Prost!

Kehrseite II Peter B., ein 22-jähriger Informatikstudent, fuhr im September mit seinem Volkswagen frontal in eine Gruppe Schulkinder und tötete zwei davon, die ...

Peter B., ein 22-jähriger Informatikstudent, fuhr im September mit seinem Volkswagen frontal in eine Gruppe Schulkinder und tötete zwei davon, die anderen kamen mit leichten Verletzungen und dem Schrecken davon. Peter B. wurde zu einem halben Jahr auf Bewährung verurteilt. Laut Polizeibericht stand er unter starkem Nikotineinfluss.

Wolfgang Z. erschlug in einer lauen Mai-Nacht seine Frau und seine vier Kinder mit einer Axt, die er am selben Tag zu einem äußerst günstigen Preis im Baumarkt gekauft hatte. Die Nachbarn hatten die Polizei verständigt, als sie laute Schreie aus dem Haus hörten. Die ermordete Ehefrau hatte vor zwei Wochen die Scheidung eingereicht. Ihr Mann Wolfgang war jahrelang Raucher und hatte schon mehrfach mit Gewalt gedroht. Eine dreijährige Teilnahme bei den A.R., den anonymen Rauchern, hatte nicht geholfen, er wurde nach der letzten Sitzung umgehend rückfällig.

Laura G., Hausfrau aus M., ist noch immer auf der Suche nach ihrer Tochter J., die kurz nach ihrer Einschulung in falsche Kreise geriet und erste Erfahrungen mit Menthol-Zigaretten machte. Nach Aussage ihrer Freundin C. brauchte sie schon bald einen stärkeren "Kick" und stieg auf Filterlose um.

"Ein Schicksal, wie es sie zu Tausenden gibt", sagt auch Bernd K., Leiter der Sonderkommission "Tabak", der in den vergangen Jahren verstärkt Jugendliche auf die schiefe Bahn abrutschen sah. "Ein Problem, dem wir nicht gewachsen sind."

Der Einzelhandel baut dabei weiter auf Profit, und Kassiererinnen blicken heutzutage gar nicht mehr auf, wenn ein Jugendlicher mit einer Packung Zigaretten an der Kasse steht - ein Teufelskreis. Mittlerweile haben auch die Tabak-Konzerne jede Scham verloren und vertreiben sogenannte Niko-Pops in Discotheken. Dabei handelt es sich um Mix-Zigaretten aus Nikotin und Zucker. Besonders junge Mädchen stoßen sich oft am bitteren Geschmack des Nikotins, was durch die Beimischung umgangen wird. Streetworker haben alle Hände voll zu tun, die nikotinisierten Jugendlichen davon abzuhalten, nach dem Discobesuch ihr Auto zu benutzen und sich oder unschuldige Verkehrsteilnehmer zu gefährden

"Es ist ein guter und wichtiger Schritt", sagt Paul W., Sprecher des Verbraucherschutz-Ministeriums, "dass nun endlich das Tabak-Werbeverbot in Kraft tritt. Wie viel bitteres Leid kann so verhindert werden!" Er begrüßte, dass im Gegenzug dazu endlich die lästigen "Saufen tötet!"-Aufkleber von Schnaps- und Bierflaschen verschwinden, die seit Jahren allen Freunden eines geistigen Tropfens den Appetit verdarben.

Mathias Klaschka, zuletzt im Freitag 10/2005 mit dem Text Der böse Robert, lebt und raucht als Drehbuchautor in Berlin.


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00:00 03.06.2005

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