Preußens Demut

Reichseinigung Mit Respekt vor dem schwächeren Partner über die Einheit verhandeln – Bismarcks diplomatischer Weg ins Deutsche Reich sorgte für ein historisches Paradigma

Als am 16. April 1871 die erste Verfassung des deutschen Kaiserreiches verabschiedet war, fehlte es weiterhin nicht an Kritikern der drei Monate zuvor erfolgten Reichsgründung. Es handele sich um eine Vereinigung, die sich „Blut und Eisen“ verdanke und zur „Verpreußung Deutschlands“ führe, hieß es. Das Urteil – bis heute kolportiert – ist sicher nicht ganz falsch, aber einseitig. Man sollte genauer analysieren, wie die deutsche Einheit von 1871 herbeigeführt wurde.

Zunächst einmal, sie kam nicht durch Waffengewalt zustande. In Waffen hatten die von Preußen geführten norddeutschen Truppen und die Verbände süddeutscher Staaten seit Juli 1870 gemeinsam gegen Napoleon III. gestanden. Als der die Schlacht bei Sedan im September 1870 verloren hatte, war die Gefahr einer französischen Einmischung in deutsche Angelegenheiten endgültig gebannt. Daraufhin reiste Bismarcks Kanzleramtsminister Rudolph Delbrück nach Bayern, um über die Einheit zu verhandeln. Parallel dazu begannen „Einheitsgespräche“ mit Baden, Württemberg und Hessen-Darmstadt. Die Regierungen dieser Länder hatten sich am Feldzug gegen Napoleon III. beteiligt und wollten nun dem Verlangen nach einem deutschen Einheitsstaat nicht im Wege stehen. Doch sie blieben stur in ihrem Willen, Eigenes zu wahren. So wurde von den Süddeutschen bis ins Jahr 1871 hinein mit Bismarcks Emissären zäh gefeilscht.

Brüsk abgelehnt

Zu solch hartem Ringen um Bedingungen für die Fusion mit einem mächtigeren Partner hatte sich „beim zweiten Experiment mit einem deutschen Nationalstaat“, wie der Historiker Volker Ullrich 1999 schrieb, auch die DDR-Regierung unter Lothar de Maizière entschlossen. Sie war im Mai 1990 der Auffassung, dass es ihr bei den bisherigen Verhandlungsrunden mit der Regierung Kohl absolut nicht gelungen war, eigene Vorschläge unterzubringen. „Beim ersten Vertrag zur Währungsunion – da gab es den Rohentwurf von der bundesdeutschen Seite“, erinnerte sich de Maizière später. „Und wir haben gemerkt, wie schwierig es ist, von einem Vertragsentwurf etwas weg zu verhandeln. Ich habe dann gesagt: ‚Der Rohentwurf zum Einheitsvertrag, der wird von uns kommen!‘ – und der ist dann auch von unserer Seite gekommen.“

Geholfen hat das wenig. Wolfgang Schäuble, Verhandlungsführer der Bundesregierung, bestimmte, was in den zweiten Staatsvertrag – den eigentlichen Einigungsvertrag – hinein kam und was nicht. Über seine Verhandlungsstrategie vermerkte er 1991: „In den internen Unterhaltungen ließ ich die DDR-Partner nie im Unklaren über meine Prioritäten. Meine stehende Rede war: Liebe Leute, es handelt sich um einen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik, nicht um die umgekehrte Veranstaltung.“ Brüsk ablehnend blieb die bundesdeutsche Seite selbst dann, wenn die DDR-Unterhändler versuchten, einem gleichberechtigten Zusammenschluss beider deutscher Staaten wenigstens symbolisch Ausdruck zu geben. So plädierten sie für eine Nationalhymne, die aus der ersten Strophe der DDR-Hymne Auferstanden aus Ruinen und der dritten des Deutschlandliedes Einigkeit und Recht und Freiheit bestehen sollte. Dies wurde ebenso verworfen wie die Idee, den zu bildenden Staat Bund deutscher Länder oder einfach Deutschland zu nennen. „Damit“ – so Staatssekretär Günther Krause als Einheitsverhandler Ost – „auch der Letzte im Bayerischen Wald begreift, dass sich mit der Einheit in Deutschland etwas verändert“. Doch Wolfgang Schäuble fand, Bundesrepublik Deutschland, das sei „geradezu ideal.“

Ganz anders hatte sich Otto von Bismarck verhalten, als er 1871 mit den süddeutschen Staaten verhandelte. „Verbleibenden Souveränitätsrechten“ konnte er zwar nichts abgewinnen, doch wurden Württemberg und Baden so genannte „Reservatsrechte“ zuerkannt. Beide durften ein eigenständiges Eisenbahn-, Post- und Telegraphenwesen behalten. Bismarck wäre mit dieser Beharrlichkeit gewiss gern anders umgesprungen. In einem Brief an seine Frau schrieb er: „Ich hatte mehrmals das dringende Bedürfnis, eine Bombe zu sein und einfach zu platzen, dass der ganze Bau in Trümmer gegangen wäre.“ Doch er konnte sich zügeln.

„Aus diplomatischen Einzelverhandlungen, mit Rücksicht auf überkommene Rechte, mit autonomen Reservationen, abgestimmt auf die Mentalität der jeweiligen Souveräne, entstand das Reich“, urteilt der zur deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts lehrende Darmstädter Historiker Helmut Böhme.

Nicht erpressen

Helmut Kohl, obwohl ein Verehrer Bismarcks, benahm sich 1990 keineswegs so zurückhaltend wie einst der Preuße. Als im frei gewählten DDR-Parlament für das Gesetz über gemeinsame deutsche Wahlen zunächst die Zweidrittelmehrheit ausblieb, meldete er sich am nächsten Morgen telefonisch bei Klaus Reichenbach (CDU), dem Minister im Amt des Ministerpräsidenten, mit den Worten: „Was habt ihr denn gestern für einen Scheißdreck in eurer Volkskammer gemacht?“

Bismarck meinte, als die Reichseinheit gesichert war, bei einem abendlichen Tischgespräch: „Was sind Verträge, wenn man muss? Und ich weiß, dass die Leute vergnügt fortgegangen sind. Ich wollte sie nicht erpressen, die Situation nicht ausnutzen. Der Vertrag hat seine Mängel, aber er ist um so fester.“

Besonderes Gespür entwickelte Bismarck, als es um die Symbole des Reiches ging. Er wusste aus Süddeutschland, wie man dort das Staatsoberhaupt des neuen Deutschland zu titulieren wünschte, nämlich als „Kaiser in Deutschland“, „Kaiser von Deutschland“ oder einfach „deutscher Kaiser“. Und er verwarf das Ansinnen, auf alle neuen Reichsmünzen das Bild Wilhelms I. zu prägen. Eine Gepflogenheit, die im damaligen Europa der gekrönten Häupter gang und gäbe war. „Wenn eine Goldmünze, auf der steht – Wilhelm, Deutscher Kaiser, König von Preußen – in die Hütten außerhalb Preußens wirklich eindringt“, gab Otto von Bismarck zu bedenken, könne dort der Eindruck entstehen, man sei okkupiert worden. Auch die Briefmarken des neuen Reiches zierte nicht der Kopf des Kaisers. Auf die allegorische Figur der Germania konnten sich Preußen wie Süddeutsche ebenso einlassen wie auf den wichtigsten Gedenktag des neuen Reiches, der als „Sedantag“ an den Triumph preußischer wie süddeutscher Truppen über die Armee Napoleon III. am 2. September 1870 erinnern sollte.

Darüber hinaus war Bismarck bemüht, bei der Vereinheitlichung der Rechts- und Verwaltungsstrukturen der deutschen Bundesstaaten Hast und Eile zu vermeiden. Das Deutsche Reich war anfangs nur mit einer relativ geringen Anzahl von Institutionen ausgestattet. Erst allmählich traten Reichsämter und Reichsbehörden ins Leben. Behutsam verfuhr man nicht zuletzt bei der Rechtsangleichung. „Nicht nach einer fertigen Schablone wurde die Verwaltung des Reiches geordnet, sondern Bismarck folgte den wachsenden und wechselnden Bedürfnissen des praktischen Lebens, indem er den neu sich bietenden Aufgaben des Reiches neue Werkzeuge und Mittel schuf“, schrieb seinerzeit Wilhelm Maurenbrecher – ein Schüler Leopold von Rankes –, dessen der deutschen Einheit gewidmetes Hauptwerk im Jahr 1892 erschien.

Warum glaubten sich Kohl und Schäuble so ganz anders verhalten zu können als seinerzeit Bismarck und Delbrück? Der entscheidende Grund für fehlende westdeutsche Sensibilität ist wohl darin zu suchen, dass beim „Zusammenwachsen“ nach 1990 vorzugsweise auf eine Karte gesetzt wurde – auf die Wirtschafts- und Wohlstandsangleichung des Ostens, auf die „blühenden Landschaften“, was bekanntlich nicht aufging.

Bismarcks Respekt vor seinen nicht-preußischen Verhandlungspartnern sollte sich auszahlen: Helmut Böhmes Befund von der „wirtschaftlichen und politischen Assimilierung der süddeutschen Staaten, deren Bevölkerung im Reichsverband in zunehmenden Maße die Tradition Preußens übernahm“, bringt unter Historikern die Mehrheitsmeinung zum Ausdruck.

Jörg Roesler ist emeritierter Professor für Zeitgeschichte und lebt in Berlin

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11:00 08.05.2011

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