Propaganda-Kick

Kommerz In einem Werbespot lobt Lukas Podolski die Türkei. Dürfen sich Fußballer für Politik einspannen lassen?
Propaganda-Kick
So lange es nur Angela Merkel ist, die Mesut Özil umarmt...

Foto: imago/ActionPictures

Es war eine der weniger Epoche machenden politischen Initiativen, für die sich 2010 der Fußballspieler Arne Friedrich verwendete. „Pro Reli“ sollte in Berlin dafür sorgen, dass Schulkinder mit einem Wahlpflichtfach Religion oder Ethik konfrontiert worden wären. Für den ruhigen Nordwestfalen, der bei Hertha BSC die Rolle eines Führungsspielers immer eher reserviert annahm, war das Volksbegehren eine Gelegenheit, sich einmal so richtig zu positionieren – und zwar konservativ, an der Seite der Kirchen und der CDU, und an der Seite des Potsdamer Neoprussianers Günther Jauch, der die Stadt zwischen Wann- und Müggelsee am liebsten in die Zeit von Schleiermacher und Hardenberg zurückbauen würde. Die Positionierung im Berliner Religionsstreit (der Gesetzesentwurf wurde knapp abgelehnt) hat Arne Friedrich nicht groß genützt oder geschadet, obwohl er damit ein ungeschriebenes Gesetz verletzt hat.

Türkei als Paradies

Denn von Fußballstars erwartet man eigentlich, dass sie über (oder neben) den Dingen stehen. Warum das so ist, ist nicht ganz klar, wird aber immer wieder dann deutlich, wenn jemand gegen diese Regel verstößt. Selten geschieht dies so eklatant wie im Fall von Lukas Podolski, der mit der für ihn charakteristischen Arglosigkeit in das riesige Fettnäpfchen getappt ist, das derzeit zwischen Deutschland und der Türkei liegt. Podolski, der nun in Japan spielt, hatte in einem Fernsehspot davon Zeugnis abgelegt, dass sein Engagement beim Traditionsclub Galatasaray eine „Glücksgeschichte“ darstellt. Die Glücksgeschichte wird direkt auf das gesamte Land umgemünzt, das sich in einem historisch heiklen Moment als „Paradies der Möglichkeiten“ präsentiert, während gleichzeitig viele Bürgerinnen und Bürger aus diesem Paradies ausgeschlossen werden. Podolski und sein niederländischer Clubkollege Wesley Sneijder betrieben, man kann es nicht anders sagen, Propaganda für eine Türkei, die von ihrem Präsidenten Erdoğan gerade in eine Autokratie verwandelt wird. Der Clip, der offiziell die Zwecke des türkischen Außenhandels befördern sollte, wurde jetzt von N24 und ntv aus dem Verkehr gezogen. Zu deutlich wurde hier die Aufmerksamkeit auf einen Aspekt gerichtet, der mit Prominenz im Allgemeinen und mit der Rolle von Fußballstars im Besonderen ureigenst zusammenhängt: Berühmte Menschen sind immer auch Botschafter. Diese Qualität wird häufig kommerziell verwertet, dann geben Promis ihr Gesicht einer Marke und bekommen dafür gut Geld. Bei manchen wirkt das insgesamt gut kuratiert (zum Beispiel beim deutschen Fußballbundestrainer Joachim „Jogi“ Löw), andere können sich das nicht so gut aussuchen, und dann kommen natürlich noch die Zwänge des Großsponsorings hinzu, die ganze Mannschaften dazu zwingen, gute Miene zu einem Softdrink zu machen, den man aus sportlichen Gründen eigentlich verbieten müsste.

Seit aber nicht mehr nur Produkte, sondern auch Nationen in einem Wettbewerb um Zuspruch stehen, hat sich diese Botschafterfunktion markant verändert. Auch dafür ist Lukas Podolski ein gutes Beispiel. Die türkische Liga ist sportlich nicht die erstrebenswerteste, aber man kann dort sehr gut verdienen, häufig mit einem Traumvertrag kurz vor dem Karriereende. Wer in die Türkei wechselte, wusste auch schon vor 2015, als Tayyip Erdoğan mit dem Ausbau seiner Alleinmacht begann, dass er in ein Land kam, das um die Demokratie ringt. Natürlich muss ein Fußballspieler seine Laufbahn nicht vom Freedom House koordinieren lassen, wo man die Freiheitsgrade in den einzelnen Ländern misst.

Aber de facto sind es oft rein kommerzielle „Glücksgeschichten“, die unwillkürlich politisch wirken. Das gilt derzeit besonders im Fall der Volksrepublik China, die ihren Aufstieg zu einer globalen Supermacht auch mit einer kompetitiven Fußballliga dokumentieren möchte, und dafür ganze Heerscharen europäischer Promis engagiert. Ein Stürmer wie Anthony Modeste lässt sich seinen Wechsel vom FC Köln nach Tianjin fürstlich vergüten, wird damit aber auch Markenbotschafter des rigiden Einparteiensystems, ohne auch nur ein Wort diesbezüglich zu sagen. Kuriose Ausreißer wie die zwischenzeitliche Konjunktur des aserbaidschanischen Magnatenclubs Anschi Machatschkala (für den sich Samuel Eto’o hergab) oder das sportliche Exil, das der italienische Startrainer Fabio Capello bei der russischen Nationalmannschaft, der Sbornaja, fand, zeugen ebenfalls von einer gewissen Blindheit gegenüber ungerechten Machtverhältnissen.

Der Fußball steht der Macht immer wieder nahe

Im Vergleich dazu ist die Art und Weise, wie sich die deutsche Fußballnationalmannschaft (zu der viele Jahre auch Lukas Podolski als besonderer Sympathieträger gehörte) immer wieder um die Große Koalition schart, die Angela Merkel mit sich selbst bildet, geradezu überparteilich. Aber eben doch auf eine Weise, die der Kanzlerin sehr dienlich ist. Der Fußball ist eine Macht, und er steht deswegen immer wieder der Macht nahe. Dass seine wesentlichen Körperschaften sich in ihrem Gebaren kaum von den korrupten oder undemokratischen Regimes unterscheiden, mit denen sie ihre besten Geschäfte machen, verweist eher auf die Insularität der dominierenden westlichen Ligen in den Kernländern England, Spanien und Deutschland. Wer nach England wechselt, muss sich keine Gedanken wegen der politischen Implikationen machen, unterstützt aber im Grunde auch eine Tendenz, die dem Fußball jetzt schon schwer zu schaffen macht: dass nämlich die Kräfteverhältnisse einer entfesselten Rohstoff- und Kapitalökonomie auf das Spiel übergreifen, etwa wenn Milliardäre aus Abu Dhabi einen Club wie Manchester City in ganz neue Dimensionen pushen. Pep Guardiola, der Trainer der „Citizens“, macht sich gern für den katalanischen Nationalismus stark (ist also auch so etwas wie ein politischer Markenbotschafter), ist sich aber nicht zu schade, den Erfolg seiner Mannschaft auf Verhältnissen aufzubauen, gegen die bisher keine Fair-Play-Regeln geholfen haben.

Angesichts dieser strukturellen Politisierung des Fußballs, der sich die einzelnen Spieler kaum entziehen können, nehmen sich konkrete Parteinahmen fast schon wieder harmlos aus. Aber sie können auch beträchtliche Folgen haben, wie der Fall von Änis Ben-Hatira gezeigt hat. Der Deutschtunesier, der zuletzt eine halbe Saison auch in der Türkei gespielt hat (ausgerechnet in der Frontstadt Gaziantep), hatte sich verdächtig gemacht, weil er eine islamische Wohlfahrtsorganisation unterstützte, die sich im Visier des deutschen Verfassungsschutzes befindet. Wer die Facebook-Posts von Ben-Hatira verfolgte, wird an seinen besten Absichten wenig Zweifel haben. Aber er vertritt nun einmal eine islamische Frömmigkeit, in die auch immer wieder politische Fragen hineinspielen, zum Beispiel wenn es um Israel und Palästina geht. Da gerät ein Fußballer schnell einmal in die Nähe problematischer Interpretationen.

Özil im Pilgergewand

Die Parallelen zwischen Lukas Podolski und Änis Ben-Hatira sind augenscheinlich, auch wenn es zwei ganz unterschiedlich gelagerte Fälle sind. Aber in beiden Fällen treffen subjektiv lautere Absichten auf komplexe Verhältnisse, und Authentizität verwickelt sich in Widersprüche. Und was soll man schließlich von dem Bild halten, das Mesut Özil von sich im Pilgergewand aus Mekka auf Instagram gepostet hat? Ist das eine Botschaft persönlicher Frömmigkeit? Oder doch auch ein politisches Statement? Die Pointe ist in allen diesen Fällen, dass die Antwort gar nicht die Spieler selber geben können, weil sie in eine Situation hinein senden, die sie bei all ihrer Strahlkraft nicht im Mindesten im Griff haben können. Das „Great Game“ um Einfluss in dieser Welt, von dem der Fußball nur ein Teil und zugleich ein starkes Symptom ist, arbeitet nicht zuletzt mit „Glücksgeschichten“, die alle Fans der Demokratie und freiheitlicher Gesellschaften unglücklich machen müssten.

06:00 05.08.2017

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