Präsident López fiel im Gefecht

Globalisierung, notfalls mit Gewalt Der "Marktöffnungskrieg" gegen Paraguay vor 140 Jahren

Am 12. November 1864 überschreiten brasilianische Truppen die Grenze zum kleinen westlichen Nachbarn Paraguay. Sie haben den Befehl, den Parana zu erreichen, ihren Feldzug bis an den Paraguay fortzusetzen und die an diesem Strom, der dem Staat seinen Namen gibt, gelegene Hauptstadt Asunción einzunehmen. Es soll ein kurzer Krieg werden, nicht viel mehr als eine Polizeiaktion. Zu ungleichgewichtig sind die beiden Länder - das Kaiserreich Brasilien und die Republik Paraguay.

Als offizieller Anlass für den Einmarsch gelten der Streit um den Zugang zum Rio de la Plata und "Unverschämtheiten", die sich der Präsident Paraguays gegenüber dem Oberhaupt des größten Landes Lateinamerikas angeblich geleistet hat. Es lohnt nicht, dieser Version über die Kriegsgründe weiter nachzugehen, die wirklichen Motive werden dadurch - wie so oft - kaschiert. Sie treten erst hervor, wird danach gefragt, wer das brasilianische Interventionskorps mit Anleihen finanziert. Und warum die Bank of London wie die Bankhäuser Baring Brothers und Rothschild - ausnahmslos Adressen erstklassiger Institute, die einen weltweiten Geschäftsverkehr bedienen - so spendabel sind. Baring Brothers Co. haben bereits 1824 für Argentinien erste Anleihen bewilligt, sie residieren in Brasilien und anderen südamerikanischen Staaten, die über britische Handelshäuser den Weltmarkt zu erobern suchen. Paraguay ist der letzte Mohikaner, der sich dem Freihandel verschließt. Dabei ist der neben Bolivien zweite Binnenstaat des Subkontinents - lange bevor transkontinentale Eisenbahntrassen entstehen - für Frachter auf der Route Rio de la Plata - Parana mühelos erreichbar. Zudem verfügt Paraguay aus Sicht britischer Großhändler über attraktive Produkte: Nur hier kann der überall in Südamerika geschätzte Mate-Tee angebaut werden, nur im paraguayischen Urwald wachsen seltene Holzarten wie Quebracho, das wegen seiner Härte "Axtbrecher" genannt wird, ebenso Mahagoni und andere Edelhölzer, die im 19. Jahrhundert noch nicht aus Äquatorialafrika bezogen werden.

Paraguay reizt Britannien auch als Absatzmarkt. Das Land ist um diese Zeit von seinem Staatsterritorium her erheblich größer als heute und gehört zu den dichter besiedelten Teilen eines ansonsten eher menschenarmen Kontinents. Paraguays Bevölkerungszahl liegt 1864 nur geringfügig unter der Argentiniens. Bei all diesen Vorzügen gibt es in den Augen der Briten einen entscheidendes Manko: In Asunción regiert Francisco Solano López, der nichts mehr scheut als einen überstürzten Einstieg in den Welthandel.

Die Briten stören sich besonders an der Auffassung dieses Präsidenten, der Staat allein solle über das Außenhandelsmonopol verfügen und demzufolge entscheiden, ob Edelhölzer aus Asunción nach Europa verschifft werden oder nicht. Ohnehin ist es nach paraguayischem Recht bis dahin nur dem Staat vorbehalten, Fabriken zu bauen, die Baumaterial, Leinen, Ponchos, Papier und Tinte herstellen, oder Gießereien zu unterhalten, die für eine ansehnliche Waffenproduktion sorgen. Dies verschafft Entscheidungsfreiheit gegenüber fremden Investoren, ob sie nun aus den Nachbarländern oder aus Europa kamen. Das britische Empire muss unter diesen Umständen erkennen: Paraguay kann über Kredite nicht geöffnet werden.

Fazit: Mit friedlichen Mitteln ist dem für britisches Kapital und für britische Waren (dank hoher Zölle) schwer zugänglichen Land nicht beizukommen. Folglich müssen kriegerische her. Brasilien - bei britischen Banken erheblich verschuldet - wird auserkoren, im Interesse der Kaufleute von Liverpool, Bristol und London den "Marktöffnungskrieg" zu führen, der als "Spaziergang nach Asunción" betrachtet wird. Doch kommen die Brasilianer nicht wie gewünscht voran, dichte Wälder - in jener Zeit noch immer "Missionswälder" genannt, weil dort im 18. Jahrhundert Jesuiten die Guaraní-Indianern zum Christentum bekehren wollten - behindern den Marsch auf Asunción. Auch die Guaraní selbst, durchaus modern ausgerüstet, leisten heftige Gegenwehr. Sie wissen nichts von Freihandel oder Protektionismus, aber sie kennen den 1814 errichteten und auf das Wohl seiner Untertanen bedachten Staat. Paraguay gilt um 1850 als einziges Land Lateinamerikas, in dem niemand Hunger leidet. Europäer, die Paraguay bereisen, heben "seine blühenden Finanzen, ein gutes Heer und ein geordnetes Schulwesen" hervor. Der US-Handelbeauftragte Hopkins berichtet 1845 seiner Regierung, dass es in Paraguay "kein Kind gäbe, das nicht lesen und schreiben könne". Ein um diese Zeit in Leipzig erschienenes Handbuch der Geographie bescheinigt Paraguay "den anderen lateinamerikanischen Staaten gegenüber viel Eigentümliches". Wir würden dieses "Eigentümliche" heute Sozialstaat nennen.

Als die brasilianische Armee in den "Missionswäldern" endgültig stecken bleibt, helfen die Briten - natürlich mit Geld, um Argentinien und Uruguay zu veranlassen, Paraguay gleichfalls den Krieg erklärten. Truppen beider Länder eröffnen den Parana stromaufwärts eine zweite Front, so dass sich die paraguayischen Verteidiger bald einer erdrückenden Übermacht erwehren müssen. 1868 fällt Humaità, die am Parana gelegene Hauptfestung des Landes, 1869 auch Asunción. Die Guaraní-Soldaten werden zu Guerilleros, so dass Dorf für Dorf unter großen Opfern erobert werden muss. Im März 1870 stirbt Präsident López bei einem Gefecht - der Krieg geht nach mehr als fünf Jahren zu Ende.

Die Siegermächte erhalten weite Landstriche im Osten und Süden Paraguays. Dem eigentlichen Sieger, den britischen Handelshäusern und Banken, stehen - nachdem der Reststaat freihändlerischen Gehorsam übt - die Rohstoffe Paraguays zur Verfügung. Kurz nach Kriegsende geht auf das Land die erste ausländische Anleihe seiner Geschichte nieder, selbstverständlich eine britische. Die Schuldenaufnahme beläuft sich auf eine Million Pfund und soll sich innerhalb der nächsten Jahre in wundersamer Weise auf das Dreifache auswachsen.

Fünf Jahre Krieg ließen Paraguay völlig entwurzelt zurück, es hat zwei Drittel seiner Bevölkerung verloren - nur 192.000 Frauen und Kinder und etwa 28.000 Männer im Alter von über 15 Jahren sind am Leben geblieben. Vom gewaltigen Blutzoll dieses "Marktöffnungskrieges" soll sich das Land nie mehr erholen. 1998 liegt seine Bevölkerungszahl bei einem Sechstel der Argentiniens.


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00:00 05.11.2004

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