Probleme mit dem Übersinnlichen

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Der ZDF-Reporter reagiert ausgesprochen sauer, so ginge das alles schließlich nicht. Da war sein Gegenüber, als es noch für Deutschland startete, zwar leistungsmäßig immer recht weit vorn gewesen, aber gerade hatte es plötzlich schon beim zweiten Rennen der Saison gesiegt und daher auf einmal sogar reelle Chancen, den Gesamt-Weltcup zu gewinnen. Und nun stand dieser Sportler da und verweigerte auch noch ein Interview, jedenfalls ein auf deutsch geführtes. Kurz zuvor hatte er bei seinem Zieleinlauf demonstrativ die spanische Flagge geschwenkt und König Juan Carlos den Sieg gewidmet, aber eigentlich, das wusste der Reporter ganz genau, war der Mann doch mal Deutscher, ja mehr noch, ein für Deutschland startender Skilangläufer, gewesen. Und deswegen versuchte der Reporter im folgenden, notgedrungen auf spanisch geführten Interview, denn auch nach Kräften, den Sportler dumm aussehen zu lassen. Er sprach vom Spanier in deutlich hörbaren Anführungszeichen, kramte alte Vorfälle hervor und machte sich ziemlich unverhohlen über seinen Gesprächspartner lustig.

Mit Johann Mühlegg kann man sowas, nach alter Sportreporter-Traditon, auf jeden Fall machen. Der Mann aus dem bayerischen Grainau gilt schließlich seit einigen Jahren als Witzfigur, er hat Unverzeihliches getan. Zwar dürfen Sportler ungestraft allerhand: Unsinn erzählen, sich dopen, lügen, die Konkurrenz beleidigen, für blöde Produkte werben und Kollegen des wasauchimmers bezichtigen - bloß an die übersinnlichen Kräfte einer spanischen Putzfrau glauben ist ihnen absolut verboten.

Und deswegen hatte Johann Mühlegg sehr schnell ein ziemlich großes Problem bekommen. Während sich die meisten Medien noch darüber mokierten, dass die angebliche Heilerin weder im Besitz eines ordnungsgemäßen Abiturs noch eines deutschen Passes war, tat der Deutsche Skiverband sicherheitshalber erst einmal gar nichts. Niemand war da, der Mühlegg zur Seite stand, als er begann, sich zum Gaudi des Publikums mit obskuren Anschuldigungen um seinen Stammplatz im deutschen A-Kader und die damit verbundene finanzielle Absicherung zu reden, niemand war da, der erkannte, dass der Athlet Mühlegg eventuell psychologischer Hilfe bedurfte und erst recht kam niemand auf die Idee, dass der Druck, der auf Sportlern mittlerweile lastet, manchmal zu seltsamen Anschauungen führt und deshalb vielleicht intensive Gespräche helfen könnten. Denn der Sportler hatte halt zu funktionieren und damit basta.

Johann Mühlegg wurde nach dem Bekannt werden seines Glaubens und den von ihm geäußerten seltsamen Anschuldigungen gegen Teammitglieder, die ihn angeblich spiritistisch verfolgten, zunächst aus dem A-Kader ausgeschlossen. Besorgte Eltern hatten dies vom Verband ausdrücklich verlangt. Aber als es bei der Olympiade 1998 um Medaillen ging, wurde der Grainauer plötzlich wieder offiziell ins Team integriert, ganz so, als sei vorher nichts gewesen. Seiner Forderung, in der Staffel auf keinen Fall direkten Kontakt zum Spiritismus-verdächtigen Läufer Jochen Behle haben zu müssen, wird entsprochen und die Anwesenheit der spanischen Putzfrau ist nun auch kein Problem mehr. Trotzdem gibt es keinen Platz auf dem Siegerpodest für die deutsche Staffel: Startläufer Behle hatte als zehnter gewechselt. Johann Mühlegg war dagegen der zweitschnellste Lauf des Rennens gelungen, aber zusammengenommen hatte das nur für den vierten Platz gereicht.

"Jetzt überholen uns sogar die Japaner, das ist schon frustrierend" hatte Mühlegg nach dem Wettbewerb sinngemäß gesagt, und mangels berichtenswerter Geschichten kamen da die ersten Reporter mal wieder auf die Idee, nach der angeblichen Geisteraffäre zu fragen. Und schwupps, lieferte ihnen Mühlegg das Gewünschte, benannte Bundestrainer Zipfel und Sportler Behle als Menschen, die ihn verhexten, und Sendeanstalten und Zeitungen hatten wieder ihre lustigen Geschichtchen.

Am Ende stand die Freigabe des Langläufers Mühlegg, und seither startet er für Spanien. Erfolgreich. Und er redet spanisch. Da kann sich das ZDF noch so ärgern.

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00:00 11.02.2000

Ausgabe 41/2021

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