Primitive Reiz-Reaktions-Maschinen

Neuroökonomie Eine neue Disziplin, die nicht nur die Ökonomie, sondern die gesamte Sozialwissenschaft revolutionieren will

Die Welt der Wissenschaft hat einen neuen Star: Er ist Ökonom, publiziert in renommierten Fachzeitschriften (unter anderem in Nature und Science), hat in Zürich soeben den "Cogito-Preis für interdisziplinäre Verhaltensforschung" erhalten, wird von den Medien hofiert und als zukünftiger Nobelpreisträger gehandelt. Ernst Fehr, Direktor des Instituts für Empirische Wirtschaftsforschung an der Universität Zürich, versteht sich aber primär als "Revolutionär". Sein Ansatz, die "Neuroökonomie", behauptet er, wälze nicht nur die Ökonomie um, sondern auch "die politische Philosophie im Sinne unserer Sicht einer guten und gerechten Gesellschaft".

Fehrs Revolution ist wissenschaftlich abgestützt: Er hat, ließ er kürzlich in einem Interview verlauten, "empirisch präzis nachgewiesen", dass der Mensch - also der "Homo oeconomicus" - nicht nur eigennützig und rational handle, wie die Ökonomie bisher stets angenommen habe, sondern auch von Emotionen gesteuert werde. Der Beweis dafür gelang ihm mit einem Experiment, das er zusammen mit seinem Mitarbeiter Urs Fischbacher und dem Hirnforscher Dominique de Quervain von der Abteilung für Psychiatrische Forschung der Universität Zürich durchführte.

Das Experiment mit dem Titel Die neuronale Basis altruistischen Bestrafens, das es sogar auf die Titelseite von Science schaffte, basiert auf der Interaktion von zwei Individuen, die sich weder sehen noch kennen, und deren Gehirne von einem Positronenemissions-Tomographen überwacht werden. Person A und B erhalten je eine bestimmte Anzahl Geldeinheiten. Wenn sie sich gegenseitig fair verhalten, können sie ihr Vermögen zusammen erhöhen. Beide haben jedoch die Möglichkeit, sich auf Kosten des Anderen zu bereichern. Dies wiederum erlaubt es der betrogenen Person, den Betrüger zu bestrafen, was allerdings mit Kosten verbunden ist. Die Wissenschaftler konnten nun nachweisen, dass die Betrogenen diese Sanktionsmöglichkeit häufig anwendeten, obschon sie dafür bezahlen mussten, also keinen monetären Nutzen davon hatten.

Die Lösung für dieses in den Augen der Wissenschaftler rätselhafte Ergebnis liefert der Tomograph: In dem Moment, in dem sich eine Person für die kostenpflichtige Bestrafung entscheidet, wird im Gehirn der "Nucleus caudatus", das Belohnungszentrum, aktiviert. Wenn also Person A Person B für unfaires Verhalten bestraft, wird sie in ihrem Gehirn belohnt, was ihr ein Gefühl der Befriedigung verschafft. Das Experiment misst unter Laborbedingungen die Gehirnaktivitäten zweier kooperierender Individuen, die sich ein Spiel liefern, einander zu überlisten suchen und bestrafen.

Dass das Gehirn eines Menschen, der in ein Strategiespiel involviert ist - der also denkt, sich freut oder ärgert - aktiv ist, ist nicht weiter erstaunlich. Doch im Unterschied zum sozialwissenschaftlichen Experiment, bei dem Geschlecht, Alter und Herkunft der ProbandInnen ebenso interessieren wie ihre Ansichten, Biografien, ihre psychischen Dispositionen und ihre Gedanken, blendet diese Versuchsanordnung die soziale Realität aus: sie wird höchstens dem psycho-sozialen Komplexitätsgrad einer Wühlmaus gerecht. Der Mensch ist hier ein reines Abstraktum; ob er eine Studentin der Ethnologie ist oder der Chef einer Urhorde läuft auf dasselbe hinaus.

Die "Neuroökonomie" tritt mit dem Anspruch auf, mit der Messung menschlicher Gehirnströme eine wissenschaftliche Erklärung nicht nur für das Verhalten "des Menschen", sondern für die "menschliche Evolution" insgesamt gefunden zu haben. Obschon es früher keine Polizisten und Richter gab, haben die Menschen laut Fehr immer schon mit anderen, auch "genetisch nicht verwandten", unbekannten Menschen kooperiert und Betrüger bestraft - obschon sie daraus keinen Nutzen ziehen konnten. Der Grund: Sie wurden (und werden) vom Gehirn dafür belohnt. Ohne das Belohnungszentrum in unserem Gehirn gäbe es keine menschliche Entwicklung und überhaupt keine gesellschaftliche Ordnung, in der Übeltäter und Betrüger glücklicherweise bestraft werden.

Die Ökonomen selbst stehen der Neuroökonomie eher distanziert gegenüber. Fehr, so Kritikerstimmen, möble Ergebnisse der Spieltheorie neurobiologisch auf, um sich die finanziellen Mittel für teure Apparate zu erschließen und mediale Aufmerksamkeit zu sichern. Der Frankfurter Volkswirt Bertram Schefold findet die Einbeziehung der "Neurosciences" in die Ökonomie schlicht unsinnig: "Was im Gehirn tatsächlich vorgeht, ist unendlich viel komplexer als das, was die Hirnforschung beobachten kann." Das Verhalten, das man im Labor messe, dürfe man nicht mit dem sozialen Handeln in der Wirklichkeit verwechseln.

Die Neuroökonomie erhebt zwar den Anspruch, zu erklären, wie menschliche Gesellschaft entsteht und was sie zusammenhält, doch sie ignoriert vollständig das von HistorikerInnen, SoziologInnen und SozialphilosophInnen erarbeitete Detailwissen über gesellschaftliche und kulturelle Phänomene. Die Sozialwissenschaften versuchen seit längerem zu rekonstruieren, wie Menschen in verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Regionen der Welt ihr Zusammenleben organisierten und welche Probleme sie dabei zu bewältigen hatten: Wie wirken sich Weltbilder auf soziale Normen aus, welche Herrschaftsinstitutionen beförderten den Prozess der Zivilisation und welche Widerstände waren dabei zu überwinden?

Von all dem findet sich in der Universaltheorie der "Neuroökonomie" nichts. Die nutzenmaximierenden und von Emotionen gesteuerten Individuen sind nicht mehr als primitive Reiz-Reaktions-Maschinen, die wider Erwarten gegenseitig in Kontakt treten. In sträflicher Unkenntnis des sozialwissenschaftlichen Forschungsstandes lässt die "Neuroökonomie" das Soziale im Biologischen aufgehen. Damit werden die Menschen des Problems enthoben, sich eine gerechte Ordnung schaffen und über Freiheit und Gleichheit nachdenken und streiten zu müssen; sie müssen überhaupt nicht mehr politisch sein. Die bestehende Ordnung ist eine harmonische, weil sie sich aus der Natur ergibt.

Die sich auf die Neurowissenschaften stützende Biologisierung der Sozialwissenschaften hat inzwischen nicht nur die Ökonomie, sondern auch die Psychologie, die Soziologie und die Historiografie erfasst. Und sie breitet sich weiter aus - unter dem ehrfürchtigen Staunen der Öffentlichkeit, bedacht mit Preisen, öffentlichen Geldern und wissenschaftlichem Renommee. Dass dieser primitive Reduktionismus der gleichen Logik folgt wie die in den dreißiger Jahren betriebenen anthropologischen Schädelvermessungen, scheint in der allgemeinen Euphorie unterzugehen.


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00:00 07.01.2005

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