"Prophet Muhammad - ein Fanatiker und Kinderschänder"

Bushs Gratwanderung Das Öl, der Islam, die rechten Christen

Verärgertes Raunen im rechtschristlichen Amerika, bei den Leuten, die mit überwältigender Mehrheit republikanisch wählen und George Bushs Irak-Politik "präemptiv" absegnen: Was diesen konservativen Gläubigen nicht passt, sind die fortwährenden - und mit Blick auf die Weltöffentlichkeit wohl unerlässlichen - Beteuerungen des Präsidenten, dass der "Krieg gegen den Terrorismus" und um Himmelswillen auch der Irak-Konflikt nicht gegen den Islam gerichtet seien. Die rechten Christen nervt es, wenn Bush eine Moschee besucht, den Islam als "Religion des Friedens" lobt und - wie kürzlich - sogar christliche Prediger kritisiert, die den "gewalttätigen Islam" attackieren.

Bei diesem Konflikt treten Spannungen in der maßgebenden Partei zu Tage, da kollidiert so manches: der Anspruch einer politischen Tolerierung nichtchristlicher Religionen im angeblich multireligiösen Amerika trifft auf den spirituellen Anspruch rechtschristlicher Republikaner, dass nur die Bibel Seelenheil verspräche. Die vielen Aussagen des Präsidenten zugrunde liegende Überzeugung, dass die USA im "Kampf zwischen Gut und Böse" ein besonderes und von Gott auserkorenes Land seien, trifft auf den taktischen Zwang, nicht allzu arrogant aufzutreten. Schließlich wird das Interesse am Öl der muslimischen Länder von der politischen Notwendigkeit konterkariert, gegen extreme Vertreter des totalitären Islam vorzugehen.

In den Wochen unmittelbar nach dem 11. September 2001 wollten die konservativen Christen anscheinend keine Spielverderber sein bei der patriotischen Euphorie, dass doch die ganze Welt auf Seiten der USA stehe. Imame beteten bei offiziellen Feiern neben Bischöfen und Rabbinern, gelegentlich war auch ein Buddhist dabei oder ein anderer "Exot". Das konnte nicht ewig gut gehen. Prediger Jerry Falwell, immer auf der Suche nach Fernsehkameras und Mikrofonen, seine Kollegen Pat Robertson, Franklin Graham, Jimmy Swaggart, Benny Hinn und führende Vertreter des Südlichen Baptistenverbandes - immerhin die größte protestantische Kirche Nordamerikas - rufen inzwischen zum Kreuzzug auf. Sie wollen nicht mit Imamen beten, sondern diese bekehren.

Im Krieg zwischen "Gut und Böse" seien Muslime dem Untergang geweiht, prophezeit Benny Hinn. Der Prophet Muhammad sei ein Terrorist, ein "Fanatiker, Räuber und Wegelagerer" gewesen, ein "dämonenbesessener Kinderschänder", erklären Falwell, Robertson und Jerry Vines vom Baptistenverband. Der Islam sei eine "bösartige" Religion, sagte Franklin Graham. Der Sohn des Weltevangelisten Billy Graham gilt als enger Vertrauter des Präsidenten, er sprach sogar das Gebet bei dessen Amtseinführung. Die Beschimpfungen wurden Bush dann doch zuviel. Die anti-islamischen Statements reflektierten nicht die Meinung seiner Regierung, so der Präsident. Freilich wartete er mit seiner Rüge bis nach der Kongresswahl am 5. November.

Einer der Kritisierten - Jimmy Swaggart - legt nach: Noch nie habe er "so etwas Idiotisches und Lächerliches gehört" wie Bushs Kritik. Die Regierung solle allen Muslimen in den USA einschärfen, den Mund zu halten, sonst würden sie "rausgeschmissen". Andere Konservative reagieren diplomatischer, aber deutlich: Bushs "Undankbarkeit gehört sich nicht", mahnt der Aktivist Gary Bauer. Die konservativen Christen seien doch entscheidend gewesen beim republikanischen Wahlerfolg im November. Und nicht nur die rechten Christen laufen Sturm: Auch unter einstigen Kalten Kriegern in der neokonservativen Ecke ist es zunehmend "in Ordnung", den Islam anzugreifen und "die Analyse" zu verbreiten, der Glaube selber sei das Problem.

Der superpatriotische Amerikaner legt da gelegentlich Hand an, nach jüngsten Angaben der Bundespolizei FBI hat die Zahl der Hassverbrechen gegen Muslime im Jahr 2001 stark zugenommen. 2001 seien der Polizei 481 Übergriffe gemeldet worden - verglichen mit 28 im Jahr 2000. Auch der Menschenrechtsverband Human Rights Watch und das American-Arab Anti-Discrimination Committee berichten über zunehmende Angriffe auf arabisch, südasiatisch und "muslimisch" aussehende Menschen in den USA. Inbegriff des Islam ist für den amerikanischen Fernsehzuschauer Saudi-Arabien, der religiös-totalitäre Staat in Familienbesitz. Mit saudischem Geld werden in den USA Moscheen und islamische Zentren finanziert, die sich dann wohl zwangsläufig der restiktiven Theologie des Königshaus in Riad anpassen. Gerade sorgt für Schlagzeilen, dass die saudische Prinzessin Haifa al Faisal, Ehefrau des saudischen Botschafters in den USA, einer wohltätigen Organisation gespendet habe, das Geld aber in die Hände von Hijackern des 11. September gelangt sei. Peinlich, auch wenn es möglicherweise so nicht stimmt, legt doch das Haus Bush großen Wert auf persönliche Bindungen zum Hause Saud. Vizepräsident Cheney hat als Chef der Erdölzulieferers Halliburton gute Geschäfte gemacht in Riad.

Diese Freundschaft und die selbstgewählte amerikanische Abhängigkeit von saudischem Öl und Petrodollars zum Finanzieren der US-Schulden und Handelsdefizite hat bislang in den USA die längst überfällige Kritik an der saudischen Förderung reaktionärer muslimischer Gruppen im Ausland behindert - eine Kritik, die jetzt ausgerechnet von fundamentalistischen Christen angekurbelt wird, die selber eine eher intolerante Vorstellung von einem "Gottesstaat" haben. Doch die konservativen Christen wollen auch als Außenpolitiker ernst genommen werden. Man prangert die Christenverfolgung in Pakistan an und meldet sich zu Wort bei der Debatte über Beziehungen zu China und den Freihandel: Mit Ländern, die Christen diskriminierten und verfolgten, sollten die USA keine Geschäfte machen, heißt es.

Bislang hat es George Bush noch verstanden, seine manchmal unbequemen Freunde in der rechten Christenheit wenn nötig zu zügeln. Denn die wissen: einen viel Besseren als diesen Präsidenten kriegen sie nie. Da wird man sich auch jetzt bald wieder vertragen, gerade zur Weihnachtszeit, und wenn die Panzer gesegnet werden müssen.

00:00 13.12.2002

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