Prinzip Hoffnung

1983 Vor 30 Jahren endet in Westberlin der Versuch, durch Ost-West-Treffen von Künstlern eine Koalition der Vernunft gegen die Atomrüstung zu bilden. Die Ohnmacht ist zu groß
Prinzip Hoffnung

Foto: Jochen Moll / BPK

Der Dritte Weltkrieg stand bevor, nicht zum ersten Mal, doch Anfang der achtziger Jahre schien die Bedrohung ein bis dahin selten gekanntes Ausmaß anzunehmen. Nachdem die Sowjetunion 1976 begonnen hatte, ein modernisiertes Raketenarsenal zu dislozieren, reagierte die NATO im Dezember 1979 mit einem „Doppelbeschluss“: Es gab ein Gesprächsangebot an Moskau, zugleich aber die Ankündigung, bis 1983 eigene atomare Mittelstreckenwaffen in Westeuropa – unter anderem auf dem Territorium der Bundesrepublik – zu stationieren. Der Politik in Ost- und Westeuropa musste klar sein, dass es hier nicht mehr nur um Krieg und Frieden ging, sondern die Gefahr bestand, dass Europa zu „Euroshima“ und damit zum nuklearen Schlachtfeld werden könnte.

In dieser angespannten Lage kam es zunächst 1981 zu zwei denkwürdigen deutsch-deutschen Begegnungen. Die erste fand auf höchster politischer Ebene statt und sei hier nur kurz erwähnt: Am 11. Dezember reiste Helmut Schmidt in die DDR, um sich im märkischen Jagdschloss Hubertusstock mit SED-Generalsekretär Erich Honecker auszutauschen. Noch bevor der damalige Bundeskanzler wieder abreiste, war am 13. Dezember ein zweites Treffen eröffnet worden. Fast 100 Schriftsteller und Wissenschaftler aus Ost und West kamen in der Ostberliner Akademie der Künste zur Ersten Berliner Begegnung zusammen. Der Dichter Stephan Hermlin, während der NS-Diktatur im Widerstand und französischen Exil, hatte geladen und musste dabei natürlich Kompromisse eingehen. In der DDR als staatstreu geltende Literaten wie Dieter Noll oder Hermann Kant saßen neben realpolitisch Enttäuschten wie Franz Fühmann oder Heiner Müller; der hochdekorierte Atomwissenschaftler und SED-Politiker Klaus Fuchs neben dem österreichischen Zukunftsforscher Robert Jungk; das Mitglied des SED-Zentralkomitees, Alexander Abusch, neben den aus der DDR in den Westen übergesiedelten Autoren Jurek Becker und Thomas Brasch. Selbst der aus DDR-Sicht notorische Störenfried Günter Grass, im Osten eigentlich Persona non grata, durfte eigens für die Berliner Begegnung einreisen.

Eine kleine Sensation

Schon dieses spektakuläre Arrangement erregte Aufsehen. Der Spiegel vermutete prompt „übergeordnete Interessen“ der DDR. Tatsächlich hatte die SED-Führung viel versucht, die Veranstaltung in ihrem Sinne zu beeinflussen, die treuen Kader sorgsam angeleitet und die Staatssicherheit als Beobachter postiert. Ungeachtet dessen waren der Verlauf der Begegnung und die gepflegten Umgangsformen eine kleine Sensation – und das nicht nur, weil Abtrünnige und Ausgereiste in der DDR plötzlich wie Staatsgäste behandelt wurden. Was besonders auffiel – die bekannten Floskeln aus dem politischen Diskurs wurden immer wieder durch ungewohnte, oft unerhörte Sätze neutralisiert. So rügte Robert Jungk in seinem Eingangsreferat, dass Polens Generalität gerade das Kriegsrecht ausgerufen und die führenden Köpfe der Solidarność verhaftet hatte. Günter Grass stellte die Geschehnisse in Warschau neben den durch die USA alimentierten Contra-Krieg gegen das sandinistische Nicaragua und verglich den Einmarsch der Sowjets in Afghanistan mit der US-Intervention in Vietnam.

Der DDR-Schriftsteller Günter de Bruyn beanstandete die Schizophrenie der Friedenspolitik seiner Regierung, die um eine europäische Koalition gegen die Hochrüstung bemüht sei, aber das Bündnisangebot junger Christen im eigenen Land ablehne, die sich unter dem Motto Schwerter zu Pflugscharen gesammelt hätten. Sein Kollege Rolf Schneider kritisierte die DDR-Medienzensur bei der Berichterstattung über die Friedensbewegungen und das „Wettrüsten im Geist“. Und Christa Wolf nannte die Hochrüstung im einzigen „weiblichen Redebeitrag“ schließlich eine „Männerangelegenheit“.

Wie die Tabus fielen, das erinnerte an einen Domino-Effekt. Vor allem ein Umstand war dabei für den Spiegel beispiellos: „Zum ersten Mal in der Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik übten ostdeutsche Bürger offen und öffentlich Kritik an ihrem Staat und ihrer Staatspartei – mit Duldung der SED.“ Und das war nicht alles: Weil das westdeutsche Fernsehen ungehindert von der Berliner Begegnung berichten durfte, flimmerte die Kritik auch in ostdeutsche Wohnzimmer, in denen die Tagesschau der DDR-Nachrichtensendung Aktuelle Kamera vorgezogen wurde. Doch weil Erich Honecker die Veranstaltung persönlich abgesegnet hatte, wurde nur verhaltene Kritik laut. Niemand wollte das Sakrileg begehen, Entscheidungen der Führung in Zweifel zu ziehen. Nicht zuletzt Honeckers Freundschaft mit Stephan Hermlin hatte diesem Treffen den Weg geebnet und Namen auf die Einladungsliste gebracht, mit denen kaum zu rechnen war.

Stationiert wird trotzdem

Hermlin hatte auch den einflussreichen Präsidenten der Akademie der Künste, den Filmregisseur Konrad Wolf, für sein Vorhaben begeistern können. Das Schriftstellertreffen in Ostberlin war damit offiziell legitimiert – die von der DDR geforderte Koalition der Vernunft gegen militärisches Säbelrasseln schien als Plattform von Intellektuellen in Ost und West greifbar zu sein. Benito Wogatzki, in der DDR als Hörspiel- und Fernsehautor bekannt, brachte gegen Ende des Treffens die Überraschung aller auf den Punkt: „Fast möchte ich jetzt vor Schluss rufen wollen – es geht! Es geht! Ohne Illusionen zu haben.“

Zwar war die Berliner Begegnung Ende 1981 der frühe Höhepunkt einer ganzen Reihe von Schriftstellertreffen, doch mussten die Protagonisten, die eigentlich als wortgewaltige Führer einer systemübergreifenden Friedensbewegung wirken wollten, bald ihre Ohnmacht eingestehen: Trotz aller Proteste begann die NATO 1983, ihre Pershing-II-Raketen und Marschflugkörper in Westeuropa zu stationieren, worauf die UdSSR mit Kurzstreckenwaffen in der DDR antwortete.

Zuvor schon waren Schriftsteller aus Ost und West zuweilen in alte Muster verfallen und hatten sich auf ihren Treffen in ideologische Scharmützel verstrickt. Letztlich war trotz der West-Ost-Foren 1982 in Den Haag, Sofia und auf der Interlit in Köln keine Intellektuellenfront gegen das Wettrüsten zustande gekommen. Dieses Misslingen wurde denn auch zum bestimmenden Eindruck der Zweiten Berliner Begegnung, die im April 1983 in Westberlin stattfand und als „deutsch-deutsches Länderspiel“ mit vielen verbalen Fouls endete. Das Prinzip Hoffnung, das noch Ende 1981 geherrscht hatte, war wieder beidseitiger Ratlosigkeit gewichen. Schon im Vorfeld war der vermeintliche „Friedensfürst“ Stephan Hermlin in der Welt als „Denunziant, Einpeitscher und Alt-Stalinist“ geschmäht worden, während Hermann Kant zum „Oberstleutnant des Ministeriums für Staatssicherheit“ erklärt wurde. Der Präsident des DDR-Schriftstellerverbands empfand solche Verleumdungen als Bestätigung dafür, auf der richtigen Seite zu stehen. Es bleibe für ihn – so verkündete Kant kurz nach der Berliner Begegnung von 1983 auf dem IX. DDR-Schriftstellerkongress – ein schmückendes Kompliment, wenn „unsereins mit schöner Verlässlichkeit in westlichen Zeitungsberichten mit dem Epitheton linientreu bedacht wird“.

Zu diesem Zeitpunkt war die Erste Berliner Begegnung aus dem offiziellen Gedächtnis des SED-Staates bereits weitgehend verschwunden. Nur das Schlagwort blieb abrufbar, abgespeichert irgendwo unter den zahlreichen Friedensinitiativen der DDR. Die Marginalisierung des Geschehens hatte sich schon beim Umgang mit dem Protokollband angekündigt: Nach langem Hin und Her wurden gerade einmal 500 Exemplare von der Akademie selbst gedruckt und kamen überwiegend den eigenen Mitgliedern zugute. Für die breite Öffentlichkeit schien die Nachbereitung dieser intellektuellen Tafelrunde nicht über Gebühr wünschenswert.

Konstantin Ulmer schrieb auf dieser Seite zuletzt über den Roman von Régis Debray Der Einzelgänger

AUSGABE

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 9/13 vom 28.02.20013

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09:00 06.03.2013

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