Propaganda aus Atlanta

Das Zensursystem des US-Fernsehsenders CNN Wie die Manager im Hauptquartier den Nachrichtenstrom lenken und Reportagen verändern

In welchem Ausmaß die Zensur während eines Krieges im Irak stattfinden wird, ist bis ins letzte Detail noch nicht festgelegt. Es spielt allerdings auch keine Rolle, inwieweit das Pentagon selbst die Berichte verändert. Denn der US-Fernsehsender CNN hat sein eigenes System der sogenannten "Skript-Genehmigung", das Reporter anweist, Kopien ihrer Texte an anonyme Offizielle im CNN-Hauptquartier in Atlanta zu schicken, um so sicherzustellen, dass diese zweckmäßig "bereinigt" werden. Weder das Pentagon noch das US-Außenministerium werden etwas zu befürchten haben. Israel wohl auch nicht.

Tatsächlich bleibt einem die Luft weg, wenn man eines der neuen CNN-Dokumente über die "Skript-Genehmigungspolitik" liest. Wörtlich steht in einer am 27. Januar herausgegebenen Anweisung: "Alle Reporter, die Sendebeiträge vorbereiten, müssen ihre Texte vorher zur Genehmigung einreichen ... Ein Beitrag ist für die Ausstrahlung erst dann zugelassen, wenn er von einem autorisierten Manager richtig bewertet, genehmigt und als Bürokopie dupliziert wurde ... Wenn ein Beitrag aktualisiert wird, muss er eine erneute Genehmigung erhalten, vorzugsweise von der ursprünglichen Genehmigungsstelle."

Die Schlüsselwörter sind "genehmigt" und "autorisiert". CNN´s Männer oder Frauen, ob in Kuwait oder Bagdad, Jerusalem oder Ramallah, kennen den Hintergrund ihrer Reportage und wissen natürlich viel mehr als die Offiziellen in Atlanta. Aber die CNN-Bosse entscheiden über die Richtung der Reportage. Auch wenn man CNN-Teams vorwerfen kann, dass sie Klischees benutzen, so versuchen sie doch, etwas von der Wahrheit herauszufinden und darüber zu berichten. Dazu werden sie beim nächsten Mal aber kaum eine Chance haben.

Wie dieses üble System funktioniert, zeigt eine Auseinandersetzung zwischen dem CNN-Reporter Michael Holmes und seinen Chefs in Atlanta. Es ging um eine Reportage über Ambulanzfahrer des Roten Kreuzes in Ramallah, die wiederholt von israelischen Truppen unter Beschuss genommen worden waren. Holmes beschwerte sich: "Wir riskierten unser Leben und begleiteten die Ambulanzfahrer ... Wir haben auch durch das Fenster mitbekommen, wie Ambulanzen von israelischen Soldaten beschossen wurden ... Die Reportage wurde genehmigt und lief zwei Mal auf Sendung, bis sie von Rick Davis (einem CNN-Manager) abgesetzt wurde, angeblich weil wir keine Stellungnahme der israelischen Armee dazu hatten. Tatsächlich aber hatten wir in unserer Reportage angegeben, dass die Israelis glaubten, die Palästinenser würden Waffen und gesuchte Männer in den Ambulanzen schmuggeln."

Zuvor hatten sich die Israelis geweigert, CNN ein Interview zu geben. Nur eine schriftliche Stellungnahme lag vor. Diese Stellungnahme wurde dann nachträglich in das CNN-Manuskript eingearbeitet, und trotzdem kam aus Atlanta erneut eine Ablehnung. Erst drei Tage später, nachdem die israelische Armee CNN ein Interview gegeben hatte, lief Holmes´ Reportage wieder auf Sendung - aber dann mit dem wahrheitswidrigen Zusatz, dass die Ambulanzen in ein "Kreuzfeuer" verwickelt waren. Suggeriert wurde, dass auch Palästinenser auf ihre Ambulanzen gefeuert hätten. Entsprechend wütend die Reaktion des Reporters: "Seit wann überlassen wir Berichterstattungen der Willkür von Regierungen und Armeen? Uns wurde von Rick gesagt, dass solange, wie wir nicht einen Israeli vor die Kamera kriegen würden, die Geschichte nicht ausgestrahlt werde. Das bedeutet, dass die Regierungen und Armeen uns indirekt zensieren und wir ihnen direkt in die Hände spielen." Die Konsequenzen dieser Praxis werden beim nächsten Golfkrieg offenkundig sein. Wir werden einen amerikanischen Offizier sehen, der alles verneint, was die Iraker sagen, falls überhaupt ein Bericht aus Irak ausgestrahlt werden sollte.

In einer Anweisung, datierend vom 31. Januar 2003, werden die CNN-Mitarbeiter unterrichtet, dass künftig ein neues computerisiertes System der Skript-Genehmigung die Kontrolleure in Atlanta unterstützen soll, damit Texte in einer klaren und standardisierten Weise markiert werden. Die Offiziellen drücken dann auf die jeweilige farbige Genehmigungs-Taste, um von rot (nicht genehmigt) auf grün (genehmigt) zu wechseln. Wenn jemand eine Veränderung des Skriptes nach der Genehmigung vornimmt, dann leuchtet die Taste gelb. Jemand? Wer ist dieser jemand? Dem CNN-Reporter wird es nicht mitgeteilt. Aber wenn wir uns vergegenwärtigen, dass CNN nach dem ersten Golfkrieg zugegeben hatte, "Auszubildende" aus dem Pentagon Zutritt zum Nachrichtenzentrum in Atlanta gewährt zu haben, dann habe ich so meinen Verdacht.

00:00 07.03.2003

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