Prinz Charles im Schatten

Grosser Bau, kleine Befugnis Na endlich! Die Schotten haben ihr neues Parlamentsgebäude. Aber wollen sie es überhaupt?

Gehämmer vom Baugelände verklingt leise auf den schroffen Höhen des Salisbury Craigs. Die Felsklippe, die Edinburghs Innenstadt von ihren östlichen Vororten trennt, eröffnet einen prägnanten Blick, zugleich auf Schottlands Vergangenheit als auch auf seine Gegenwart. Am Fuße der Felswand liegt die Gegenwart: ein jahrelang eingerüstetes Gebäude, dessen Fassaden nun den Blicken preisgegeben sind. Nachdem es im Oktober offiziell im Beisein der Queen eröffnet wurde, können nun die 129 Volks-Repräsentanten ihr neues schottisches Parlament beziehen. Dicht gedrängt liegen die einzelnen Gebäudekomplexe nebeneinander. Umgedrehten Schiffskörpern gleich, erinnern sie an die nautische Vergangenheit Schottlands. Die beste Architektur des Landes seit Jahrzehnten, meinen manche. Doch davon wollen die meisten Schotten nichts mehr wissen. Zu viel ist schief gelaufen. Drei Jahre länger als erwartet hat die Bauzeit gedauert, und schlimmer noch: die Kosten kletterten von optimistischen 40 auf stolze 400 Millionen Pfund. Kein Wunder, denn, so erfuhren die verblüffte Schotten kürzlich, in der ersten Kostenschätzung waren weder Bauland noch Steuern enthalten.

"Das ganze Projekt der Devolution", der seit dem Sieg Tony Blairs 1997 vorangetriebenen partiellen Unabhängigkeit Schottlands, "ist über den Bau in eine Krise geschlittert", klagt die Parlamentarierin Margo MacDonald. Als erster Meilenstein der neuen Regierung sollte das Parlament den glanzvollen Auftakt ambitionierter Vorhaben darstellen. Aber die desaströse Entwicklung des Baugeschehens lässt viele Schotten am Sinn der ganzen Entwicklung zweifeln.

Keine zehn Meter entfernt von den parlamentarischen Baugruben fallen Rosenbüsche über die Messingstreben des königlichen Zaunes von Holyrood Palace. Dahinter protestiert zuweilen - und zur Freude vieler Schotten - der schärfste Kritiker des neuen Parlaments. Die granitenen Boote verschandelten das historische Stadtbild, tönt es aus den Zimmern des Thronfolgers. Der hässliche Schatten, der über die Residenz und die Seele des Prinzen Charles fällt, ist der Trost der Nationalisten.

Schottlands Identität, könnte man meinen, speist sich aus den Niederlagen der Engländer - und aus dem Unglück, stets von ihnen dominiert worden zu sein. Am Fuße der Royal Mile, der Hauptschlagader der Altstadt, fotografieren ein paar Touristen Queensbury House. Eingebettet ins Gelände des Parlaments wurde hier 1707 der Unionsvertrag unterzeichnet, der Schottland mit England vereint,- ein Meilenstein diplomatischer Mauscheleien. Die Engländer drohten zwar mit Embargos und militärischen Interventionen, doch wurden letzten Endes nur Pfründe verteilt, und wesentlich beteiligt daran waren die Schotten. Was gerne als Okkupation bezeichnet wird, glich vielmehr einer Selbstauflösung. Ein Ausverkauf eigener Unabhängigkeit für die lukrative Partizipation am Empire. Es folgten Jahrhunderte dezenter Fremdbestimmheit, die Basis für das anhaltende schottische Trauma, das vor allem in der widersprüchlichen Haltung zum Empire besteht.

Drastisch hat das Irvine Welsh in seinem Roman Trainspotting formuliert: " Ich hasse die Engländer nicht. Sie sind eigentlich nur Wichser. Wir können nicht einmal eine anständige, gesunde, vibrierende Kultur finden, die uns kolonisiert. Nein. Wir sind von effeminierten Arschlöchern kolonisiert worden? Was bedeutet das für uns? ... Dass wir der kümmerlichste, unterwürfigste, elendste Dreck sind, der je in die Welt geschissen worden ist." Exzentrisch und verbittert, aber vermutlich nicht weit entfernt von der schottischen Selbstwahrnehmung.

"Immerhin verwalten wir uns jetzt selbst", resümiert Dave über einem Bier. Das Waverley ist ein nettes Pub. Künstliches Feuer verleiht künstliches Highlandfeeling. Im oberen Stock sind ein paar Storyteller am Werk, und Dave wird sich gleich zu ihnen gesellen. Doch zuvor erzählt er seine Version von den Schotten zu Ende. "Als wir 1997 endlich gewonnen hatten, stellten wir uns alles ein bisschen radikaler vor. Aber eigentlich haben wir nicht viel mehr bekommen, als wir ohnehin schon hatten." Die Schotten können nun die Fuchsjagd verbieten und die Studiengebühren senken. Die relevanten Ressorts Verteidigungs-, Außen-, und vor allem Finanzministerium bleiben hingegen in Westminster.

Das schottische Parlament ist somit in der einzigartigen Situation, von den budgetären Launen eines anderen abhängig zu sein. Daran wird sich fürs Erste auch nichts ändern. Die regierende schottische Labour Partei fühlt sich den Stimmen aus London verpflichtet. "Die Selbstbestimmung hört bei einem Einspruch Blairs schon wieder auf", meint Dave. Zwar gewann New Labour 1997 unter anderem mit dem Versprechen, Schottland eigenständig regieren zu lassen. Doch eigentlich hat die "Devolution" die Bande mit England eher verstärkt. "Die Regierung ist ein voller Erfolg", so resümiert Dave zynisch. "Ins Leben gesetzt, um politischen Aufruhr und die radikalen Forderungen nach völliger Unabhängigkeit zu unterminieren, hat es diese primäre Aufgabe perfekt erfüllt."

Wie kaum ein anderes Land pflegen die Schotten ihre dünne kulturelle Decke. Die Romane Scotts und Stevensons, die aufgeklärte Gedankenwelt Humes, die Lyrik Burns´: allesamt prägen sie das schottische Selbstverständnis stärker als die vielen Niederlagen der Vergangenheit. Die nationale Vorstellungswelt, zusammengesetzt aus Mythen und Symbolen, ist das Medium, mit dem Schottlands Vergangenheit bewertet und in die Zukunft projiziert wird, meint der Literaturwissenschaftler Cairns Craig. Die Simulation und Verfälschung seiner Geschichte nimmt zuweilen groteske Züge an.

Als jüngstes und deshalb vielleicht absurdestes Beispiel identitätsstiftender Fiktion gilt wohl Mel Gibsons Film Braveheart. Beim Casting in Edinburgh melden sich über 1.000 Schotten. Als sie jedoch hören, dass sie englische Soldaten spielen sollen, bleiben ganze vier von ihnen übrig. In den ersten Wochen nach der Premiere steigen die Umfragewerte für die SNP, die schottische Nationalpartei, drastisch.

Schottland definiert sich trotz all seiner Mythen ex negativo - in stetiger Abgrenzung zu England. Am Tag des EM-Spiels England gegen Frankreich in diesem Jahr war Royal Mile voll von Menschen in französischen Trikots. Zwar hatten sie alle einen schottischen Akzent, im Herzen aber trugen sie die Marseillaise. Verbunden ist man mit den Engländern, aber in Feindschaft. Und so soll es auch bleiben.

Doch was wären die Schotten ohne den geliebten Feind? Als sie 1996 den Stone of Scone - den gestohlenen Stein schottischer Königszeremonien, in bewusster Demütigung unter dem Königsthron in Westminster deponiert - zurückbekamen, hielt sich der Jubel in Grenzen. 700 Jahre lang hatte man Petitionen nach England geschickt, Juristen beauftragt und Finten ausgeheckt, um den Stein wieder nach Schottland zu bringen. Nun endlich liegt er in Edinburgh. Glücklich ist darüber niemand. Manche sprechen dem Stein die Authentizität ab. Andere meinen, dass man ein tatkräftiges Parlament haben wollte und stattdessen einen Stein bekam. Der eigentliche Grund für die erstaunliche Unzufriedenheit dürfte allerdings woanders zu finden sein. Der Wert des Steins lag in seiner Abwesenheit - es war der ungerechtfertigte Besitz, der für die Schotten Bedeutung trug.

An der Burg warten einige Touristen am Drehkreuz. Andere stehen an einer Brüstung und schauen ins Land. In die baumlosen Pentlands und zurück auf die Salisbury Craigs, die Felsen nahe dem Parlament. Den Skandal um die verprassten Millionen wird Schottland bald überwinden und - zumindest - ein bemerkenswertes Parlamentsgebäude haben.


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00:00 29.10.2004

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