Poseidon zürnt

Wasser I Am Beginn des 21. Jahrhunderts steht die Welt vor einer Wasserkrise. Wenn sich nichts ändert, wird der "Krieg ums Wasser" unausweichlich

"Recht auf Wasser" deklarierte die UN im Jahre 2002 und reagierte damit offiziell auf die Tatsache, dass über eine Milliarde Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und angemessenen sanitären Anlagen hat. Gleichzeitig werden zwei Drittel des weltweit genutzten Wassers heute in der Landwirtschaft eingesetzt - eine gigantische Verschwendung. Droht in den nächsten Jahrzehnten ein "Krieg um Wasser"? Wir werden in lockerer Folge verschiedene Aspekte des Milleniumsproblems Wasser betrachten, das Anja Garms in ihrem Auftaktessay zusammenfassend skizziert.

Alles ist aus dem Wasser entsprungen!
Alles wird durch das Wasser erhalten!

(Goethe, Faust II)

Heute schon geduscht? Kaffee gekocht? Vielleicht den Abwasch gemacht oder eine Waschmaschine angeschmissen? Dann haben Sie ganz nebenbei bereits so an die 100 Liter Wasser verbraucht. Vermutlich, ohne groß darüber nachzudenken. Die ständige Verfügbarkeit von Wasser - für uns eine Selbstverständlichkeit.

Wie anders ist die Situation in anderen Regionen dieser Welt. Beispiel Südafrika: Zusammengenommen legen dort alle Frauen sechzehn Mal am Tag die doppelte Entfernung zwischen Mond und Erde zurück, nur um an genügend Wasser für den täglichen Bedarf zu gelangen. Mitunter verbringen sie mehrere Stunden damit, das kostbare Gut in schweren Kanistern nach Hause zu tragen.

800 Liter pro Kopf und Tag

Am Beginn des 21. Jahrhunderts steht die Welt vor einer Wasserkrise. Ein Grund dafür ist die ungleiche Verteilung der Wasserreserven auf der Erde, von der besonders die Menschen in den weniger entwickelten Ländern betroffen sind. Die Wasserkrise ist vor allem aber auch eine Wasser-Management-Krise, angefeuert durch die Verschwendung und Verschmutzung der vorhandenen Ressourcen.

Mindestens 1,1 Milliarden Menschen auf der Welt haben heute keinen Zugang zu genügend sauberem Trinkwasser, mehr als doppelt so viele verfügen nicht über angemessene sanitäre Anlagen. Bis zu zwei Millionen Menschen sterben jährlich an Krankheiten, die durch das Trinken von verunreinigtem Wasser ausgelöst werden. Die Zahlen machen das Ausmaß der Probleme deutlich, die zu lösen heute zu den größten globalen Herausforderungen gehören - insbesondere angesichts der wachsenden Weltbevölkerung und der damit zu erwartenden Verschärfung der Situation.

Seit den achtziger Jahren wird die Wasserproblematik regelmäßig auf den großen Weltkonferenzen, sowie nationalen und internationalen Kongressen thematisiert. Eines der drängendsten Probleme ist die Beseitigung des Trinkwassermangels. Denn während der Pro-Kopf-Verbrauch in den Industriestaaten bei geschätzten 500 bis 800 Litern am Tag liegt, müssen sich die Menschen in vielen ärmeren Ländern mit 60 bis 150 Litern Wasser pro Kopf und Tag begnügen. Etlichen stehen für den täglichen Bedarf sogar weniger als zehn Liter zur Verfügung.

Auf dem New Yorker UN-Gipfel im Jahr 2000 formulierten die Akteure die so genannten "Milleniumsziele". Teil dieser politischen Willenserklärung ist der Plan, die Zahl der Menschen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser bis 2015 - bezogen auf die Zahl von 1990 - zu halbieren. Soll dieses Ziel erreicht werden, müssten neuen Berechnungen der UN zufolge in den nächsten zehn Jahren Tag für Tag 300.000 Menschen an eine Wasserversorgung angeschlossen werden.

Recht auf Wasser

Ein ehrgeiziges Ziel. Selbst wenn es erreicht wird, werden im Jahr 2015 immer noch mehrere Hundert Millionen Menschen ohne sauberes Trinkwasser sein. Ihnen bleibt damit weiterhin ein grundlegendes Menschenrecht verwehrt. Als solches wurde das "Recht auf Wasser" im Jahr 2002 von den Vereinten Nationen deklariert, was von Experten als Meilenstein gewertet wird.

Dennoch: Die konkreten Erfolge bei der Verbesserung der Trinkwasserversorgung sind eher mäßig. Fünf Jahre nach der Benennung der Milleniumsziele fällt auch die Bilanz der Akteure zwiespältig aus. Die meisten Regierungen, so die Einschätzung der Experten, machten nicht genügend Anstrengungen, um die Ziele zu erreichen. Insgesamt seien weniger als ein Fünftel aller Länder derzeit auf dem direkten Weg, den Zugang zu sicherem Trinkwasser und zu angemessenen sanitären Anlagen sicherzustellen oder die Kinder- und Müttersterblichkeit zu senken, bilanziert die Weltbank.

Immerhin sind zwischen 1990 und 2002 mehr als eine Milliarde Menschen mit einem Trinkwasserzugang versorgt worden. Die größten Fortschritte hat dabei Südasien, allen voran Indien, gemacht. Auch die Länder Afrikas südlich der Sahara haben ihre Trinkwasserversorgung verbessert, wenn auch die Versorgung der Bevölkerung insgesamt mit 58 Prozent unzureichend bleibt.

Bescheidener sehen die Erfolge beim zweiten, unmittelbar auf das Wasser bezogenen Milleniumsziel aus: die Halbierung der Zahl von Menschen, die ohne Anschluss an sanitäre Anlagen auskommen müssen. Damit sind nicht etwa die an eine Kanalisation angeschlossenen Spültoiletten gemeint, auch nicht-öffentliche Latrinen und Gruben, die Ungestörtheit garantieren, gelten als "verbesserte sanitäre Anlagen". 1990 verfügte noch nicht einmal die Hälfte der Weltbevölkerung über sanitäre Einrichtungen, die diesen Standards entsprachen.

Wird der derzeitige Trend nicht umgekehrt, wird sich auch im Jahr 2015 daran nichts geändert haben, so die ernüchternde Zwischenbilanz der UN. Am schlimmsten ist die Situation in Südasien, wo die sanitäre Versorgung zwar um 85 Prozent gestiegen ist, aber auch im Jahr 2002 nur gut ein Drittel der Bevölkerung über entsprechende Einrichtungen verfügte. In einigen Regionen, etwa in Westasien oder den GUS-Staaten, hat sich die Situation sogar verschlechtert.

Die globale Wasserkrise geht über Wassermangel und die Probleme der Wasserentsorgung weit hinaus. Sie ist vor allem auch gekennzeichnet durch den schier unbegrenzten Bedarf der Menschheit an Wasser und der Übernutzung und Verschmutzung der vorhandenen Ressourcen - mit verheerenden Folgen für die Umwelt. So signalisiert die Wasserkrise auch das aus dem Gleichgewicht geratene Verhältnis des Menschen zum Lebenselement Wasser. Frühere Kulturen verehrten das Wasser in einem mystischen Sinne. Zahlreiche Fluss- und Meeresgötter wie Poseidon, Neptun oder Triton zeugen von der Bedeutung und dem Respekt, den die Menschheit dem Element seit jeher zugemessen hat. Gleichzeitig versuchten die Menschen, das Wasser für ihre Zwecke nutz- und vor allem kontrollierbar zu machen.

Trockenlegung, Kanalisation, Bewässerung

So wurden die ersten Bewässerungssysteme bereits vor etwa 8.000 Jahren in Mesopotamien angelegt. Auch die alten Ägypter leiteten das Nilwasser mit Hilfe eines ausgeklügelten Kanalsystems in spezielle Speicherbecken, dank derer sie zahlreiche Kulturpflanzen anbauen und eine blühende Landwirtschaft entwickeln konnten. Die Aquädukte der Römer wiederum zeigen, wie eng die Beherrschbarkeit des Wassers und die Entstehung moderner, sesshafter Kulturen miteinander verknüpft waren und sind.

Seit dem 19. Jahrhundert wurden zumindest in der westlichen Welt die Städte und Siedlungen an eine flächendeckende Kanalisation angeschlossen, ganze Moore und Sümpfe für die Siedlungsbauten trockengelegt, Flüsse für die Schifffahrt und Wasserkraft umgebaut und umgeleitet. Heute sind etwa zwei Drittel der weltgrößten Flüsse begradigt und kanalisiert, ihr Wasserhaushalt wird durch etwa 48.000 Großstaudämme reguliert. Ob die Versuche des Menschen, das Wasser zu kontrollieren damit ihren Höhepunkt erreichen haben, ist fraglich. Die Schattenseiten dieser Eingriffe sind heute jedenfalls längst sichtbar geworden. Ob Oderflut, Elbehochwasser oder jüngst die Katastrophe in New Orleans - die Beherrschbarkeit des Wassers scheint eine Illusion.

Vor allem mit der Industrialisierung und der Intensivierung der Landwirtschaft ist der Süßwasserverbrauch im Verlauf des 20. Jahrhunderts sprunghaft gestiegen. Während sich die Weltbevölkerung in den vergangenen 70 Jahren verdreifachte, hat sich der Wasserverbrauch versechsfacht. Allein in der Landwirtschaft hat sich der Wasserbedarf seit 1960 um 60 Prozent erhöht. Kunstdünger und Pestizide haben die landwirtschaftliche Produktion zwar beträchtlich intensiviert, doch erst leistungsstarke Pumpen ermöglichen den Bauern, ihre Felder künstlich zu bewässern und so die Produktionsraten immens zu steigern.

Die Folgen der "Grünen Revolution"

Eine Folge dieser "Grünen Revolution" ist, dass heute weltweit rund 70 Prozent des vorhandenen Süßwassers in der Landwirtschaft eingesetzt werden, in einigen Regionen kann der Wasserverbrauch auf bis zu 90 Prozent steigen. Angaben der Welternährungsorganisation FAO zufolge werden heute etwa 40 Prozent der Nahrungsmittel auf künstlich bewässerten Feldern angebaut. Mit dem erwarteten Flächenzuwachs wird auch der Bedarf an Süßwasser für Bewässerungszwecke weiter zunehmen.

Die Bewässerungswirtschaft bildet unbestritten eine Grundlage für die Sicherung der Ernährung, lokal und global. Problematisch daran ist vor allem, dass dabei weit mehr Wasser eingesetzt wird, als für das Pflanzenwachstum notwendig ist. Vor allem ineffiziente Bewässerungstechniken und marode Leitungssysteme verursachen die Verschwendung in der Landwirtschaft. Vielfach wird einfach das kostbare Grundwasser angezapft oder ungehemmt Wasser aus Flüssen und Seen entnommen, wodurch die natürlichen Ressourcen oft irreversibel geschädigt werden.

Das berühmteste Beispiel ist der Aral-See in Zentralasien. Nachdem in den sechziger Jahren die Zuflüsse aufgestaut und umgeleitet wurden, damit die um den See gelegenen Flächen bewässert und landwirtschaftlich genutzt werden können, ist der See um die Hälfte seiner Größe geschrumpft. Heute liefern nur noch die Bilder von Fischerbooten, die in dem vertrockneten Boden stecken, ein absurd-trauriges Zeugnis von den vergangenen fruchtbaren Zeiten. Die Region wird von der UNO als "größtes ökologisches Katastrophengebiet neben Tschernobyl" eingestuft.

Diese Beispiele zeigen, dass die Bedeutung des Wassers nur langsam in das Bewusstsein der Menschen sickert. Immer noch wird in vielen Ländern die Bedeutung des Wassers gar nicht zur Kenntnis genommen oder die Geringschätzung der wertvollen Ressourcen sogar staatlich unterstützt: Industrie und Landwirtschaft bekommen in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern Wasser nahezu kostenlos zur Verfügung gestellt. So klagen Umweltschützer am Lago de Chapala in Mexiko, dem größten Süßwassersee des Landes, dass die ansässigen Bauern nur eine symbolische Summe für allgemeine Wassernutzungsrechte zahlen, nicht aber für die tatsächlich verbrauchte Menge. Ineffektive Bewässerungsmethoden, etwa das Fluten ganzer Felder, seien die Folge. Und auch in die Sanierung der Leitungen investiert niemand. Gut 40 bis 50 Prozent des aus dem See gepumpten Frischwassers gehen beim Transport verloren.

Mangelnde Anreize

Die Wasserkrise wird sich in den nächsten Jahrzehnten vor allem auch in den expandierenden Metropolen bemerkbar machen. Irgendwann, in den Jahren zwischen 2015 und 2020, werden erstmals mehr Menschen in Städten als auf dem Land wohnen. Schätzungen zufolge wird sich in den weniger entwickelten Ländern die Zahl der Städter zwischen 2000 und 2030 auf dann rund vier Milliarden Menschen fast verdoppeln.

Wo aber soll das Wasser für die Versorgung der Menschen und der wachsenden Wirtschafts- und Industriebetriebe herkommen? Eine Frage, die bereits heute in vielen Großstädten unbeantwortet bleibt. Weder die Wasserversorgungs- noch die Entsorgungssysteme können mit der Wachstumsgeschwindigkeit der Städte mithalten. Viele Städte transportieren das Wasser aus immer entfernteren Regionen und übernutzen wiederum die kostbaren Reserven. Wie so oft, bekommen die Armen die Probleme am stärksten zu spüren. In den Außenbezirken und Slums der Metropolen tröpfelt das Wasser oft nur spärlich aus dem Hahn oder versiegt sogar für Tage. Häufig fehlen Wasserleitungen überhaupt. Dann müssen die Menschen Wasser zum Trinken, Waschen und Kochen zu überteuerten Preisen von privaten Händlern kaufen.

Auch in den Städten geben die Wasserversorger oft wenig Anreiz, um Wasser zu sparen, und große Mengen versickern aus veralteten Leitungssystemen. Eine Lösung der Probleme liegt nach Ansicht einiger Experten in der Privatisierung staatlicher Wasserversorgungsbetriebe. Unterstützt von der Weltbank begannen vor einigen Jahren Wasserkonzerne vor allem die Märkte der Dritten Welt zu erobern. Ein Unterfangen, das von Anfang an auf heftige Kritik stieß.

Erste Erfahrungen zeigten, dass die Infrastruktur auch nach der Privatisierung staatlicher Betriebe vernachlässigt blieb. Stattdessen trieben die Preise vor allem für die ärmere Bevölkerung in unerschwingliche Höhe, so die Kritiker. Während sich viele Konzerne heute aus dem Geschäft in der Dritten Welt wieder zurückgezogen haben, halten Weltbank und auch nationale Regierungen weiter am Konzept der Privatisierung fest.

Einig sind sich alle Beteiligten in einem: Die Wasserkrise wird sich - werden heute keine Lösungen gefunden und umgesetzt - weiter verschärfen. "Die steigende Entnahme von Wasser impliziert, dass in 60 Prozent der Welt die Wasserknappheit deutlich zunehmen wird, darunter in großen Teilen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas, heißt es etwa in dem 2003 von der UN veröffentlichten World Water Development Report. "Wird dies auch häufigere und ernstere Wasserkrisen zufolge haben? Wenn alles so weiter läuft wie gewohnt: ja."



WasserWissen

Der Mensch besteht zu 70 Prozent aus Wasser. Der Verlust von etwa 20 Prozent führt zum Tod.

Gut drei Viertel der Erde sind mit Wasser bedeckt, 97,5 Prozent davon ist Salzwasser, nur 2,5 Prozent sind trinkbar. Davon wiederum sind zwei Drittel dauerhaft im Polareis und in Gletschern gebunden.

In den Grundwasserreserven der Welt ist 60 Mal so viel Wasser gespeichert, wie an der Oberfläche in Flüssen und Seen vorhanden ist.

Bei 50 Litern pro Tag liegt nach UN-Angaben der minimale Wasserbedarf eines Menschen.

60 Prozent der 227 weltgrößten Flüsse sind durch Dämme und Kanäle reguliert, beziehungsweise in ihrem Verlauf beeinflusst. Etwa 48.000 Großstaudämme regulieren weltweit den Wasserhaushalt der Flüsse.

Die Wasserkraft hat einen Anteil von 19 Prozent an der weltweiten Stromversorgung.

Für die Herstellung einer Tasse Kaffee werden 140 Liter Wasser benötigt, für einen Liter O-Saft etwa 1000 Liter. 400.000 Liter Wasser "schluckt" die Herstellung eines Autos.

Ein 18-Loch-Golf-Platz kann bis zu 2,3 Millionen Liter Wasser verbrauchen - am Tag.

Alle acht Sekunden stirbt ein Kind an Krankheiten, die durch das Trinken von verunreinigtem Wasser verursacht werden.


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