Profit, aber öko

BNW Unternehmensgrün, der Lobbyverband für einen grünen Kapitalismus, wird bald 30 Jahre alt – und ist der Macht näher als zuvor
Profit, aber öko
Börsenspekulanten fehlen noch im Rund der Mitglieder des Bundesverbands Nachhaltige Wirtschaft

Foto: Arne Dedert/dpa

Willkommen im Klub: Beim Grünen-Bundesparteitag im Juni hielt Ex-Siemens-Chef Joe Kaeser ein flammendes Plädoyer für eine „öko-soziale Marktwirtschaft“. Nach Kaesers Rede mag mancher grüne Unternehmer sich gedacht haben: Endlich begreift ihr es! Wir waren doch schon vor fast 30 Jahren so weit. So alt ist nämlich Unternehmensgrün, ein Verband von Unternehmern, die sich einer „ökologischen Wirtschaft“ verbunden fühlen. Unternehmensgrün, das ist so was wie eine Lobby für einen grünen Kapitalismus.

Sie waren Pioniere, damals. Exoten in den Augen der Konkurrenz, jene 17 Unternehmer, die sich im Juli 1992 in Stuttgart zu einem neuen Verband zusammenschlossen. Die Absicht: „Klare Signale in Richtung ökologisches Wirtschaften setzen“. Das Ziel ist geblieben, die Bedeutung der Organisation gewachsen. Erst vor wenigen Monaten wurde aus Unternehmensgrün der Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft (BNW). BNW, das klingt nach Hauptstadt und Einfluss, das klingt fast schon nach BDI. Und das zu Recht: Der BNW hat heute 450 Mitglieder, die für rund 80.000 Arbeitsplätze stehen. Dazu gehört nun mal auch eine Adresse in Berlin-Mitte, natürlich fußläufig zu Kanzleramt und Reichstag.

Unter den Mitgliedern findet sich alle möglichen Aushängeschilder des heimischen nachhaltigen Mittelstands: Von Vaude bis Vaillant, vom Kosmetikhersteller Weleda bis zur GLS-Bank, Naturstrom, Hipp, Einhorn, Primavera oder der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall. Dazu Verlage, aber auch Energieerzeuger, Rechtsanwälte, Versicherungen, Stiftungen oder Vereine. Alle verbindet, dass es ihnen darum geht, ökologisch zu wirtschaften. Und damit profitabel zu sein.

Warme Worte, harte Fakten

Von Anfang an standen die grünen Unternehmer zu ihren Gewinninteressen: der Druckereibesitzer etwa, der Bankvorstand, der Brauer oder der Fahrschulbetreiber. Aber sie legten trotzdem Wert darauf, dass warmen Worten harte Fakten folgten. Die ersten Forderungen: eine ökologische Steuerreform auf Kosten von umweltbelastenden Betrieben, eine Umstellung der Fördersystematik und ein Umdenken bei der Mobilität, die damals noch Verkehr hieß. Zur Minimierung der Verkehrsbelastung, verlangte eines der frühen Eckpunktepapiere, „sind die Güterverkehrskosten, die durch die rollenden Lager per Lkw-Transporte entstehen, auf die Betriebe umzulegen“.

Die Unternehmensgrünen stellten aber auch – wie andere Lobbys – weitreichende gesellschaftspolitische Forderungen auf: eine Neustrukturierung sozialer Sicherungssysteme zum Beispiel, zum Zweck der Entschärfung gesellschaftlicher Verteilungskämpfe. Andere Themen bringt man gar nicht mehr mit dem BNW in Verbindung, weil sie sich so durchschlagend durchgesetzt haben: Mülltrennung etwa, Flaschenpfand oder die Öffnung des Energiemarkts für Kleinerzeuger und Genossenschaften.

Im Gründungsjahr mahnte Rolf Bach, Druckereiinhaber und erster Vorstandsvorsitzender, es dürfe nicht mehr nur diskutiert, sondern es müsse gehandelt werden, „weil es sonst bald zu spät ist und Verbote drohen“. Als Strategie gab er aus: „So lange gegen den Strom zu schwimmen, bis der die Richtung ändert“.

Die Frage wäre: Ist es denn nun endlich so weit? Dass der Strom die Richtung ändert? Rolf Bach beklagte auf einer der ersten Pressekonferenzen, dass viel zu viele, Unternehmer wie Politiker, „fälschlicherweise in einer Ökologisierung der Wirtschaft nur unzeitgemäße Belastungen sehen“. Und nicht Investitionen in die Zukunft. „Wir sind keine Öko-Heiligen“, sagte ein Freiburger Vorstandsmitglied damals, „aber wir haben erkannt, dass unsere Form des Wirtschaftens, die die Naturressourcen einfach verplempert, nicht zukunftsfähig ist“. Auch Unternehmensgrüne wollten zwar „ein gutes Geschäft machen“, aber im Bewusstsein der Losung „Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt“. Nun könnte man sagen: Die Ergrünung des Kapitalismus steht endlich unausweichlich auf der Tagesordnung. Nun wird sich aber auch zeigen, ob sich damit tatsächlich die Umwelt schonen oder gar retten lässt. Oder eher bloß der Kapitalismus sich sein Überleben sichert, indem er sich wandelt und vergrünt.

Wer weiß, jedenfalls ist es wahrscheinlich, dass die grüne Partei in Zukunft mehr mitzureden hat, als es in den letzten Jahren der Fall war. Mit ihr sind die grünen Unternehmer seit 29 Jahren naturgemäß verflochten, aber nicht deckungsgleich. Der Brauereibesitzer ist in der Kommunalpolitik aktiv, der Bankvorstand aus Oberschwaben war Abgeordneter im Landtag. Gegenwärtig sitzt die baden-württembergische Landtagspräsidentin Muhterem Aras im BNW-Vorstand.

Die 55-Jährige mit kurdischen Wurzeln und einem Steuerberatungsbüro in Stuttgart plädiert unter anderem auch für einen anderen Umgang mit öffentlichen Geldern, was von der grün-schwarzen Landesregierung unter dem Langzeit-Realo Winfried Kretschmann auch umgesetzt wurde: Das Sondervermögen zur Finanzierung von Beamtenpensionen wird nicht mehr in der Rüstungs-, der Spirituosen- oder der Tabakindustrie angelegt werden, ebenso wenig in Unternehmen, die gegen Menschenrechte verstoßen oder von Kinderarbeit profitieren. Trotzdem schreibt der Bankvorstand manchmal Briefe an Winfried Kretschmann und mahnt mehr umweltpolitisches Engagement an. „Die sollen mal ihren Arsch hochkriegen und was bewegen“, sagt er in einem Interview zum 40. Geburtstag der Partei.

Ein weiterer der Gründer ist der Brauer, oder besser: Brauereibesitzer, der mit der Geschichte von Unternehmensgrün eng verbunden ist: Gottfried Härle. Gerade erst wurde er nach 27 Jahren Vorstandsarbeit verabschiedet. Zunächst hatte Härle den Familienbetrieb in vierter Generation umgestellt. 1998 wurden der Fuhrpark und die damals zwölf Biertransporter sowie vier Pkw mit Raps- und Sonnenblumenöl aus heimischer Produktion betankt. „Statt Putin und Ölscheichs“ lasse er Allgäuer Bauern profitieren, seit nicht mit Öl, sondern mit Holzhackschnitzeln geheizt wird, in der Brauerei, in Nebengebäuden und im Gasthof. Schon seit 2009 wird Härles Bier klimaneutral produziert. Interessant ist auch die Übergaberegelung für seine Brauerei. Das Unternehmen wird nicht verkauft, sondern von einer Nachbarin weitergeführt, die der Familie seit Kindertagen verbunden ist. Patchworkfamilienunternehmensnachfolge, das wäre vielleicht auch etwas für die neoliberale Lobbyorganisation Stiftung Familienunternehmen?

Steter Tropfen höhlt die CDU

Der mehrfach ausgezeichnete Öko-Brauer Härle sieht sich als Unternehmer in der „besonderen Verantwortung für den Schutz unserer Umwelt“. Das betrifft nicht nur die Natur. Härle hat auch die Initiative „Bleiberecht durch Arbeit“ ins Leben gerufen. Wer mitmacht, geht weitreichende Verpflichtungen ein. Inzwischen beschäftigen die Mitglieder rund 2.000 Geflüchtete, viele ohne gesicherten Bleibestatus. Sie werden aus- oder weitergebildet, bei Behördenangelegenheiten und Alltagsproblemen unterstützt und erhalten gleichen Lohn für gleiche Arbeit.

In Briefen und persönlichen Gesprächen, unter anderem mit dem CDU-Bundes-Vize, Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl, warben die Mitglieder der Initiative für neue gesetzliche Regelungen. Steter Tropfen höhlt auch hier den Stein: Nach dem für die CDU desaströsen Wahlergebnis in Baden-Württemberg im vergangenen März konnten die Grünen im neu aufgelegten Koalitionsvertrag weitreichende Zugeständnisse durchsetzen: „Das Land wird künftig alle Möglichkeiten nutzen, um gut integrierten, geduldeten Flüchtlingen ein Bleiberecht zu ermöglichen.“ Geduldete würden „aktiv über bestehende Optionen informiert – und zwar bevor eine Abschiebung droht“.

Mit dem Einsatz für Geflüchtete als Arbeitskräfte steht der BNW unter den Wirtschaftslobbyverbänden nicht alleine da; bei der Auseinandersetzung um das im Juni endlich verabschiedete Lieferkettengesetz sieht es indes anders aus. Während CSU-Entwicklungsminister Gerd Müller den geballten Widerstand der Lobbyisten zu spüren bekam, wusste er den BNW an seiner Seite. Etwa in der Frage der von den Gegnern so wortreich beklagten Mehrkosten: Dabei hatte eine von der EU-Kommission in Auftrag gegebene Studie bereits belegt, dass die Mehrkosten für große Unternehmen bei durchschnittlich 0,005 Prozent der Gewinne liegen.

Oft in der Geschichte von Unternehmensgrün war ein Teilerfolg der erste Schritt. „Zwar konnten sich die herkömmlichen Industrie- und Wirtschaftslobbyverbände mit ihren Forderungen zur Abschwächung des Lieferkettengesetzes teilweise durchsetzen“, sagt die BNW-Geschäftsführerin Katharina Reuter. Trotzdem sei das Gesetz wichtig auf dem Weg zu mehr sozialer und ökologischer Verantwortung.

Reuter rechnet die Verabschiedung des Lieferkettengesetzes als Erfolg, genau wie die Gründung der Entrepreneurs For Future, denen sich inzwischen über 5.000 Unternehmen angeschlossen haben. EFF rechnet vor, die unterstützenden Firmen zählten mehr als 300.000 Arbeitsplätze und mehr als 42 Milliarden Umsatz.

Der Verband wirbt damit, dass „Ökologie, Soziales und Wirtschaft zusammengehören“, er klingt, so wie seit Neuestem auch Joe Kaeser klingt. Und wie die Gründer von Unternehmensgrün vor 29 Jahren, als sie versprachen, „sich für eine konsequente Verwirklichung ökologischer Konzepte und Strategien in Wirtschaft und Gesellschaft einzusetzen“. Die Zeit für Letztere scheint unausweichlich gekommen; die Pioniere von einst könnten einiges davon erzählen.

Johanna Henkel-Waidhofer lebt in Stuttgart und ist Korrespondentin für Landespolitik für verschiedene Tageszeitungen

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