Praktisch blanko

Leerzeile Unsere Autorin fragt nach dem Platz des Grußworts in digitaler Zeit. Steht es in einem Link zum verschenkten E-Book?
Millay Hyatt | Ausgabe 10/2015

Laut einer Umfrage des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels verschenken 64,2 Prozent der Deutschen mindestens ein Buch pro Jahr. Nicht erhoben wurde, wie viele von ihnen noch eine persönliche Widmung in das Buch eintragen. Wenn man von meinem Bücherregal ausgeht, ist das ein nicht zu vernachlässigender Anteil. Von „Zum Geburtstag alles Gute“ samt Datum und Ort bis hin zu ganzseitigen Auslassungen über die erhoffte Wirkung des Lesestoffs ist hier alles an Widmungen vertreten. In Orientalismus (Edward Said) steht ein schlichtes „Weihnachtsgeschenk von J.“. Es gibt reflexive Pirouetten aus dem geschenkten Band, zum Beispiel „…dass sie ihr eigenes Unbehagen verkörpert sehen wollten“ in Der größere Teil der Welt (Jennifer Egan). Es gibt Ermutigungen, die Lektüre zu genießen (Orlando, Virginia Woolf), Empfehlungen, die Verfilmung zu vergessen (Lolita), eine bestimmte Stelle zuerst zu lesen (Kathedrale, Raymond Carver).

Irgendwas mit Gebüsch

Es wird die Hoffnung geäußert, dass man das Buch nicht schon im Regal stehen hat (Mein Jahrhundert, Günter Grass). Viele der Widmungen versuchen, den Grund, warum ausgerechnet dieses Buch für mich, zu erläutern. Oder sie erzählen, manchmal sehr ausführlich, die Bedeutung, die das Buch für den Schenkenden hat (dicht gekritzelte Zeilen zur Kunst im 20. Jahrhundert in Die versiegelte Zeit, Andrei Tarkowski). Die schönsten Widmungen sind die, die in wenigen Worten den Schenkenden, die Beschenkte und das Werk zusammenweben („Schwierige, seltsame und schöne Dinge will ich immer mit dir teilen“ in Die Passion nach G. H. (Clarice Lispector).

Mit dem Schwinden der Widmungen im Zeitalter der E-Books wird sich auch die Qual der Formulierungsversuche erübrigen. Prägnant und originell soll es sein, aber dann wird es doch bemüht und unverständlich. Irgendetwas mit „Rascheln“ und „Gebüsch“ entsinne ich mich vage und geniert, einmal in das Buch der Erinnerung von Péter Nádas geschrieben zu haben. Autoren können mittlerweile ihre E-Books elektronisch „signieren“ oder auch persönliche Widmungen an ihre Leser schreiben, die als Datei auf deren E-Reader geschickt werden.

Ein vergleichbares Angebot für persönliche Widmungen in geschenkten Elektrobüchern ist mir nicht bekannt, und auch wenn es sie geben sollte: Dass sich diese Kulturpraxis in die E-Book-Welt retten wird, erscheint mir genauso unwahrscheinlich wie das Überleben von Ansichtspostkarten oder Telefonzellen. Wenn man statt eines Gutscheins (die üblichere Variante) tatsächlich ein bestimmtes E-Book geschenkt bekommt, steht der Grund für die Auswahl vielleicht in der E-Mail mit dem Link. Aber er wird nicht in die Haut des Textträgers eingeritzt sein, um für alle Zeiten diese Ausgabe mit diesem Anlass und diesen Personen aus diesen Gründen zu vermählen. Schade, eigentlich.

Millay Hyatt stammt aus Dallas, USA. Sie lebt als freie Übersetzerin und Autorin in Berlin

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06:00 18.03.2015

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