Pro: Noch haben wir Zeit

Pro Nicholson Bakers Ehrenrettung des Pazifismus in "Menschenrauch" mag gewagt sein. Sie fordert aber zum Nachdenken über Alternativen zum Krieg auf

Nicholson Baker ist ein amerikanischer Romancier, der bisher sieben Romane veröffentlicht hat. Sein letztes Buch trägt den Titel Menschenrauch. Wie der Zweite Weltkrieg begann und die Zivilisation endete. Es handelt sich um eine Montage von rund 1.000 Zitaten aus der Zeit zwischen 1892 und 1941. Das erste Wort hat die Pazifistin Bertha von Suttner (1843-1914), die 1892 forderte: „Die Waffen nieder“. Ihr Freund, der Dynamitfabrikant Alfred Nobel (1833-1896), antwortete ihr optimistisch: „Meine Fabriken werden vielleicht dem Krieg noch früher ein Ende machen als Ihre Kongresse.“ Er vertraute darauf, dass Armeen verschwänden, wenn sie sich - dank Dynamit - gegenseitig in Sekundenschnelle vernichten könnten. Das letzte Wort spricht am 31.12.1941 der jüdische Autor Mihail Sebastian in Bukarest: “Immerhin, wir sind am Leben. Wir können noch warten. Noch ist Zeit, noch haben wir Zeit.“

Baker ist kein Historiker, aber Pazifist. Und von der politischen Vernünftigkeit des Pazifismus und der Unvernunft von Politikern und Militärs handelt das Buch. Der Autor widmet es amerikanischen und britischen Pazifisten mit dem Satz: „Sie sind gescheitert, aber sie hatten recht.“ Dass das Buch 1941 endet, hat gute historische Gründe. Erstens lebten von den über 60 Millionen Menschen, die zwischen 1929 und 1945 starben, die meisten noch. Zweitens wurde der Krieg erst im Dezember 1941 - mit dem Eintritt Japans und der USA in den Krieg - zum Weltkrieg im strikten Sinne. Und drittens begann die systematische Vernichtung von Menschen in eigens dafür eingerichteten Todesfabriken erst danach.

Die These, die Baker mit seiner Collage stark machen will, umschrieb er in einem Interview mit dem Satz: „Man kann die Menschen nicht zum Guten bombardieren.“ Genau darauf beruhte jedoch die militärische und politische Doktrin der angelsächsischen Alliierten. Eine zentrale Rolle spielte dabei Winston Churchill. Er war schon 1920 als Kriegs- und Luftfahrtsminister nicht nur für „Gasbombenversuche“, sondern billigte „ausdrücklich den Einsatz von Giftgas gegen unzivilisierte Volksstämme“ im Irak, bei denen 8450 Iraker umkamen.

Bei Kriegsbeginn 1939 appellierte der US-Präsident Franklin Delano Roosevelt an alle Staaten „die gewissenlosen Bombardements auf zivile Ziele“ einzustellen und „unter keinen Umständen die Zivilbevölkerung … aus der Luft zu bombardieren.“ Der Appell geriet schnell in Vergessenheit. Görings Luftwaffe bombardierte im November 1940 Coventry, nachdem britische Flugzeuge schon im Mai das Ruhrgebiet angegriffen hatten. Churchill setzte sich durch mit der Ansicht, dass es „nur eins gibt, um Hitler zurückzuholen und auszuschalten, und zwar ein absolut verheerender, vernichtender Schlag durch schwere Bomber aus diesem Land gegen die Heimat der Nazis“.

Krieg aus der Luft

Es ist umstritten, wie ernst Hitlers Friedensangebote im Sommer 1940 - nach den Siegen über Frankreich, Holland, Belgien, Dänemark und Norwegen - gemeint waren. Unbestritten ist, dass England die humanitäre Hilfe für Europa und die Evakuierung von jüdischen Flüchtlingen ablehnte und mit der Fortführung des Luftkrieges Hitler provozieren und Roosevelt in den Krieg hineinziehen wollte. Charles Portal, der Chef der Royal Air Force, plädierte für den Krieg aus der Luft, „und sei es nur wegen der Wirkung auf die eroberten Völker, die das sehr ermutigen würde.

Das „moral bombing“ entmutigte weder die deutsche Bevölkerung, noch ermutigte es Franzosen, Belgier oder Holländer. Obwohl nur ein Prozent der Bomben militärische Ziele traf und die Moral der Deutschen keineswegs gebrochen wurde, verlangten die britischen Militärs „mehr Bomben.“ Und die deutschen antworteten mit „noch mehr Bomben“. Dank der Hilfe aus den USA saßen die Alliierten am längeren Hebel.

Die deutsche und die alliierte Führung folgten militärischen Strategien, die der Logik der Eskalation gehorchten - einer Eskalation bis zur Entzivilisierung. Die Beteiligten kannten die Schwächen der Strategie. General Raymond E. Lee, amerikanischer Luftwaffenattaché in London, gab am 26. August 1941 zu Protokoll: „1 Bomber tötet im Durchschnitt 0,75 Zivilisten und verwundet 1,25“, woraus folgt, dass Deutschland mit einem Luftkrieg niemals zu bezwingen sei.

Hypothetische Fragen im Stil von, was wäre geschehen, wenn Churchill auf Hitlers Friedensangebote eingegangen wäre, verbieten sich in seriösen historischen Analysen. Denn Geschichte lässt sich nicht durchspielen wie ein Experiment im Labor. Auch die pazifistischen Einwände gegen die Scheinlogik der permanenten Gewalteskalation können die Geschichte nicht rückgängig machen.

Aber pazifistische Argumente weisen darauf hin, dass Geschichte nicht ehernen Notwendigkeiten folgt und dass jederzeit auch Handlungsalternativen bestanden haben. Welche reellen Chancen solche Alternativen zu bestimmten Zeitpunkten hatten, ist historisch-kritischen Analysen und politisch-moralischen Erwägungen zugänglich. Genau dazu fordert Bakers Buch heraus. Dass solches Nachdenken nach wie vor nötig ist, belegen die Kriege in Afghanistan wie im Irak.


Nicholson Baker, Aus dem Englischen von Sabine Hedinger und Christiane Bergfeld. Rowolth Verlag, Hamburg 2009, 639 S., 24.90

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11:15 01.09.2009

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