Possenhaft direkt

Zum Tode von Rudi Strahl Er hatte die seltene Gabe, Fremdheit nur für Minuten zuzulassen, fragte ungeniert nach und erzählte im Ton kumpelhafter Vertrautheit von sich selbst. ...

Er hatte die seltene Gabe, Fremdheit nur für Minuten zuzulassen, fragte ungeniert nach und erzählte im Ton kumpelhafter Vertrautheit von sich selbst. Er löste die starren, vorgestanzten DDR-Vorgaben in heitere Sentenzen auf und packte sie in unglaublich erfolgreiche Stücke - Ein irrer Duft von frischem Heu lief im Metropol-Theater einige hundert Mal vor ausverkauftem Haus. In Sachen Adam und Eva oder Arno Prinz von Wolkenstein bestimmten über viele Jahre die Spielpläne der DDR-Bühnen von Rostock bis Meiningen, nach Vorlagen von Strahl entstanden Kino- und Fernsehfilme wie Einfach Blumen aufs Dach oder, nach der Wende für Harald Juhnke, Ein Kerl wie Samt und Seide. Nicht das hintergründig Satirische war seine Sache, sondern das possenhaft Direkte, seine Leser und Zuschauer lachten gleich, nicht nach zehn Minuten.

Wer in der DDR heiter sein wollte, war darauf angewiesen, die Stoffe aus dem Alltag seiner Bewohner zu filtern. Dass es genug gab, steht außer Zweifel, aber sie waren gelegentlich bitterer, als die Komödie vertrug. Strahl ist es trotzdem gelungen, Stücke zu schreiben, in denen die DDR über sich selbst lachte und nur ein einziges Mal verboten zu werden. "Das Blaue vom Himmel" wurde in Theater der Zeit 1984 zwar veröffentlicht, gespielt allerdings nur am Theater von Osnabrück. Die himmlischen Heerscharen übernehmen darin die Verantwortung über den Frieden auf Erden und die Erzengel das Kommando über die unterschiedlichen Lager. Das konnte offiziell keinen Beifall finden, denn Friedenspolitik war das Aushängeschild der SED. Rudi Strahl ging es allerdings nie um Widerstand, er glaubte daran, dass sich jedes Problem mit Heiterkeit besser in den Griff bekommen ließ als mit dröger Einfalt. Und die wollte er schon aufspießen, weil sie überflüssig war und jenem Bild von Neu, das er sich gemacht hatte, zuwider lief.

1931 in Stettin geboren, gehörte er zu jener Generation, die nach dem faschistischen Krieg einen ganz anderen Ansatz unverzichtbar fanden. Die Akzeptanz der Ergebnisses dieses Krieges gehörte dazu: Sowjetische Besatzung, Gründung eines eigenen Staates, die Herrschaft jener, die sich durch Widerstand oder die Niederschlagung des Faschismus verdient gemacht hatten. Die DDR war der hoffnungsvolle Auftakt, der dieser Generation eine Perspektive gab. Strahl hat daran nicht gezweifelt. Er war Soldat, dann Radsportler und betrieb beides mit Lust, aber nie ganz ernsthafter Leidenschaft. Ihm fehlte jede Art Verbissenheit, die sich bei anderen mit zunehmenden Problemen breit machte. Stattdessen behielt er seinen urwüchsigen Humor, der, ohne je plump zu sein, Wesen und Arbeit prägte. Seine Bücher erreichten an die 5 Millionen Auflage, übersetzt in 26 Sprachen füllten sie Regale. Er schrieb auch nach der Wende, kassierte Preise, den Lessingpreis und den Volkstheaterpreis des Landes Baden-Württemberg zum Beispiel. Nach dem Tod seines Sohnes Bob 1997 kannte er allerdings nur noch eine Aufgabe: Die nachgelassenen Werke zu sammeln, zu ordnen und zugänglich zu machen. Vielleicht, weil dessen Hintergründigkeit das war, was er an sich selbst am meisten vermisste.

Am 4. Mai ist er im Alter von 69 Jahren gestorben.

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00:00 18.05.2001

Ausgabe 43/2021

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