Prominenz auf Abwegen

Rolf Hochhuth in der "Jungen Freiheit" Kollektivschuldthesen und Opfermythen

Eigentlich ist Rolf Hochhuth ein Fall von Selbsterledigung. Wer den rechtsradikalen britischen Historiker David Irving als "fabelhaften Pionier der Zeitgeschichte" bezeichnet, riskiert seine politische Zurechnungsfähigkeit. Wer dem hinterherschiebt, seit Irvings Dresden-Buch (1963) nichts mehr von ihm und über ihn gelesen zu haben und sich dann noch damit herausredet, nicht zu wissen, was für ein Blatt die Junge Freiheit sei, weil er keine Zeitung abonniert habe, verschiebt sich ins Abseits der Ignoranten.

Zwei andere Aspekte des Falls sind jedoch wichtiger als der subalterne Dramatiker. Der rechten Postille Junge Freiheit gelingt es immer wieder, prominente Personen zu interviewen und vor ihren Karren spannen. Allein die Auftritte von Prominenten verschaffen dem deutsch-nationalen Blatt eine Reputation, die es nicht verdient. Die Fragen der Redakteure folgen stets den gleichen Interessen: der Rehabilitierung von "Nationalstolz", der Beschwörung "nationaler Vernunft" und dem angeblich "gestörten Verhältnis der Deutschen zur Nation".

Der zweite bemerkenswerte Aspekt am Fall Hochhuth ist dessen Bekenntnis "Ich bin ein absoluter Anhänger der Kollektivschuldthese". Auch damit blamiert sich der Hobbyhistoriker, aber im Kontext der aktuellen Debatten gewinnt das Bekenntnis an Brisanz. Die These gehört zum Normalisierungsgeschäft, wie die Rede von der "Dauerpräsentation unserer Schande" (Martin Walser), wie die steuerfinanzierte Dauerpropaganda der Vertriebenenverbände, die Reduktion der militärischen Befreiung des Landes durch die sowjetische Armee auf eine Vergewaltigungsorgie, die unsägliche Rede des CDU-Politikers Martin Hohmann oder das Kitschbuch Der Brand von Jörg Friedrich. In allen diesen Unternehmungen geht es um die Privatisierung des Erinnerns und die Beschwörung eines deutschen Opfermythos.

Die Kehrseite dieser Medaille ist die Kollektivschuldthese. Im Kern ist sie absurd. Die Entscheidungen für Verbrechen wie deren Ausführung liegen nicht bei Großkollektiven, sondern bei benennbaren Personen aus Politik, Justiz, Verwaltung, Militär und Wirtschaft. Mit der These von der Kollektivschuld soll das, was der verlogene Normalisierungsdiskurs über deutsche Opfer noch nicht aufgebauscht hat, kleingerechnet werden. Wenn man die Schuld an und die Verantwortung für Verbrechen von den Tätern auf das ganze Volk abwälzt, werden die Schuldportionen zunächst handlicher und leichter verdaulich - dann getilgt und vergessen.

Das verdienstvolle Buch des Historikers Götz Aly (Hitlers Volksstaat) strickt ungewollt ebenfalls an der Kollektivschuldlegende. Aly zeigt zunächst in bisher nicht gekannter Klarheit, wie das Zusammenspiel von Politik, Verwaltung, Reichsbank und Wehrmacht bei der Kriegsfinanzierung funktionierte. Um die gesamten Wehrmachtskosten in einem besetzten Gebiet eben diesem aufzubürden, tüftelten Reichsbankbeamte ein Verfahren aus: Die Wehrmacht "bezahlte" nicht mit Devisen, sondern mit ungedeckten "Reichskreditkassenscheinen". Ein französischer Lebensmittellieferant konnte diese Scheine bei der französischen Staatsbank gegen echte Francs tauschen und war zufrieden. Alles sah aus wie ein normales Geschäft mit einem kleinen Umweg über die Staatsbank. Faktisch bezahlte jedoch - über die Staatsbank - der französische Steuerzahler.

Auch den Sold der deutschen Soldaten beglich die französische Staatsbank und entwertete obendrein den Franc, weil dafür die Notenpresse angeworfen wurde. Weder der französische Lebensmittellieferant noch der deutsche Soldat konnten das System durchschauen. Faktisch profitierte davon jeder deutsche Soldat, der in Paris etwas kaufte, was in Hitlers Reich längst rationiert oder nicht mehr erhältlich war, und nach Hause schickte. Das kann massenhaft vor, nicht zuletzt, weil die Naziführung dazu aufrief. Auch mit den Erlösen aus geraubtem jüdischem Besitz wurde die Besatzung finanziert.

Aly unterscheidet allerdings nicht hinreichend genau zwischen der Verantwortung jener, die das Raubsystem europaweit durchsetzten und jenen, die an der Front oder zu Hause unbewusst davon profitierten. Statt einer klaren Verantwortungskette konstruiert er einen moralisch intonierten Kausalzusammenhang, der jeden deutschen Soldaten und jede Familie, die ein Paket bekam, heute wie verbrecherische Mitorganisatoren am Krieg und freiwillige Arisierungsgehilfen aussehen lässt. Diese Konstruktion kollektiver Täterschaft ist genauso abwegig wie ihr Gegenstück, die These, dass ein ganzes Volk verführt worden sei. Trotzdem hat das Diffuse für die Junge Freiheit seinen Sinn: Wenn alle irgendwie Täter und zugleich irgendwie Opfer sind, hat Verantwortung keinen Namen mehr.


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00:00 11.03.2005

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