Postmigrantismus für alle

Theater heute (7) Berechtigtes Lob, sozial erwünschte Sympathie: Das Dilemma des "Ballhaus ­Naunynstraße", das zum Theatertreffen eingeladen ist, ist eines der deutschen Wirklichkeit

Seit 2008 gibt es im Berliner Ballhaus Naunynstraße postmigrantisches Theater. Dessen Erfolg ist durch die Einladung der Inszenierung Verrücktes Blut als eine der zehn „bemerkenswertesten Inszenierungen“ zum gerade anlaufenden Theatertreffen verbürgt. Darüber kann man aber leicht vergessen, dass es schon eine Geschichte des Theaters mit den – vor allem türkischen – Einwanderern gibt, die seit dem Anwerbeabkommen vor bald 60 Jahren in die Bundesrepublik gekommen sind.

Als Arbeitskräfte einsetzbar, sollten sie bald in ihre Heimat zurückkehren. Taten sie aber nicht. Schon der erste Theaterabend, bei dem Istanbuler Schauspieler mit türkischen Laiendarstellern 1980 in der Berliner Schaubühne auf der Bühne standen, trug den realistischen Titel Giden tez geri dönmez – Wer geht, kehrt nicht so schnell zurück. Trauer über den Verlust der Heimat, Entfremdung in der neuen Umwelt waren die Themen. Mit seiner dritten Produktion zog das türkische Ensemble der Schaubühne nach Kreuzberg, in den Hof des Hebbel-Theaters; nach dem Umzug an den Kurfürstendamm war nach sechs weiteren Inszenierungen, zu denen kaum türkisches und nur wenig deutsches Publikum kam, Schluss mit diesem Minderheiten-Projekt der Schaubühne. Warum welches Theater, für wen und von wem, waren Fragen, die bei dem ehrenwerten Versuch weder gestellt noch beantwortet wurden.

In den achtziger Jahren entstand in Kreuzberg türkisches Theater als Selbstverständigungs- und Identitätsprojekt. Das interkulturelle Diyalog-Theaterfest, das gerade 15-jähriges Jubiläum feiern konnte, ging aus einer Theatergruppe im Ballhaus Naunynstraße hervor, weiß der Schauspieler und Festivalleiter Mürtüz Yolcu: „Wir haben vor 1983 das Berliner Familientheater gegründet. Arbeiter und Studenten aus der Türkei haben, als türkische Kultur Folklore und Bauchtanz war, Theater als Mittel genommen, um unsere Geschichten zu erzählen, anfangs in türkischer Sprache. Wir glaubten an die Geschichten unserer Eltern: dass wir zurückgehen werden. Werden wir aber nicht, wir werden hierbleiben, und so haben wir unser Konzept geändert. Wir haben unsere Stücke zweisprachig gemacht, türkisch-deutsch. Und inzwischen können wir sagen, dass wir als internationales Festival eine ganz normale Berliner Theaterinstitution sind.“

Festivaldarling

Allerdings eine, die nicht im hellen Scheinwerferlicht steht. Dass türkisches Theater und Deutschtürken im deutschen Theaterleben vorkommen, ist noch immer nicht normal. Das zeigt auch der derzeitige Hype um das postmigrantische Programm des Ballhaus Naunynstraße und dessen Stück Verrücktes Blut. Nach dessen Premiere bei der Ruhrtriennale in Duisburg im vergangenen Herbst wurde das Ballhaus eingeladen zum Münchner Festival Radikal jung und ans Theater Freiburg, zum Heidelberger Stückemarkt und zum Berner Festival Auawirleben, zu den Mülheimer Theatertagen und nun zum Berliner Theatertreffen.

Stück und Inszenierung sind genial. Keine Stadttheater-Großkunst, sondern brillant gemachtes, poetisch-politisches Zeittheater. Genau austariert zwischen Kabarett und einem Spiel mit Diskursen. Klischees der Integrationsdebatte ausstellend und sie bedienend, um sie zu zerschlagen. Überwältigend in seiner schauspielerischen Einfachheit der Beginn: Acht junge Darsteller stehen frontal vor dem Publikum, rotzen und protzen, rücken die Genitalien zurecht und machen das Publikum in all den Posen an, die man von jungen, auftrumpfenden Migranten zu kennen meint. Das ist komisch und schrecklich zugleich, und es wirft uns sofort in diese lustvolle Irritation, die gutes Theater vermitteln sollte. Regisseur Nurkan Erpulat und der ehemalige Schaubühnen-Dramaturg Jens Hillje haben den Plot eines französischen Films, in dem eine Lehrerin mit aggressiv unwilligen Migrantenschülern aus Pariser Banlieus kämpft, zu einem rasanten Versuch über Projektion und Identität, Wertestrukturen und so genannte Leitkultur entwickelt. Der dialektische Kunstgriff: Der Lehrerin (differenziert gespielt von Sesede Terziyan) fällt die Pistole eines ihrer rabiaten Schüler vor die Füße, und nun zwingt sie mit dieser ihre Schüler, an Schillers Dramen zu arbeiten. Während die Lehrerin am Schluss Bestrafung für den brutalsten Schüler fordert, hat die Klasse mit Schiller ihre Lektion in Aufklärung gelernt und will dem Mitschüler noch eine Chance geben. Der Zuschauer wird hier durch immer neue Wendungen in seinem selbstsicheren Wissen erschüttert. Theater als Achterbahn der Gefühle und Haltungen.

Welten liegen zwischen Verrücktes Blut und Nigel Williams Stück Klassenfeind, in dem einer der vier ausflippenden Schüler ein Türkenklischee namens Kebap war. Peter Stein inszenierte die deutsche Erstaufführung 1981 an der Schaubühne, wo es 2009 eine Neuinszenierung gab. In Verrücktes Blut aber wirken alle Figuren realistisch, gerade weil sie auch als unfreiwillige Kommentare zu Thilo Sarrazins Kampfschrift Deutschland schafft sich ab empfunden werden. Da die Inszenierung mitten in der Debatte um das Buch herauskam, wurde es begierig und einverständig als Material gegen Sarrazin genommen.

Im Ballhaus Naunynstraße, einem 99- Plätze-Haus, wird seit November 2008 unter der Leitung der in der Türkei geborenen, seit ihrem neunten Lebensjahr in Deutschland lebenden Shermin Langhoff postmigrantisches Theater gezeigt. Mit Schauspielern und Laien, mit türkischen und deutschen Künstlern und mit vielen vom Film her bekannten türkischen Regisseuren. Im Zentrum steht das Leben in Berlin, das selbstverständliche wie erfolgreiche von türkischen Migranten der zweiten und dritten Generation. Wo im deutschen Stadt- und Jugendtheater lange Zeit Geschichten über türkische Mitbürger nur von Zwangsheirat oder Ehrenmord (wie bei Lutz Hübners Ehrensache) handelten, geht es im Programm des Ballhauses um das so genannte „normale Leben“. Das durchaus auch wie im Stück Ferienlager, gespielt von jugendlichen Laien, Probleme und Geschichten erzählt, die jeder Jugendliche in diesem Alter haben könnte. Leben in Deutschland, leben als deutscher Türke oder türkischer Deutscher, das ist das Programm des Ballhauses.

Publikumsliebe

Damit steht das Haus nicht allein da in Berlin. Auch der Heimathafen Neukölln (mit Arabboy und Arabqueen), die Neuköllner Oper (mit Discount Diaspora) und die Jugendtheater-Abteilung des Deutschen Theaters (mit Nurkan Erpulats Clash) sind auf diesem Themenfeld unterwegs. Das Publikum, das diese Bühnen und das Ballhaus finden, besteht mehrheitlich aus „Biodeutschen“ der nicht ganz jungen Generation. (Immerhin ist das bei der Akademie der Autodidakten im Ballhaus, bei den Projekten junger Laien durchaus anders.) In normalen Vorstellungen erlebt man nur einverständige Zuschauer, die „echt voll begeistert“ sind, die keine Auseinandersetzung wollen, sondern allein Bestätigung für die Richtigkeit ihrer Überzeugung, dass „Integration“ gut sei. Die Diskussionen nach Vorstellungen im Ballhaus sind kuschelige Informationsveranstaltungen.

Dafür kann das Theater nichts. Der politische Wille der Zuschauer, alles gut zu finden, die „türkischen Mitbürger“ und jede einzelne Inszenierung, nimmt weder das Theater noch dessen Themen ernst. Eher wirkt er wie die Wiederholung der falschen Multikulti-Feier, die vom Begriff der Interkultur noch keine Vorstellung hatte. Von falscher Sympathie zeugt, dass wirklich jede Ballhaus-Arbeit in der Bild als theatrale Hochleistung gehypt wird – Kultur von und für Migranten wird mit vorgefertigten Absichten betrachtet.

Aber es hilft ihr nichts – und das weiß Shermin Langhoff – sich im Getto eines postmigrantischen Theaters einzurichten. Obwohl das Ballhaus wunderschöne und informative Inszenierungen im Programm hat. In Klassentreffen – Die zweite Generation erzählen ein Musikproduzent, ein Taxiunternehmer, eine Polizeikommissarin und ein Abgeordneter von ihrer Lebenswirklichkeit; in Die Schwäne vom Schlachthof, entstanden nach Interviews, wird von der politischen Migration nach Deutschland berichtet und davon, wie es überzeugten kommunistischen Migranten in Ost-Berlin vor und nach der Wende erging; das musikalische Schauspiel Lö Bal Almanya wurde von Nurkan Erpulat als komisch-realistischer Durchgang durch 60 Jahre türkischer Einwanderung inszeniert, bei dem deutsche Volkslieder Situationskommentare sind und kulturelle Aneignung dokumentieren.

Zugleich liefert das Ballhaus neue Stoffe und neue Geschichten für das deutsche Theater. Es erweist sich damit als das, was der Heimathafen Neukölln schon mit seinem Namen verkündet: als Heimat. Allerdings als eine, die sich noch immer in einer teils durch die Strukturen der deutschen Stadttheaterlandschaft erzwungenen, teils selbst gewählten Nische befindet.

Die notwendige kulturelle Öffnung, die Mark Terkessidis in seinem Buch Interkultur und im Rahmen dieser Reihe forderte, muss zum „Innovationsprogramm für die gesamte Institution“ Theater führen. Oder, wie es Shermin Langhoff sagt: „Ich würde sagen, dass dieses gemeinsame neue Deutsche nicht nur die Eingliederung des Postmigrantischen braucht in den Stadt- und Staatstheatern, sondern dass es selbst das Konzept sein müsste. Jedes Theater in Deutschland müsste sich erst mal per se als postmigrantisches verstehen.“

Vom 6. bis 23. Mai sind beim Berliner Theatertreffen die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen der Saison zu sehen. Darunter Nurkan Erpulats Verrücktes Blut vom Ballhaus Naunynstraße. Hartmut Krug ist Theaterkritiker und war von 2005 bis 2008 Mitglied der Jury des Theatertreffens. Mehr Informationen über die Auswahl der aktuellen Jury

www.berliner-festspiele.de

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14:00 06.05.2011

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