Prinzessinnen in Weiß

Nichtfarben Eine Uraufführung von Elfriede Jelinek im Deutschen Theater in Berlin

Weiß ist die Farbe der Prinzessinnen. Doch wie Prinzessinnen sahen die zwei Frauengestalten, die vergangenen Sonntag in weißen Stoffboxen auf die Bühne des Deutschen Theaters geleitet wurden, gar nicht aus. Wer enttäuscht war, dass Sylvia Plath und Ingeborg Bachmann in sterilen weißen Abendkleidern zu einem von weißem Trassierband umspannten Boxring geleitet wurden, auseinander zu halten höchstens noch an der Haarfarbe, der konnte Elfriede Jelinek nicht kennen. Ihr neues Stück Jackie und andere Prinzessinnen, das vergangenen Sonntag in den Kammerspielen des Deutschen Theaters seine Uraufführung erlebte, ist Teil einer Serie, die die österreichische Dramatikerin mit Berliner Theaterpreis großzügig über die deutschen Stadttheater verstreut hat. Unter dem Titel Der Tod und das Mädchen nimmt die Jelinek darin Frauenfiguren von Clara Schumann bis Claudia Schiffer aufs Korn. Vor ein paar Wochen konnte man sich in Hamburg schon das erste Teilstück über Schneewittchen, Dornröschen und die Schubert-Figur Rosamunde anschauen.

Wieder hat Jelinek mit dem Zweiteiler Jackie und andere Prinzessinnen keine Hommage an verkannte Ikonen verfasst, keine Rückerhebung in den vorenthaltenen Adelsstand der ungeteilten Menschheit gefordert. Weiß ist zwar die Farbe des Opfers. Doch hatte Jelinek nicht schon im Vorfeld gelästert, ihre "Prinzessinnendramen" seien höchstens eine Parodie auf Shakespeares Königsdramen? "Prinzessinnen sind eben kein Drama wert, nicht einmal ein Dramolett" hatte sie das Berliner Haus in einer der vielen Emails wissen lassen, die die Entstehung ihres Werkes begleiteten. Dass hier keine Identifikationsfiguren aus Fleisch und Blut angeboten wurden, war also nur folgerichtig in Hans Neuenfels´ Inszenierung des Jelinekschen Bruchstücks for Berlin.

Weiß, die Nichtfarbe, ist die Farbe des unbeschriebenen Blattes Papier, der Schablone ohne individuelle Kontur. Selbst die Heroinen Inge und Sylvia agieren in dem unentrinnbaren Viereck aus Herd, Spülmaschine, Waschmaschine und Spülstein wie zwei aufgescheuchte Hausfrauen. In der Mitte steht ein Hackblock. Heuer wollen diese Schemen ein Blutsüppchen aus dem zerschnittenen Gemächt von Vater Uranos kochen. Neuenfels entmannt das drastisch gedachte Entmannungsritual zur symbolischen Trockenübung. Er lässt seine Weißpausen Almut Zilcher und Jutta Wieninger ein Wiener Würstchen zerschneiden und mit Schnittlauch bekränzen. Aber auch die Jelinek hat selten Erbarmen gezeigt mit dem Geschlecht, dem sie sich mehr verbunden fühlt als dem, auf das sie "sexuell angewiesen" ist. "Gut, dass du im Backofen bist", ruft Inge der Sylvia zu. "Keine Platte, auf der ich mich präsentieren könnte, mehr frei. Ich werde mich, glaub ich, selber anzünden müssen. Eine Uralt-Methode. Aber bewährt." Zwischen keimfreier Ironie und hohnvollem Pathos stecken da zwei Prinzessinnen in der Klemme. Kein Entkommen, nirgends.

Die Frau als Trivialfigur; als Sprache, höchstens, aber nicht als Körper. Erkennbar in Konflikt geriet Neuenfels mit diesem Jelinekschen Prinzip im zweiten Teil des Abends. Eine andere Ikone rief ihre Toten auf. Noch bevor sie als weiß gewickelter Leichnam auf einer Bahre hereingetragen wurde, war sie schon als Unsterbliche zu sehen - als riesige Plastikfolie mit der unverkennbaren Kontur aus Staatsbesuchslächeln und Handtasche. Wenn man sich nur an dieses Bild Jackie Kennedy´s klammert, ist es klar, dass die Jelinek diese lebende Inszenierung, diese scheinbare Modepuppe par excellence, als "Antipodin" sehen muss! An deren "glatt lackierter Oberfläche einer Oberfläche" sie sich einmal abarbeiten wollte. "Ich werde auf Befehl zu einer Statue. Ich entstehe aus Betonung und Betonierung", legt sie der Frau in den Mund, die mit der gleichen Energie, mit der andere an ihre Existenzsicherung denken, daran dachte, ihre unvorteilhafte Taille zu verbergen. Doch der Wink mit dem Zaunpfahl der Stereotypen ist allzu mächtig. Und lang, zu lang braucht Elisabeth Trissenaar in einem endlosen, klischeegepflasterten Monolog, um Jackies Schicksal in den Köpfen der Zuschauer aufzubauen, deren Mythos eigentlich platzen sollte. Die Trissenaar verschärft dieses Dilemma nur. Denn wie sie da klagt und winselt, mit den überlebensgroßen Plastikheroen John F. und Robert Kennedy, mit denen Bühnenbildner Karl Kneidl sie umzingelt, Schatten boxt und plötzlich verbittert schreit, da schwingt sich diese weiß gekleidete Untote fast bis an den Rand einer bemitleidenswerten Figur außerhalb des Schablonen-Lebens. Vielleicht war es doch keine so gute Idee, dass die Jelinek diesen Monolog der Trissenaar auf den Leib geschrieben hat.

"Aus uns Frauen spricht, was immer wir tun, der Tod." Zugegeben, die Welt der Jackie Kennedy ist ausgelöscht. Keiner ihrer Männer hat sie überlebt. Nicht einmal ihr Haar, klagt die bereits vom Krebs Gezeichnete, sei ihr Zuhause. Doch Jackies Zeit ist lange her. Hat mit dem Mädchen Angela nicht eine neue begonnen? Wie würde sie sich in den Jelinekschen Totenreigen fügen? So wie die Prinzessin der CDU immer virtuoser die Messer der männlichen Machttechnik wetzt, wiederholt sich darin womöglich nur die alte Ausweglosigkeit des Un-Ortes Frau - das Hauptmotiv der Dramatikerin. Trotzdem wirkt vor der Kulisse einer Zeit, in der sich die "Geschlechter"-Beziehungen vielgestaltig verfransen, Jelineks ewige Klage merkwürdig steril und abgestanden. Hans Neuenfels hatte die sinnliche Kraft ihrer Sprache entfalten wollen. Doch seine Inszenierung schwankt zwischen Trockenübung am Reißbrett und Kammerballett mit Stimme. Weiß kann die Farbe der Vollkommenheit sein. In Berlin leuchtete aber nur die Farbe der Langeweile. Manchmal trägt man sie auch auf Beerdigungen.

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00:00 29.11.2002

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