Privat Broder

KOLUMNE Bilder, die uns sprachlos machen, müssen von der Presse beschrieben werden. Weil Feuilletonisten zu allem eine Meinung haben, erklären sie auch ...

Bilder, die uns sprachlos machen, müssen von der Presse beschrieben werden. Weil Feuilletonisten zu allem eine Meinung haben, erklären sie auch Dinge, die keiner wissen will. Henryk M. Broders Meinung über die Welt und was sie im Äußersten zusammenhält, war stets lesenswert und originell. Ich schätzte ihn als würdigen, wenn auch zu aufgeregten, rechten und selbstgerechten Schüler von Tucholsky, Kerr und Kraus. Nun hat der polyglotte Autor sich im Spiegel und Tagesspiegel als Propapandist der psychologischen Kriegsführung verschrieben und darf hoffen, in den Klub der "Bilderberger" aufgenommen zu werden. Glückliches Amerika. Es kann in dieser schweren Stunde wenigstens auf einen Verbündeten in Deutschland zählen - Heinrich, den Brodler. Alle anderen sind feige oder hochfahrend, weil ihnen vor George Bushs geistigen Tiefflügen graust.

Vielleicht meldet sich Privat Broder freiwillig an die Front, um an der Seite von Mickey Mouse, Barbie und Superman die Welt vom Bösen zu säubern. Wir verspätete Friedensengel und Toleranzbestien wollen lieber nach Auschwitz pilgern und in El Alamein Urlaub machen, statt ein neues Andorra zu schaffen. Wir germanischen Volksschüler sind die Sitzenbleiber der Geschichte. Primus Broder möchte als Klassensprecher gern auf der Siegerseite sein und ist sauer, dass es kein Langemarck-Gefühl mehr gibt bei der Jugend. War man nicht mehr stolz, Deutscher zu sein, so muss man sich - dank Bruder Henry - jetzt schämen. Er meint, wer eine kritische Meinung zu US-Außenpolitik und -handel hat, was ja dasselbe ist, der ist Anti-Amerikaner. Und Antisemit, wer einen Nachbar namens Ali hat, aber keine Ahnung, wie man Rosh-Hashana ausspricht.

Wir sind die Unverbesserlichen. Wir verdienen Lea Roshs mütterlichen Mahnwahn und Michel Friedmans eitle One-Man-Show. Broder kann ihn nicht leiden, weil M. F. keine Gewichtsprobleme hat und auf der Straße erkannt wird. Aus Angst, links liegengelassen zu werden, haut Broder auf seine liberale Leserschaft ein und tritt aufrechten Demokraten vors Schienbein. Bei einem der legendären Kochmassaker in "Motteks" Jerusalemer Gerüchteküche, wo ich zugegen war, schimpfte Broder auf die Juden, die zu blöd seien, aus den Arabern gefillten Fisch zu machen. Das werden die Amerikaner auch ohne unsere Hilfe tun und ohne den Hals zu riskieren. Weil der nächste Bush-Krieg der letzte sein könnte, wenn Moslems gegen Moslems marschieren und jeder gegen jeden. Da bin ich lieber Opfer als Täter. Anti-amerikanisch und feige darf sein, wer einmal in New York zuhause war. Die meisten Deutschen waren das nie. Ich schon. Feigheit vor dem Feind ist dort eine Überlebensstrategie, die auf Toleranz zwischen Rassen und Religionen zielt, während in meinem Jerusalemer Zuhause die Parole "Auge um Auge" nur auf tödlichen Hass schielt.

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00:00 28.09.2001

Ausgabe 41/2021

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