mitgründer der St. Pauli Nachrichten zum Chefredakteur des Spiegel schaffte", ist nicht nur dies. Der Geburtshelfer des angesehensten norddeutschen Pornoblattes der siebziger Jahre ist auch Geschäftsführer der Spiegel TV GmbH, die wiederum als 100-prozentige Tochter der Spiegel-Verlags Rudolf Augstein GmbH Co. KG entstand.

Geheimtipp an Hamburgs Schulen

Und da - nun wirklich - sollte man Austs Intimsphäre wahren. Doch sein kleines schmuddeliges Geheimnis ist sehr öffentlich und hat zwei Buchstaben und ein Zeichen. Denn Geschichtsfan Stefan ("Das Dritte Reich in Farbe") Aust setzt zur zeitgerechten Gestaltung der Spiegel-Aktivitäten nicht allein auf den Führer - viermal schon belegte Adolf Hitler allein 2004 den Titel des "deutschen Nachrichtenmagazins" - er setzt auch auf Pornographie, die schärfsten Ansprüchen genügt: Hardcore-Sex vom Gröbsten.

Wer auf der Spiegel-Website die Spiegel-Gruppe antippt, und dann noch vor "Spiegel-Online" und "manager-magazin" die mysteriösen Buchstaben a + i auswählt, gelangt auf die Seite "art and information". a + i ist eine Tochtergesellschaft der Spiegel TV, deren Rechtsform "Gesellschaft mit beschränkter Haftung" von großer Wichtigkeit ist. Geschäftsführer ist Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust und der könnte bald wünschen, sich nie mit seiner Tochtergesellschaft eingelassen zu haben.

Ein weiterer Klick - immer noch innerhalb der Spiegel-Gruppe und man befindet sich beim Spiegel-Online-Auftritt der Vox-Sendung "Wa(h)re Liebe". Während das zehnjährige Fernseh-Original demnächst abgeschafft wird, weil Anzeigenkunden dieses Umfeld mehr und mehr meiden, wurde die erst 2000 geschaffene Internet-Seite in der Spiegel-Gruppe mit dem - wie es da heißt - "Online-Star" ausgezeichnet: "Europas bedeutendstem Internet-Award", und zwar als "beste Website im deutschsprachigen Raum in der Kategorie Erotik". Die Spiegel-Gruppe über ihre Erotik-Seite: "Sowohl Reichweite als auch Zugriffszahlen konnten stetig gesteigert werden. Im Dezember 2003 generierten die über 1,7 Millionen Visits 43 Millionen PageImpressions. Damit ist in außergewöhnlicher Weise ein crossmediales Zusammenspiel zwischen TV und Internet gelungen."

Eine solche PageImpression hatte auch - er muss zwecks Erhalt seines Arbeitsplatzes anonym bleiben - ein Spiegel-Redakteur, als er zufällig seinem minderjährigen Sohn auf den Bildschirm schaute. Er war entsetzt, obwohl er doch eigentlich erfreut hätte sein müssen. Denn die Internet-Adresse des Spiegel wird seit einiger Zeit auf Hamburger Schulhöfen als Geheimtipp gehandelt.

Da gibt es zunächst einmal den üblichen Service der Warenliebe: "Swingerclubs erfreuen sich in Deutschland immer größerer Beliebtheit. In elf Clubs der Republik haben wir Station gemacht und getestet, wo es sich am besten swingt. Welche Clubs in puncto Hygiene, Ambiente und Büffet den Test bestehen, erfahrt ihr hier." Für 88 Minuten verlangt die Spiegel-Gruppe 9,99 Euro.

Jesus loves Porn

Ein Klick weiter - wir kommen noch immer von Stefan Austs Spiegel-Website - befinden wir uns mitten in der Pressefreiheit: Körperteile werden von vorn und von hinten mit rhythmischen Bewegungen in die Körperteile anderer Personen hinein gepresst. In Echtzeit.

Die Spiegel-Gruppe führt jeden Schüler in den "Puff-Live". Dort warten "Hausfrauen allein und sexbesessen" - und "Junge Asiatinnen" sind "zu allem bereit". Und dann soll man weiter öffnen: Video 1 bietet "Die schnelle Nummer", Video 3 "Teens beim ersten Mal", Video 6 "Total anal - extra" und Video 7 eine "Champagner-Party" - wobei es sich kaum um ein empfehlenswertes Getränk der französischen Weinindustrie handelt.

Kurz, alles, was ein Porno-Herz begehrt, beschert Stefan Austs Spiegel-Gruppe. Man kann die "absolut süßesten und versautesten Mädels" anklicken, um sie in voller Aktion zu erleben. Oder: "Wenn es dich anmacht, treib es im Doggystyle. Heiße Hündinnen warten schon auf dich." Auch dem religiös Veranlagten hilft die Spiegel-Gruppe weiter: "Jesus loves Porn", verkündet ein Christus mit Dornenkrone bei der Ausübung dessen, was seine Anhänger für Unzucht halten - auch als T-Shirt erhältlich.

Zur Förderung seiner anstehenden Vertragsverlängerung für weitere fünf Jahre widmete diesen Montag das FAZ-Feuilleton dem Spiegel-Chef eine vierspaltige Devotionalie. Ach was, es war eine ganze Devotionalienhandlung im Tauschgeschäft mit FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, dessen Herabsetzung im Spiegel Aust bald nach seinem Amtsantritt als Chefredakteur mit aller Macht abgestellt hatte.

Schirrmachers Feuilleton, so zitierten vorher Spiegel-Redakteure ihre FAZ-Kollegen, sei ein Ort "den man morgens mit Beklemmung betritt und den man abends erleichtert verlässt". Doch seit Aust seine Macht im Spiegel ausgebaut hat, gilt das nicht nur für den Frankfurter Hehlerhof, sondern auch für die Hamburger Brandstwiete. Aust hat, wie ein unbeklommener Vielschreiber aus Schirrmachers Schar am Montag feststellte, die Spiegel-Redaktion neuorganisiert und dafür gesorgt, dass "die richtigen Leute an den richtigen Stellen sitzen".

Der "Schatzgräber mit historischem Bewusstsein" (FAZ) hat nicht verlernt, was er sich bei den St. Pauli Nachrichten erarbeitet hat. Und auch Frank Schirrmacher ist sich seiner alten Spiegel-Geschichte durchaus bewusst. Vor einiger Zeit schickte ein Hamburger Journalist dem FAZ-Herausgeber einen Brief über die Hinter- und Untergründe von des Spiegels "Wahrer Liebe". Er blieb unbeantwortet. Stattdessen erhob sich Schirrmachers Feuilleton zum Lobgesang auf Austs "exaktes Gespür" für die "richtige Dramaturgie der Leserführung". Auch mit Spiegel TV habe er "eine Marke für Qualitätsjournalismus geprägt, die fleißig expandiert". Heute, so endet das FAZ-Loblied noch lange nicht, müsse man - das sei nicht immer so gewesen - "tatsächlich den Spiegel lesen", um etwas von "jenen Hintergründen" mitzubekommen, die sich "im Tagesgeschäft nicht immer beleuchten" ließen. Man denke an die Spiegel-Online-Leser mit ihren 43 Millionen PageImpressions.


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00:00 10.09.2004

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